FC Carl Zeiss Jena: Zum 50. Geburtstag spricht Miroslav Jovic über Trainer, Talente und Turbulenzen

| Lesedauer: 8 Minuten
Miroslav Jovic ist Sportlicher Leiter des Nachwuchsleistungszentrums.

Miroslav Jovic ist Sportlicher Leiter des Nachwuchsleistungszentrums.

Foto: Tino Zippel

Jena.  Er ist mit dem FC Carl Zeiss Jena in den vergangenen 21 Jahren durch Höhen und Tiefen gegangen: Miroslav Jovic. Jetzt plaudert er aus dem Nähkästchen.

Am Donnerstag, 25. März, feiert Miroslav Jovic seinen 50. Geburtstag. Im Interview blickt er auf 21 Jahre FC Carl Zeiss Jena zurück – und nimmt mit auf eine Reise hinter die Kulissen des Fußballvereins.

Sie feiern Ihren 50. Geburtstag. Fällt die Party aus?

Nein, die wird nur verschoben auf die Zeit ohne Beschränkungen. Die Gästeliste ist schließlich nicht kurz.

Sie gehören dem FCC seit 21 Jahren an: Sie waren Spieler, Stürmertrainer, Chefscout, viermal Co-Trainer, heute sind sie der Sportliche Leiter im Nachwuchsleistungszentrum – quasi das „Mädchen für alles“.

Über die Zeit könnte ich ein Buch schreiben angesichts der vielen Erlebnisse, Turbulenzen und Trainer, die hier durchgelaufen sind. Das wäre ein Bestseller.

Wer war der beste Trainer, wer der schlechteste?

Wer war der beste Trainer?

Heiko Weber, Andreas Zimmermann, René van Eck, Mark Zimmermann. Von Volkan Uluc habe ich viel gelernt. In die Zeit fällt der Pokalsieg gegen den HSV oder das 2:0 im Thüringenpokal gegen den Favoriten aus der Landeshauptstadt. Wir wussten, dass wir nicht mehr aufsteigen, und haben uns nur auf den Pokal konzentriert.

Wer war der schlechteste Trainer?

Namen nenne ich nicht. Am unsympathischsten waren mir diejenigen, die hergekommen sind und sich nicht mit dem Verein identifiziert haben. Denen ging es nur um den Job und das Geld.

Warum sind Sie im Jahr 2000 nach Jena gekommen? Sie waren doch gerade erst mit Energie Cottbus in die erste Bundesliga aufgestiegen.

Nach dem Aufstieg lief mein Vertrag noch ein Jahr. Aber der Kader wuchs auf 40 Spieler. Da wusste ich, dass ich wenig Spielzeit bekomme. Steffen Patzer hatte nach einem Freundschaftsspiel angerufen und gefragt, ob ich nach Jena wechsle.

Wollten Sie gleich?

Ich habe sofort gefühlt, dass einem die Fans hier ganz anders begegnen. In Jena war das Bauchgefühl komplett anders als in Cottbus. Ich bekomme heute noch Gänsehaut, wenn ich daran denke, wie es war, im Jenaer Stadion aufzulaufen.

Wirklich erfolgreich war die Mannschaft nicht, sondern stieg als Tabellenletzter in die vierte Liga ab.

In meiner ersten Saison haben meine sieben Tore leider nicht zum Klassenerhalt beigetragen. Die Qualität war vorhanden, aber jeder hatte zu viele Freiheiten. Slavko Petrovic hat es nicht geschafft, eine Mannschaft zu formen. Wir sind an der fehlenden Disziplin gescheitert.

Ungewöhnliche Methoden unter Slavko Petrovic

Petrovic soll ungewöhnliche Methoden gehabt haben?

Durchaus. In der Kabine hing eine Wasserflasche, auf der in allen Sprachen „Glück“ notiert war. Jeder Spieler musste die Flasche vorm Spiel anfassen. Dabei weiß jeder: Glück bringt nicht, wenn ich eine Flasche halte, sondern man muss es sich hart im Training erarbeiten.

Sie waren einer der wenigen, der nach dem Abstieg in die Oberliga geblieben ist.

Damals hatte ich höherklassige Angebote, etwa von den Stuttgarter Kickers. Ich bin aber einer, der beim Verein bleibt, wenn das Gefühl stimmt, habe nur für fünf Vereine in meiner Laufbahn gespielt. Ich wollte mit 30 Jahren nicht noch einmal woanders neu anfangen.

Drei Spielzeiten scheiterte Jena am Wiederaufstieg. Warum?

