Ein Harpersdorfer kämpft sich vom Regimentsvizemeister zum WM-Dritten

Dem Harpersdorfer Volkmar Schaller wird der 7. Judo-Dan verliehen. Seit 52 Jahren hat er sich dem japanischen Kampfsport verschrieben.

Dem 65-jährigen Harpersdorfer Volkmar Schaller wurde als erst drittem Thüringer der 7. Dan im Judo verliehen.

Dem 65-jährigen Harpersdorfer Volkmar Schaller wurde als erst drittem Thüringer der 7. Dan im Judo verliehen.

Foto: Jens Lohse

Harpersdorf. Als Volkmar Schaller 1968 in Hermsdorf Kegel aufstellt, hört er über sich im Rathaussaal immer wieder dumpfe Geräusche. Neugierig klettert er zum Fenster hinauf, schaut hinein und sieht Soldaten beim Judo-Training.

"Ich war von Anfang an davon begeistert, wollte unbedingt mitmachen. Kurz darauf sind die Judo-Kämpfer in die Friedensschule umgezogen. Und ich war dabei", erzählt Volkmar Schaller über seinen Erstkontakt zu der Sportart, die ihn nun schon seit 52 Jahren bewegt.

Nach ersten Versuchen beim Fußball und Handball fand Volkmar Schaller schnell zum Judo, wo Heinrich Grommas im November 1968 bei Motor Hermsdorf sein erster Übungsleiter war. Bereits mit 16 Jahren übernahm er verantwortlich die Hermsdorfer Judo-Sektion. 1971 legte er die erste Kampfrichter-Prüfung ab. Schon 13 Jahre später gehörte der Harpersdorfer zum Stamm der internationalen DDR-Kampfrichter, war später unter anderem in der Bundesliga und bei 24 Internationalen Thüringenpokal-Turnieren im Einsatz. Seit 1973 fungiert Volkmar Schaller als Übungsleiter. 1974 war er mit 19 Jahren der jüngste Gürtelprüfer im Osten Deutschlands.

"Ich hatte die Prüfungsordnung und die einzelnen Würfe auswendig gelernt", erinnert sich der 65-Jährige heute. Die vielfältigen Funktionärsaufgaben hemmten die eigene sportliche Entwicklung etwas. "Mein größter Erfolg war 1975 der Regimentsvizemeistertitel bei den Bau-Pionieren. Besser lief es dann mit 60 Jahren, als ich nacheinander WM-Dritter in Amsterdam, deutscher Meister und Vizeeuropameister in Porec geworden bin", verrät Volkmar Schaller, der zusammen mit Dirk Haas derzeit die Harpersdorfer Judo-Fäden in der Hand hält. "Er kann Leute motivieren, sie mitreißen, egal ob Kinder, Erwachsene oder Veteranen. Manche hat er von der Straße zum Training in die Halle geholt", schätzt ihn Dirk Haas sehr, der ihn seit 27 Jahren kennt und 1993 nach Harpersdorf kam, weil er einen Verein zum Ablegen der Schwarzgurt-Prüfung suchte.

Ein Antreiber und Motivator

"Damals war er Thüringer Landeslehrwart und sprühte nur so vor Ideen. Er hat mich permanent vorwärts getrieben, von einer Kampfrichterprüfung zur nächsten, von einem Dan zum anderen. Er brauchte stets eine Aufgabe, wollte aber immer einen Verein, der sich dem Breiten- und nicht dem Leistungssport verschreibt", wird Volkmar Schaller von seinem langjährigen Wegbegleiter charakterisiert.

Bis 2017 war er 21 Jahre lang Vizepräsident des Thüringer Judoverbands. Weiterhin aktiv ist er als Landesprüfungsreferent. 5650 Gürtelprüfungen hat er abgenommen. Den SV Harpersdorf gründete er 1991, steht ihm seitdem vor. "Ich wollte nie eine Abteilung Fußball oder eine Abteilung Kegeln. Die gibt es in Kraftsdorf. Neben dem Judo kann man sich bei uns derzeit im Badminton, Seniorensport und Volleyball betätigen. Die Sporthalle, die nach der Wende am Ortseingang errichtet wurde, ist natürlich ein Segen", so Volkmar Schaller, der verantwortlich dafür zeichnet, dass in Harpersdorf seit 1994 alljährlich im April die Landesmeisterschaften der Männer und Frauen im Einzel und der Mannschaften ausgetragen werden.

Viele alte Judoka hat Volkmar Schaller zurück auf die Matte geführt, so auch seinen ersten Übungsleiter. "Er hat mich so lange bekniet, bis ich irgendwann den Mut aufgebracht habe, zurückzukommen. Das war die beste Entscheidung, die ich als Rentner getroffen habe", sagt Heinrich Grommas, der 2019 den ersten Dan ablegte, nachdem er sich im gleichen Jahr den Titel als deutscher Ü-80-Meister gesichert hatte. "Den Veteranen macht es Spaß, sich bei uns zu betätigen. Es gibt keinen Zwang. Sie können Fußball oder Volleyball spielen, Krafttraining machen, auf die Matte gehen. Bei uns finden sie ihre Heimat", verrät Volkmar Schaller das Harpersdorfer Geheimnis. Auch Lothar Schertel ist in der Sporthalle heimisch geworden. "Er kam zu uns mit 125 Kilogramm und einem Asthmaspray. Mittlerweile ist er Vizeweltmeister und Träger des 2. Dans", so Volkmar Schaller, der besonders stolz darauf ist, dass er 2018 zu den nationalen Titelkämpfen in Wiesbaden 20 Harpersdorfer Veteranen mobilisieren konnte. "Da waren wir der stärkste Verein Deutschlands", erzählt er voller Stolz.

Nur Stillsitzen kann der 65-Jährige nicht, der als Hans Dampf in allen Gassen von vielen längst als heimlicher Harpersdorfer Bürgermeister angesehen wird. Als in den letzten Monaten das Trainingsaufkommen Corona-bedingt etwas abebbte, baute Volkmar Schaller seine Scheune aus, errichtete in ihr ein 30 Quadratmeter großes Dojo und ein japanisch angehauchtes Judo-Traditionszimmer. Dort wird auch die Urkunde über die Verleihung des 7. Dans ihren Platz finden, die der TJV-Präsident Tino Berg überbrachte. Zuvor hatte die Mitgliederversammlung des Deutschen Judo-Bundes dem eingereichten Antrag stattgegeben. Nach Charly Peters und Angelika Wilhelm ist Volkmar Schaller erst der dritte Thüringer, dem diese Ehre zuteil wurde.