Führende Mediziner sehen kein Doping in Erfurter Blut-Affäre

Gutachten entlasten den Thüringer Arzt und Sportler. Laut Experte Jelkmann ist die UVB-Methode erst seit 2012 verboten.

Der Eingang zum Olympiastützpunkt in Erfurt. Foto: Marco Kneise

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Erfurt. Dem Sportausschuss des Bundestages und der Staatsanwaltschaft liegen in der sogenannten Erfurter Blutaffäre drei neue Gutachten beziehungsweise Stellungnahmen auf dem Tisch. In denen sagen drei führende Mediziner - unabhängig voneinander - klipp und klar: In dem Fall handelt es sich nicht um Blutdoping. Damit dürften sowohl der Arzt Andreas Franke als auch die angeblich betroffenen 30 Thüringer Sportler entlastet werden.

Die Affäre beschäftigt sogar einen weltweit renommierten Hämatologen aus Italien. Professor Alberto Zanella aus Bologna vertrat einst im brisanten Fall von Claudia Pechstein den Eisschnelllauf-Weltverband ISU - also die Gegenseite des deutschen Eisschnelllauf-Stars, der in einem umstrittenen Verfahren wegen erhöhter Blutwerte gesperrt worden war.

Zanella äußert in seinem Schreiben zum Erfurter Fall, das unserer Zeitung vorliegt: "Weder die Entnahme von 50 Millilitern Vollblut und deren anschließende Reinfusion zehn Minuten später, noch die UV-Licht-Behandlung des Blutes erhöhen die Sauerstoff-Transferkapazität des Blutes. Somit kann die UV-Blutbestrahlung nicht als Blutdoping betrachtet werden."

Franke soll am Olympiastützpunkt von 2006 bis 2011 insgesamt 14 Radsportler, je fünf Leichtathleten und Eisschnellläufer sowie zwei Handballer mit der Methode behandelt haben. Er beteuerte immer wieder: ausschließlich zur Infektbehandlung, nie zum Zwecke der Leistungssteigerung.

Dennoch ermittelt die Staatsanwaltschaft. Die Nationale Antidoping-Agentur Nada hat Verfahren gegen Radsportler Jakob Steigmiller und Eisschnellläuferin Judith Hesse eingeleitet, die noch im Jahr 2011 damit behandelt wurden.

Ähnlich wie Zanella sieht es Prof. Stefan Eber. "Die Nada ist gut beraten, den Anklagepunkt des Blutdopings schnellstmöglich fallenzulassen", so der Münchner Hämatologe. Die UV-Behandlung "erhöht nicht den Sauerstofftransfer von Blut und ist demnach kein Blutdoping", sagt der Verfasser von Lehrbüchern der Transfusionsmedizin. Auch nach Angabe des Herstellers der UVB-Geräte (Eumatron München) und des Initiators der Behandlung - dem Mecklenburger Arzt Wiesner - sei kein leistungssteigernder Effekt der Behandlung zu erwarten, so Eber.

"Blut und Sauerstofftransport" - dies ist seit 35 Jahren das Fachgebiet von Professor Wolfgang Jelkmann. Liegt im Erfurter Fall Blutdoping vor? "Nein, weil der Sauerstofftransfer nicht erhöht wird", sagt der Direktor des Instituts für Physiologie an der Universität Lübeck. Der Sauerstofftransfer hänge von der Masse des Blutfarbstoffs Hämoglobin ab. "Diese wird in dem Fall nicht erhöht, es kommt letztlich sogar zu einer geringen Abnahme", habe seine Studien zu der Methode gezeigt, die 1928 in den USA erstmals an Patienten angewendet wurde.

Aktuell nutzen allein über 8000 Ärzte und Heilpraktiker in Deutschland die Behandlung als Alternativ-Medizin - zur Bekämpfung von Infekten und Gefäßleiden. Für nachgewiesen wirksam hält Jelkmann die Methode nicht, aber angesichts der Nutzerzahlen durchaus für "anerkannt". Dies habe auch mit Placebo-Heileffekten zu tun - also einer positiven Veränderung des subjektiven Befindens ohne konkrete pharmakologische Wirkung.

Die Gretchenfrage in den Ermittlungen zum Erfurter Fall sei indes die verschieden interpretierbare und über die Jahre mehrfach veränderte Definition für Blutdoping durch die Welt-Antidoping-Agentur Wada, für die Jelkmann bereits mehrfach als Gutachter auftrat. Blutdoping liege seit 2005 vor, "wenn missbräuchlich eine Technik oder Substanz angewendet wurde, welche die Masse roter Blutzellen vergrößert, sodass mehr Sauerstoff transportiert wird. Das ist bei der UVB nicht der Fall", so Jelkmann.

2011 sei ein Absatz eingefügt worden, "der sportjuristisch strittig sein dürfte, medizinisch jedoch nicht". Demnach wurde jegliche Blutinfusion verboten. Bei der UVB wird aber eine Injektion der 50 ml Blut mittels Spitze vorgenommen. "Eine Infusion ist jedoch eine kontinuierliche Verabreichung größerer Flüssigkeits-Volumina", erklärt Jelkmann.

Erst für 2012 wurde der Absatz nochmals geändert, verbietet nun auch Injektionen. Jelkmann: "Damit ist die UVB seit 2012 verboten."

Der Olympiastützpunkt beendete die Zusammenarbeit mit Franke bereits im Mai 2011 . . .

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