Jonathan Hilbert: Und er geht immer weiter

Eisenach/Rhodos.  Trotz eines chaotischen, wettkampflosen Jahres hat der Geher vom SV Einheit Eisenach weiter Olympia in Tokio im Visier.

Kurzes Vergnügen: Nach wenigen Tagen mussten Jonathan Hilbert (rechts) und Hagen Pohle das Trainingslager auf Rhodos abbrechen.

Kurzes Vergnügen: Nach wenigen Tagen mussten Jonathan Hilbert (rechts) und Hagen Pohle das Trainingslager auf Rhodos abbrechen.

Foto: Hilbert

Es ist einfach nur zum Mäusemelken für Jonathan Hilbert. Da hatte der 25-jährige Geher vom SV Einheit Eisenach noch eine letzte Wettkampfchance in diesem Jahr vor Augen, um die Olympianorm über 50 Kilometer zu knacken. Doch nun wurde auch die für das erste Dezember-Wochenende geplante offene italienische Meisterschaft coronabedingt abgesagt. Es passte irgendwie zum gesamten Jahr, dass die Nachricht Hilbert an einem Freitag, dem 13., erreichte.

Es ist bemerkenswert, wie der zum Perspektivkader des Deutschen Leichtathletik-Verbandes (DLV) zählende Leistungssportler diese Hiobsbotschaft weggesteckt hat. „Ich bin weiterhin hochmotiviert und fokussiert, da ich in den vergangenen Monaten gelernt und erfahren habe, was Flexibilität und Gelassenheit bedeutet und was für einen Stellenwert beides momentan im Sport hat“, unterstreicht der gebürtige Mühlhäuser, für den das Jahr nun wettkampflos zu Ende geht.

An Hilberts Ehrgeiz haben die aktuellen Bedingungen nicht genagt. Er geht buchstäblich immer weiter. Nach einigen Trainingsmonaten in Deutschland, unter anderem in zwei Trainingslagern im Olympischen und Paralympischen Bundesleistungszentrum Kienbaum im August und September, wagte er gemeinsam mit Hagen Pohle (SC Potsdam) und Betreuer Otto Junghannß den Versuch, dem unangenehmen deutschen Herbstwetter zu entgehen. Vier Wochen lang wollten sie auf Rhodos Kilometer abspulen. „Wie so vieles in diesen außergewöhnlichen Zeiten, sollte alles anders kommen als geplant“, schildert Hilbert rückblickend.

Zunächst ging es gut los. Vom DLV gab es grünes Licht, nachdem sorgfältig abgewägt wurde, welche Risiken es gibt, ob Rhodos ein sicher Ort zum Trainieren sei und ob das Hygienekonzept des Hotels ausreichend ist. Schließlich saß das Trio im Flieger. Hilbert: „Auf Rhodos angekommen, fanden wir beste Bedingungen vor. Ich war zufrieden und froh, im Warmen die Trainingsqualität und Trainingsquantität steigern zu können. Gemeinsam hatten wir die Covid19-Lage auf Rhodos täglich im Blick und beobachteten die Fallzahlen und getroffenen Maßnahmen der Regierung sorgsam. Schon am fünften Tag des Trainingslagers wurde mein Frohsinn auf die Probe gestellt. Die griechische Regierung verkündete einen erneuten Lockdown. Schnell stellte ich fest, dass eine Weiterführung des Trainingslagers unmöglich ist. Es wurde beschlossen, dass ein Bewegen in der Öffentlichkeit nur noch mit triftigem Grund möglich sein wird. Man muss vor jedem Verlassen des Hotels einen Antrag per SMS stellen und darf es dann nur mit erteilter Genehmigung verlassen. Gemeinsam entschieden wir, schnellstmöglich die Heimreise anzutreten.“ Glücklicherweise bekamen sie einen zeitnahen Rückflug.

Zurück in Deutschland beschlossen sie, erneut Zimmer im Bundesleistungszentrum Kienbaum zu buchen. Nach kurzer Gewöhnung an die 10 bis 15 Grad Celsius niedrigeren Trainingstemperaturen und mit dem Italien-Ziel vor Augen, sei er schnell wieder im Flow gewesen. Doch dann kam jener Freitag, der 13. November, und der Anruf eines guten Freundes aus Italien. „Leider hatte er keine guten Nachrichten für mich. Die Meisterschaft wurde aufgrund der steigenden Fallzahlen und neuer verschärfter Maßnahmen im Land auf Ende Januar 2021 verschoben.“ Was nun, fragte sich das Ass der LG Ohra-Energie. Pause einlegen, weitertrainieren oder sich auf einen anderen Wettkampf fokussieren? „Nach langer Überlegung und einem langen Telefonat mit meinem Trainer Pedro Zaslavskyy, entschied ich gemeinsam mit ihm, dass Trainingslager in Kienbaum trotz allem fortzusetzen. Auch am Trainingsplan änderten wir nichts“, so Hilbert.

Bevor er am Dienstag (24. November) abreist, möchte er noch einen 35-Kilometer-Test bestreiten. „Um zu sehen, wie das Training der vergangenen Monate angeschlagen hat.“ Mit seinem Coach entschied er zudem, dass er nicht im Januar in Italien startet, sondern die deutsche Meisterschaft über 50 Kilometer anpeilt. Die soll nach aktuellem Stand am 28. März 2021 stattfinden. Aber, und das hat Jonathan Hilbert in den vergangenen Monaten gelernt, solange Corona nicht besiegt ist, gibt es für keinen Wettkampf eine Garantie.