Fußballer Marcel Decker: Der Unterschätzte

Erfurt.  Die wichtige Rolle, die der 29-jährige Allrounder beim Thüringenligisten FC Erfurt Nord spielt, hatten ihm nur wenige zugetraut.

Vielseitig: Obwohl Marcel Decker (rechts) als Rechtsverteidiger nicht aus der Stammelf wegzudenken war, agierte er nach einer Sperre jüngst im rechten und linken Mittelfeld – und brillierte als Torschütze.

Vielseitig: Obwohl Marcel Decker (rechts) als Rechtsverteidiger nicht aus der Stammelf wegzudenken war, agierte er nach einer Sperre jüngst im rechten und linken Mittelfeld – und brillierte als Torschütze.

Foto: Sebastian Dühring

Der Verein holt sich fertige Leistungsträger aus dem Stadtgebiet, Gestandene aus höheren Ligen, er schwächt die Konkurrenz: Diesem Image, das so manchem fußballinteressierten Landeshauptstädter beim Gedanken an den FC Erfurt Nord seit etlichen Jahren auf den Zungen tänzelt – ob grundsätzlich beleg- oder widerlegbar –, entspricht ein Akteur aus dem Kader des Thüringenligisten schlichtweg überhaupt nicht. Und dennoch ist Marcel Decker längst zu einem wichtigen Bestandteil des Corona-Saison-Aufsteigers vom Sportforum an der Grubenstraße geworden.

Steigerung nach zäher erster Saison an der Grubenstraße

Als Decker 2015 vom damaligen Kreisoberligisten An der Lache/Concordia zum Landesklässler Nord wechselte, zweifelten wohl kaum weniger fußballinteressierte Landeshauptstädter an dessen Eignung für den schon damals technisch anspruchsvollen und ambitionierten Kader. „Die erste Saison war auch extrem zäh. Da kam ich gerade mal auf fünf Einsätze, die Trainer haben mich nicht im Stamm gesehen, und eine Verletzung kam noch dazu.“

Gut fünf Jahre später spielt der heute 29-Jährige eine offensichtlich vollkommen andere Rolle in den Planungen von Coach Christian Stieglitz. Als Charakter besitzt er Format, ist Bestandteil des Mannschaftsrats, zudem neben Tobias Eckermann Co-Vizekapitän hinter Spielführer Stephan Wetzold. Als Figur auf dem Spielfeld scheint ihm das Hausrecht sicher, er hat im Aufstiegsjahr als Einziger alle Partien seiner Farben bestritten, wurde dabei ganze zweimal ausgewechselt. Auf seiner vermeintlichen Stammposition rechts in der Viererkette gehört er seit geraumer Zeit zu den fleißigsten Torvorlagen-Sammlern im Team. „Peu à peu wurde es mehr. Ich habe unheimlich viel in den Jahren bei Nord dazugelernt. Die Spielübersicht und Flanken sind deutlich besser, ich bin wesentlich ruhiger am Ball, erkenne Überraschungsmomente für entscheidende Laufwege schneller als früher.“

Rote Karte im Testspiel sorgte für neue Position in der Stammelf

Dass Decker noch nicht am Ende seiner steten sportlichen Entwicklung steht und nun wiederum eine neue Rolle erfüllt – die eines Allrounders –, zeigt sich anhand der Folgen einer roten Karte, die er in der Saisonvorbereitung vor die Nase bekam. „Damit war ich unter anderem auch für die ersten Pflichtspiele gesperrt. Mic Metschulat hat dann den rechten Verteidiger so stark bekleidet, dass er ihn verdientermaßen weiterhin ausfüllt.“

Offenbar kein Problem für Decker, der bei seinem ersten Saisonspiel in Bad Frankenhausen plötzlich auf der linken Außenbahn auftauchte – und prompt das goldene Tor beim Auswärtssieg erzielte. Über die rechte offensive Flanke nach seiner Einwechslung in Weida rotierte er beim 4:0 gegen Sonneberg auf die linke Abwehrseite. Zumindest was das Toreschießen betrifft, wirkt der linke Spielfeldabschnitt für den Rechtsfuß offenbar wie ein Katalysator. Er traf gegen die Südthüringer doppelt, der 30-Meter-Hieb hinein ins Vergnügen krönte seine eifrige Wechselei quer durch die Mannschaftsteile. Mit seinen drei Toren ist er gar bester Schütze des Verbandsliga-Fünften.

Decker sieht Potenzial beim Aufsteiger für obere Tabellenhälfte

Eine Tabellenposition, die er „persönlich“ als Ziel für die Saison versteht, wenngleich der Verein in seiner Außendarstellung grundsolide über nichts als den Klassenerhalt spricht. „Das ist auch logisch, weil ja der schlimmste Fall tatsächlich eintreten und sieben Mannschaften absteigen könnten“, bezieht sich Decker auf das eher triste Gesamtbild der Thüringer nach der Startphase der NOFV-Oberliga Süd, in der nur Rudolstadt und der rot-weiße Stadtrivale ins Rollen kommen, während andere vom Tabellenende magnetisch angezogen zu werden scheinen. „Aber ich sehe auch das große Potenzial in der Mannschaft, unsere gute Mischung aus erfahrenen Spielern und den starken Jungen: Niklas Kliem zum Beispiel über rechts, oder Maximilian Stolpe, der ein Riesen-Sechser ist. Vor allem in der Defensive arbeitet das ganze Team herausragend. Gerade in unseren Heimspielen hat’s jeder Gegner schwer.“

Beim 1:1 in Heiligenstadt lief Decker abermals im linken Mittelfeld auf. Nun, im Heimspiel am Samstag (15 Uhr) gegen den TSV Gera-Westvororte, will Decker mit seiner Mannschaft die makellose Heimserie (bisher drei Siege) ausbauen. Dann ist es ihm auch egal, ob und auf welcher Position er spielt. Erfahren wird er es ohnehin erst beim Präsentieren des Schlachtplans am Spieltag. Trotz Zugehörigkeit in der höchsten Spielklasse des TFV gibt Trainer Stieglitz die Mannschaftsaufstellung klassisch eine Stunde vor Spielbeginn bekannt.

Mannschafts-WG mit Torwart Schoepe und Verteidiger Rost

Eine Stunde nach Spielschluss sollen dann nach Möglichkeit die Siegerbierchen geöffnet werden, unter anderem mit Torwart Kevin Schoepe und dem am Kreuzband verletzten Nord-Urgestein Kenneth Rost. Mit beiden wohnt Decker in einer WG, vielleicht symbolisch für den großen Zusammenhalt, den Decker in der „Nord-Familie“ sieht. Ein solcher spräche zumindest in Teilen gegen die These, dass es der Verein nur auf die sportlich besten Spieler Erfurts abgesehen habe. So oder so: Marcel Decker hat sich an der Grubenstraße durchgesetzt.