Ein Thüringer auf Stadienjagd

Bad Langensalza.  Markus Fromm ist Stadionsprecher des FSV Preußen Bad Langensalza. Sein Hobby: Groundhopping. Innerhalb von vier Monaten besuchte er 116 Partien in neun südamerikanischen Ländern.

Markus Fromm ist Stadionsprecher des FSV Preußen Bad Langensalza

Markus Fromm ist Stadionsprecher des FSV Preußen Bad Langensalza

Foto: Privat

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Markus Fromm ist nicht nur Stadionsprecher des FSV Preußen Bad Langensalza, er ist dem Fußball auch auf besonders spektakuläre Art und Weise verbunden. Als „Groundhopper“ versucht er, Spiele in möglichst vielen Stadien dieser Welt zu sehen. Seine bisher größte (und strapaziöseste) Reise führte Fromm 2019 nach Südamerika. Hier besuchte der 30-Jährige 116 Partien in neun Ländern und erlebte dabei vier Monate lange echte Abenteuer.

Nach einem fast fußballfreien Auftakt mit einer Woche auf Aruba und Curacao begann der Ernst der Reise in Kolumbien. Diese drei Wochen mit 15 Spielen sah Fromm später als Höhepunkt der Tour an, aber das wusste er zu diesem Zeitpunkt natürlich noch nicht.

Neben Duellen in Bogota, Medellin und Cali erlebte er auch unterklassige Spiele in entlegensten Regionen. Die Angst, die er aufgrund des zweifelhaften Rufs von Kolumbien zuvor gehabt hatte, erwies sich als unbegründet. Lediglich die Sprachbarriere gestaltete das Verständigen manchmal als schwierig, weil Fromm weder Spanisch noch Portugiesisch spricht und Englisch in Ländern mit lateinischen Muttersprachen keine Rolle spielt. Aber Fromm hat jenes Abenteurertum in sich, das sich so viele wünschen, aber nur wenige haben.

So saß er viele Stunden in Überlandbussen mit Mitreisenden jeder Couleur. Eine Fahrt dauerte 14 Stunden und führte durch atemberaubende Berglandschaften. In Cali nutzte Fromm die Ladefläche eines Jeeps, langweilig wurde es ihm nie. Auch nicht, als auf der Überfahrt nach Ipiales der Bus streikte und die Fahrgäste drei Stunden lang in der Pampa ausharren mussten.

Billige Hotels in Ecuador für acht bis zehn Dollar

Sechs Stunden lang ging es nach Quito – hier, in Ecuador, brauchte Fromm keine Unterkunft, er konnte bei dem Bruder eines früheren Schulkameraden wohnen. Ansonsten verlegte sich Fromm auf billige Hostels von acht bis zehn Dollar pro Nacht, um die Reisekasse zu schonen. Beim Spiel in Quito zwischen America und LDU gab es zur Freude von Fromm auch Bier im Stadion. Das ist in Südamerika eigentlich nicht üblich, der Stimmung tut die Alkoholfreiheit indes keinen Abbruch. Ein Nachtbus nach Guayaquil, die Besichtigung des weltberühmten Vulkans Chimborazo, dann war Ecuador für Fromm Geschichte.

Nächste Station war für zwei Wochen Peru, doch zunächst taten sich Hindernisse auf. Es gab keinen direkten Bus nach Peru, sondern nur bis zur Grenze: Zwei Stunden Grenzkontrolle, vier Stunden Pause und kein W-Lan. Zumindest letzteres Problem hatten frühere Generationen von Reisenden noch nicht.

Nach 24 Stunden Busfahrt von der Grenze nach Lima wurde selbst ein Fromm müde. Immerhin hatte er das riesige Land fast komplett durchquert. Fußball gab es in Lima auch, von Meister Allianza Lima bis zu unbekannten Viertligisten.

Nach einem Abstecher für ein Wochenende nach Bolivien zum Titicacasee ging es zurück nach Peru, wo neben Fußball für Fromm die Besichtigung eines Denkmals aus Langensalzaer Travertin auf dem Programm stand. In Trujillo hat sich der Dresdner Bildhauer Eduard Möller damit verewigt.

Den Weg nach Santiago de Chile legte Fromm völlig überraschend mit dem Flieger zurück, hier kapitulierte er vor den riesigen Entfernungen. Das Flair der Länder zuvor vermisste Fromm in Chile beim Fußball. Im berüchtigten Nationalstadion, das 1973 als Gefängnis diente, sah der Thüringer Weltenbummler zu seinem Leidwesen kein Spiel.

Doch die beiden größten Fußballnationen sollten zum Glück noch folgen. Am 1. April ging es nach Argentinien, und in Buenos Aires fand wirklich jeden Tag von Mittag bis Mitternacht irgendwo hochkarätiger Fußball statt.

Fromm sah erstaunliches. Bei aller enthusiastischen, teils auch aggressiven Stimmung gab es fast keine Pyrotechnik und überhaupt keine Böller. Das von der WM 1978 nach Europa geschwappte ständige Werfen von Papierschnippseln ist in Argentinien längst aus den Stadien verschwunden.

Flutlicht ging aus: So lange gespielt, bis 90 Minuten zusammen waren

Von vierter Liga bis Coppa Libertadores – kein Stadion in Buenos Aires war vor Fromm sicher. Zwei Spiele pro Tag, irgendwie gab es immer Tickets, von einfachem Kauf bis Schwarzmarkt in dunklen Ecken war alles dabei, aber mehr Fußball in ursprünglichster Atmosphäre ging nicht. In einem Spiel der zweiten Liga ging mehrfach länger das Flutlicht aus, also spielte man eben bis 24 Uhr, bis man 90 Minuten zusammen hatte. Bei den Argentinos Juniors traf Fromm einen Freund aus Münster, so kam er über Beziehungen sogar an die begehrten Tickets für Partien der Traditionsvereine Boca Juniors und River Plate.

Nach einer 21-stündigen Busfahrt nach Paraguay erlebte der 30-Jährige in seinem Hostel morgens um 8 Uhr sogar noch das Thüringenpokal-Halbfinales seiner Preußen per Livestream. Es folgte eine Woche Uruguay mit Fußball im Estadio Centenario in Montevideo, Schauplatz des ersten WM-Finales 1930. Und schließlich folgten vier Wochen Brasilien, mit viel Sao Paulo und einem kleinen Anteil Rio. „An das Flair von Kolumbien und Argentinien reichte das nicht heran“, sagte Fromm, „trotz Maracana und Copa America“.

Dass Fromm von Sao Paulo extra zum Thüringenpokalfinale nach Deutschland flog, um danach zwei Wochen Urlaub in Brasilien dranzuhängen, gehört wohl zur sympathischen Verrücktheit des Bad Langensalzaers. Und ein bisschen von dieser Verrücktheit hätte wohl jeder von uns gerne.

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