Halbzeit: Der fremde Fußball

Steffen Eß darüber, wie DFB und Nationalmannschaft viele Sympathien verloren gegangen sind.

Steffen Eß

Steffen Eß

Foto: Sascha Fromm / Andreas Wetzel

Gebückt tänzeln sie der feiernden Menge entgegen: Miroslav Klose, André Schürrle, Shkodran Mustafi, Mario Götze, Roman Weidenfeller, Toni Kroos, und sie singen dabei: „So geh‘n die Gauchos, die Gauchos, die geh‘n so!“ Um dann zu hüpfen und zu singen: „So geh’n die Deutschen, die Deutschen, die geh’n so!“

Wer hat sie nicht noch die Kopf, die Bilder von der WM-Party 2014 in Berlin? Der Gaucho-Tanz der WM-Sieger, der die Gemüter erhitzte. Ein Eigentor für die einen, eine Provokation, für die anderen eine Schnapsidee, eine Nichtigkeit. Zu hinterfragen, ja. Mehr nicht, zumal solche Einlagen nicht neu waren. Nur hat niemand bis zu dem Tag davon Notiz genommen.

Schwer angekreidet wurde den Helden von Rio ihre Inszenierung nicht. Ein Aufschrei. Und gut.

Und heute? „Konfus und kurios vorm eigenen Tor“, „außen irgendwie Probleme“, „ein deutsches Panikorchester“: Selten traf das Medien-Echo die Nationalelf härter als beim 3:3 gegen die Schweiz. Selten stand Joachim Löw stärker in der Kritik, selten schien der DFB tiefer in der Missgunst zu stehen. Was ist passiert mit dem Lieblingskind der Deutschen?

Corona beherrscht das Land und scheint dem Fußball noch eins obendrauf zu setzen. Der Stolz der Nation nach dem WM-Triumph 2014 und dem sang- und klanglosen Ausscheiden vier Jahre später gibt inzwischen den Prügelknaben.

Eine überforderte Defensive auf dem Feld, ein angezählter Bundestrainer auf der Bank und über allem ein in Misskredit geratener DFB. Die Krise zieht sich durch alle Teile, nur lautloser als in der von überall befeuerten Trainerdebatte.

Vor zehn Jahren hätte es wohl ein Beben ausgelöst, marschierten Polizisten wie vor Kurzem in die DFB-Zentrale. Heute wird kaum Notiz von der Durchsuchung genommen; als wäre es nichts Ungewöhnliches, dass die Mächtigen des Verbandes in Konflikt mit dem Gesetz stünden. Die Unschuldsbeteuerung von Präsident Fritz Keller wirkt halbherzig, Unrechtsempfinden zu dokumentieren.

Sommermärchen-Affäre, Unehrlichkeit an der Spitze, zuletzt der Vorwurf der schweren Steuerhinterziehung, sportlich wenig Glanzvolles. Eine Vertragsverlängerung für den Cheftrainer kurz vor dem Versagen in Russland 2018. Der größte Sportverband der Welt, er hat seit der Weltmeisterschaft 2006 im eigenen Land viele Sympathien verbraucht. Aufgebrochen zu neuen Ufern durch den Bau der gigantischen DFB-Akademie und tief gefallen; umtreibend zwischen vorgegebenen Gemeinschaftssinn und zunehmendem Kommerzstreben. Das Publikum verweigert dem Fußball in Schwarz-Rot-Gold mehr und mehr die Zuneigung, als wäre der ihm fremd geworden.

Da scheint es wenig zu helfen, unermüdlich die Werbemaschinerie anzuwerfen und die zum Hochglanzprodukt stilisierte „Mannschaft“ in künstlich geschaffener Vertrautheit ins rechte Licht zu rücken. Heute geben die Spieler die Ratefüchse und Helfer für den guten Zweck im Fernsehstudio, morgen sind sie auf dem Platz und benötigen unter Druck einige Joker mehr. Stets im Einheitslook und in wenigsagender Einsilbigkeit.

Statt Volksnähe, Bodenständigkeit und Authentizität bleibt in der Wahrnehmung ein gut gemeintes Wer-wird-Millionär-Raten von jungen Fußballern mit Millionen-Gagen. Bemüht, verklemmt, verkrampft und so wenig unterhaltsam wie manches Spiel. Selbst ein Günther Jauch vermochte keine Lockerheit ins gespenstische Szenario zu bringen. Das Gefühl: Der Anzug sitzt. Der Rest passt nicht.

Wo würden wohl die Umfragewerte der Mannschaft stehen, gäbe es eine solche? Wo die des DFB?

Vom Status des Weltmeistertrainers ist bei Joachim Löw zumindest kaum noch etwas übrig. Offen wird ihm der Rücktritt nahe gelegt. Der DFB widerspricht nicht mal. Rückendeckung? Fehlanzeige.

Auffallend: Obendrein scheint den jungen Protagonisten um Kai Havertz im Gegensatz zu Götze, Schürrle und Co. wenig verziehen zu werden. Kein 3:3 im Zwischentest mit der Türkei, kein 1:1 ge­gen Spanien in der ebenso überflüssigen Nations League, kein 3:3 ge­gen die Schweiz. Paradox: Einen Fehltritt gab es nicht mal, übers Jahr nicht mal eine Niederlage.