Arwen Rühl - THC-Talent mit Dynamit in den Armen

Die Rückraumspielerin hat einen Wurf wie wenige. Mit 18 ist sie nicht bloß mittendrin in der Handball-Bundesliga, sie ist angekommen.

Arwen Rühl möchte so hoch hinaus wie möglich. Nicht nur, wenn die THC-Juniorin aus dem Rückraum wie hier in der Partie bei Bietigheim aufsteigt.

Arwen Rühl möchte so hoch hinaus wie möglich. Nicht nur, wenn die THC-Juniorin aus dem Rückraum wie hier in der Partie bei Bietigheim aufsteigt.

Foto: Marco Wolf

Bad Langensalza. Dreimal hat sie Anlauf genommen, Halles Torhüterin zu überwinden – vorbei, abgeblockt, gehalten: Im vierten Wurf kam Arwen Rühl doch noch zum Erfolg – 34:17. Das letzte Tor der Partie am vergangenen Samstag. Angesichts des klaren Endstandes gegen die Anhaltinerinnen nur ein statistisches Detail, für die junge Rückraumspielerin des Thüringer HC mehr als das.

Alle Energie legte die 18-Jährige noch einmal in die Schlussaktion, um in die Lücke zu preschen und den Ball ins Netz zu feuern. So, als wollte sie das persönliche Erfolgserlebnis mit aller Macht erzwingen. Umso größer ist die Last gewesen, die ihr von der Seele fiel. „Wenn man ein paar Mal verworfen hat, wird es schwerer, weiter mutig zu bleiben. Das versuche ich immer, mutig zu sein, immer dranzubleiben“, sagte sie mit heiserer Stimme. Das Mitfiebern forderte Tribut.

Mut braucht Kopf-Nahrung

Erfahrung sammeln, Fehler machen, daraus lernen, daran arbeiten, weiterkommen. Genau darum geht es für Arwen Rühl. An Selbstvertrauen mangelt es der Jüngsten im Bad Langensalzer Bundesliga-Team keineswegs. Wird sie ans Fernsehmikrofon gebeten, schildert sie wie selbstverständlich ihre Eindrücke. Doch der Mut, sich in der höchsten Liga des Landes immer wieder neu zu bestätigen, braucht Kopf-Nahrung. „Das Vertrauen habe ich mir erarbeitet. Aber ich muss es auch in den Spielen zeigen“, sagte sie ein paar Tage dem Start-Ziel-Sieg gegen Halle.

Möglich, dass sich die Rückraumschützin in ihrer Premieren-Saison in der Bundesliga damit den einen oder Gedanken zu viel macht. Die THC-Trainer Herbert und Helfried Müller sehen es als zusätzliches Indiz für den großen Ehrgeiz der talentierten Aufsteigerin. Weiter zu werfen, auch wenn es vorher schief gegangen ist, reden sie der 18-Jährigen immer wieder zu. „Nur so entwickelt sie sich weiter“, meint Herbert Müller. „Wir wollen, dass sie sich richtig etwas zutraut. Sie hat so einen harten Wurf wie kaum eine andere.“

Geschosse mit gut hundert Sachen

Auf gut hundert Sachen schätzt er ihre Wurfgeschwindigkeit. Ein Hieb ähnlich wie zuvor Mariana Lopes, die vor Kurzem nach Leverkusen gewechselt ist.

Dass die 1,82 Meter große Scharfschützin am Samstag wie beim Saisonauftakt in der Startformation stand, ist Ausdruck des Vertrauens gewesen. Und vor allem Belohnung. Beim 30:36 gegen Dortmund gab es nicht viel, was der Coach an Positivem mitnahm. Die 18-Jährige gehörte dazu. „Arwen hat ihre Chance genutzt“, sagte er nach der Niederlage, auch wenn der Satz in der Enttäuschung über den Ausgang unterging.

Auf drei Treffer kam seine Nummer 22 im Duell gegen den Top-Favoriten kurz vor Ende des alten Jahres. Sie trug nach ihrer Hereinnahme bei, dass sich das Ergebnis nach einem Zwölf-Tore-Rückstand am Ende freundlicher gestaltete. Neun Mal hat sie insgesamt in der Bundesliga getroffen. Ob sie am Mittwoch (6. Januar) gegen Bensheim/Auerbach (19.30 Uhr) wieder in der Start-Sechs steht, lässt Herbert Müller offen. Der super Start mit dem 5:0-Lauf gegen Halle und die gute Abwehrarbeit Rühls, die zunächst bloß in der Defensive zum Einsatz kam, lieferten Argumente dafür. Ebenso wie ihre Dynamik und Wurfkraft. Auch gegen den Zehnten gilt es, so wenig wie möglich zuzulassen, um dann selbst Offensiv-Gefahr zu erzeugen.

Aufgewachsen, wo Handball Lebenselixier ist

Danach strebt Arwen Rühl, die vor drei Jahren aus Norddeutschland an die Erfurter Sportschule gekommen ist. Dass die aufgerückte A-Juniorin seither „eine fantastische Entwicklung“ genommen hat, steht für Herbert Müller spätestens seit Sommer fest. In seiner Planung kam er nicht mehr an ihr vorbei. „Sie hat nicht nur einen Schritt in ihrer Entwicklung gemacht, sondern gleich zwei“, hebt er hervor. Dabei war der urspürngliche Plan, die 18-Jährige mit einem Zweitspielrecht auszustatten – für die zweite Liga, um erstmal Erfahrungen bei den Frauen zu sammeln. Stattdessen erhielt sie einen Vertrag für die erste Liga und trainiert seither voll mit.

Das Können kommt nicht von ungefähr. Wer in Flensburg-Handewitt aufwächst, in der Handball-Hochburg des Männer-Handballs, der kann sich der Anziehungskraft dieses Sports kaum entziehen. Und wer solche Gene wie Arwen Rühl besitzt, wohl erst recht nicht. Mutter Tatjana Rühl war eine Handballerin von Weltformat. Mit der russischen Auswahl gewann die Rückraumspielerin unter ihrem Mädchenamen Gorb bei zwei Olympischen Sommerspielen 1988 und 1992 Bronze, mit Kiew zuvor sogar den Europapokal. Die Handball-Trainerin, die als Physiotherapheutin zum Betreuerstand im THC-Nachwuchs gehört, ist Vorbild und Lehrerin zugleich.

„Wir reden über jedes Spiel. Ab und zu gehen wir in die Halle und trainieren gemeinsam. Ich kann mega viel von ihr lernen“, schaut Arwen zu ihrer Mutter auf und wünscht sich, in ihren Fußstapfen einen ebenso erfolgreichen Weg zu gehen.

Einen großen Schritt ist sie bereits gegangen, fühlt sich vom THC-Team nach ihrem steilen Aufstieg bestens aufgenommen und in der Bundesliga angekommen. Besser ginge es kaum. „Als Jüngste ist das nicht selbstverständlich“, findet Arwen Rühl. Ein Selbstläufer aber ist das nicht. „Es ist wichtig, dass ich dranbleibe und um meinen Platz in der ersten Mannschaft kämpfe.“

Den Willen hat sie – und Dynamit in den Armen.