Uns fehlten die Konstanz und Geduld. In der ersten Saison haben wir die ersten zehn Spiele gewonnen, danach aber nur sieben Punkte aus sieben Spielen geholt. In der Oberliga waren mit Dynamo Dresden oder dem VfB Leipzig auch Vereine am Start, die Profispieler aus der ersten und zweiten Liga einsetzten.

Das war das Erfolgsrezept für den Doppelaufstieg unter Heiko Weber

Erst unter Heiko Weber gelang der Aufstieg.

Mit ihm haben wir es geschafft, die Identifikation wiederherzustellen: vom Trainer bis zum Spieler. Zudem hatten wir viele Spieler mit höherklassiger Erfahrung: Torsten Ziegner, Mark Zimmermann, Ronny Thielemann, Faruk Hujdurovic und mich. Heute würde kein Spieler aus der Bundesliga mehr in die Regionalliga wechseln. Dazu kamen die jungen Spieler wie Tobi Werner – eine perfekte Mischung, die zu zwei Aufstiegen in Folge führte. Das waren die glücklichsten Momente.

Nach dem Doppelaufstieg hörten Sie als Spieler auf. Warum?

In der Regionalliga plagten mich Verletzungen. Ich hatte Angebote aus Magdeburg oder Plauen, aber keinen Bock mehr, mich mit 35 Jahren zu beweisen. In dem Alter kannst du nur schlechter werden.

Sie waren danach als Chefscout aktiv. Wen haben Sie entdeckt?

In Summe waren es bestimmt 40 Spieler, die ich nach Jena gelotst habe, darunter Maximilian Wolfram, Soufian Benyamina, Timmy Thiele oder Marcel Bär.

Wie lief das ab?

Bei Maximilian Wolfram war ich sonntags um 9.30 Uhr bei einem Spiel an einem Schlackeplatz, habe dort seine Mutter angesprochen, meine Visitenkarte überreicht. Sie hat später angerufen und fürs Sichtungstraining zugesagt.

Haben Sie blindlings die Spiele abgeklappert?

Nein, meist habe ich Tipps aus meinem Netzwerk bekommen, wo es sich lohnt, mal hinzufahren. Als kleiner Klub haben wir nicht so viel Geld und Zeit, 20 Mal ein Dorf zu besuchen. Du musst in der Lage sein, schnell ein Gefühl für die Qualität eines Spielers zu entwickeln und die Eltern zu überzeugen, ihr Kind nach Jena zu geben.

„Wir müssen realistisch einschätzen, dass wir Spieler der Kategorien 1 und 2 nicht bekommen“

Wie groß ist der Wettbewerb um die Talente?

Wir müssen realistisch einschätzen, dass wir Spieler der Kategorien 1 und 2 nicht bekommen. Hier locken die Nachwuchsleistungszentren der Bundesligisten schon mit viel Geld für die Spieler und teils sogar mit Jobs für die Eltern. Wir müssen uns auf jene konzentrieren, die zwischen Kategorie 2 und 3 rangieren, aber bei denen Einstellung und Mentalität stimmen. Ein großer Vorteil ist unser Sportgymnasium, das viele Familien überzeugt.

Welche Spieler passen am besten ins Raster?

Unser Ziel muss sein, eine läuferisch und kämpferisch leidenschaftliche Truppe zusammenzustellen, die mit den Fans im Rücken etwas erreichen kann.

Wie schätzen Sie die Lage des FC Carl Zeiss Jena heute ein?

Es geht nur über die Identifikation: Die größten Erfolge hatten wir mit Heiko Weber und Mark Zimmermann. Nun haben wir die Identifikation mit Tobi Werner zurückgeholt. Wirtschaftlich ist die Unterstützung durch Roland Duchatelet unser großes Glück.

Einige Nachwuchsspieler haben wegen Corona keinen Bock mehr

Wie übersteht die Nachwuchs­abteilung die Corona-Pandemie?

Wir hoffen, dass wir bald den Betrieb wieder hochfahren können. Ein paar Nachwuchsspieler haben schon signalisiert, dass sie keinen Bock mehr haben und es bequemer ist, vor der Glotze zu sitzen. Diese Fälle mögen die Ausnahme bleiben.

Haben Sie weiter Bock auf den Job?

Ich hatte Angebote mit viel mehr Geld. Aber in Jena bin ich zuhause, hier sind meine beiden Kinder geboren. Alles, was ich habe, ist in Jena. Daher beschäftige ich mich nicht mit Offerten: Ich bin hier und mache das Maximum, was ich kann.

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