Eisenbichler: „Wir haben kein Schießproblem“

Antholz.  Um den Rückstand zur Spitze zu verringern, setzen deutsche Biathleten auf ein Kompetenzteam.

Bernd Eisenbichler ist seit 2019 Biathlon-Chef im deutschen Skiverband.

Bernd Eisenbichler ist seit 2019 Biathlon-Chef im deutschen Skiverband.

Foto: Sven Hoppe / dpa

Die Sonnenstrahlen beginnen gerade die gezuckerten Spitzen der Rieserferner-Gruppe zu kitzeln. Biathlon-Touristen machen sich auf zum Kronplatz, um am Ruhetag der Weltmeisterschaft selbst auf die Ski zu steigen. Da kommt auch Bewegung in den „Alpenhof“. Die Waffe geschultert, verlässt Denise Herrmann das Teamhotel in Niederrasen. Das Training ruft. Und vor den Staffelrennen an diesem Samstag liegt einmal mehr der Fokus auf den Schießübungen.

„Ich bin mit meinen Schießleistungen hier noch nicht ganz zufrieden“, sagt Herrmann, „aber deshalb umso mehr motiviert, noch mal etwas gucken zu lassen. Auch die deutschen Männer sind nach dem Einzel-Desaster, als 24 von 100 Schüssen ihr Ziel verfehlt hatten, auf Wiedergutmachung aus. Ein generelles Schießproblem sehen aber weder Bundestrainer Mark Kirchner, noch der neue sportliche Leiter Bernd Eisenbichler.

„Im Biathlon gilt es, sich jeden Tag den Stand neu zu arbeiten“, sagt Kirchner. Neben der körperlichen Verfassung haben auch die sich ändernden Streckenbedingungen und Witterungsverhältnisse einen Einfluss auf das Schießverhalten. Eisenbichler, seit knapp einem Jahr beim Deutschen Ski-Verband, attestiert seiner Mannschaft ein „hohes Niveau im Schießen“. Das hätten die Erfolge in den vergangenen Jahren gezeigt. „Man muss nicht alles über den Haufen werden, nur weil ein Einzel mal schlecht lief. Wir haben kein Schießproblem.“

Allerdings, und das zeigen die Ergebnisse im Saisonverlauf, hinken die deutschen Skijäger derzeit den Top-Nationen hinterher. Die besten vier Schützen Russlands kommen in diesem Winter auf eine Trefferquote von 92 Prozent; jene von Norwegen auf 87,25 und die der Franzosen auf 86,25. Das stärkste DSV-Quartett bringt es auf 85,25 Prozent. Die WM-Resultate liegen sogar noch darunter und sind die Ursache, dass es bisher keine Einzelmedaille bei den Männern gab.

Eisenbichler hat die Konkurrenz sehr wohl im Blick und scheut sich nicht, bei anderen etwas abzugucken. In 20 Jahren als Entwicklungshelfer im US-Biathlon blieb ihm nichts anderes übrig, als Trends zu erkennen und auf die eigene Situation zu projizieren. Nach der Saison soll analysiert werden, wie man sich im deutschen Team „punktuell verbessern kann“. Klar sei, dass man „individuelle Antworten“ finden müsse. „Acht Top-Athleten ein Einheitskonzept drüber zu stülpen, funktioniert nicht“, sagt der Bayer.

Längst setzen jedoch zahlreiche Nationen auf einen ausgewiesenen Schießexperten im Weltcup; damit tun sich die Deutschen bislang noch schwer. Die Expertise des 2018 zum Schieß-Bundestrainer erkorenen Gerald Hönig wird kaum in Anspruch genommen. Ob man künftig eventuell Kompetenz aus dem Ausland holt, wollte der sportliche Leiter weder bestätigen noch ausschließen: „Wir müssen sehen, wer und was uns helfen kann.“

Um den Nachwuchs zukunftsfähig aufzustellen, hat Eisenbichler unterdessen ein Kompetenzteam gebildet, das „eine Basisstrategie und, wenn man so will, eine deutsche Handschrift entwickeln soll“. Zu diesem Gremium gehören ne-ben Hönig unter anderem noch der Nachwuchs-Cheftrainer Zbigniew Szlufcik, der Oberhofer Waffentechniker Sandro Brislinger und Turin-Olympiasieger Michael Rösch. Bis April soll ein Konzeptpapier entstehen, das dann an allen Stützpunkten vorgestellt wird.

Eisenbichler: „Unser Ziel ist es, unseren Nachwuchs im Schießen schneller auf ein hohes internationales Niveau zu bringen.“ Viel Zeit bleibt nicht. Die Olympischen Spiele 2022 in Peking und die Heim-Weltmeisterschaften ein Jahr später in Oberhof stehen vor der Tür.