Lessers Erfolg in Antholz: Von der Ersatzbank aufs Podest

Antholz.  Vor zwei Monaten flog Erik Lesser wegen schlechter Leistungen aus dem Weltcup. Jetzt holte er WM-Silber. Wie sich der Thüringer Biathlet zurück in die Weltspitze kämpfte.

Erik Lesser und Franziska Preuß dürfen sich über ihre Silbermedaillen im Single-Mixed-Wettbewerb freuen.

Erik Lesser und Franziska Preuß dürfen sich über ihre Silbermedaillen im Single-Mixed-Wettbewerb freuen.

Foto: Alexander Hassenstein / /Getty Images

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Ehe er aufstehen und Franziska Preuß umarmen konnte, benötigte er eine ganze Weile. Während wenige Meter entfernt die Kulisse tobte, lag Erik Lesser schwer atmend im Schnee. Als er wieder Luft hatte, war aus dem traurigen Ersatzmann der glückliche Strahlemann geworden: „Das ist ein extrem geiles Gefühl und fühlt sich mega an“, sagte der Thüringer nach dem zweiten Platz in der Single-Mixed-Staffel.

Es war die dritte Silbermedaille für die deutsche Mannschaft bei der WM in Antholz. Im 30 Teams umfassenden Feld war nur Topfavorit Norwegen mit Johannes Thingnes Bö und Marte Olsbu Roeiseland stärker. Dritter wurde Frankreich mit Verfolgungsweltmeister Emilien Jacquelin und Anais Bescond.

Das Format, das der World-Team-Challenge auf Schalke ähnelt, erinnert an einen Actionfilm mit rasanten Verfolgungsjagden und wilden Ballereien. 40 Schüsse muss jedes Duo abfeuern. Da zwischen den acht Prüfungen nur jeweils eine 1,5-km-Runde zu absolvieren ist, kostet jede Extrapatrone wertvolle Zeit.

Doch am Tag nach dem Einzeldebakel der Männer legten die Deutschen ausgerechnet am Schießstand den Grundstein für den Erfolg. Sie mussten nur fünfmal nachladen (Lesser/3, Preuß/2); lediglich die Franzosen und Österreicher waren besser (je 4). „Wir haben auf un-sere schnellsten Schützen gesetzt und sind belohnt worden. Beide haben Riesenrespekt verdient“, freute sich Bundestrainer Mark Kirchner über die aufgegangene Taktik.

Wegen indiskutabler Ergebnisse im Dezember flog er aus dem Weltcup

Vor allem das Vertrauen in seinen langjährigen Schützling zahlte sich aus. „Erik hat seit Pokljuka jeden Tag genutzt und um seine Form gekämpft. Heute hat er seine ganze Erfahrung in die Waagschale geworfen und abgeliefert“, lobte Kirchner.

Wer Lesser zu Weihnachten prognostiziert hätte, er holt in Antholz seine sechste WM-Medaille, den hätte der 31-Jährige für verrückt erklärt. Da lag er nämlich krank zu Hause und blickte auf schlimme Wochen zurück. Nach dem Schlüsselbeinbruch in der Vorbereitung konnte er den Trainingsausfall nie kompensieren. Hinzu kamen anhaltende Rückenprobleme. Wegen indiskutabler Ergebnisse im Dezember flog er aus dem Weltcup und wurde bei den Heimspektakeln in Oberhof und Ruhpolding gar nicht berücksichtigt. Stattdessen kämpfte er im IBU-Cup um den Anschluss.

Der trainingsmethodische Fahrplan war ausschließlich auf die fünf kurzen Runden der 7,5-km-Strecke ausgelegt. Dass es letztlich so positiv ausging, war eine „echte Genugtuung“ für den Mann von Eintracht Frankenhain. Seine erste Nachricht galt Freundin Nadine; sein besonderer Dank Partnerin Preuß: „Franzis letztes Stehend-Schießen war der Schlüssel zum Erfolg.“ Damit hatte sie das deutsche Tandem an die Spitze gebracht; Lesser ließ auf seinem finalen Teilstück nur noch Überflieger Bö passieren.

Oberhofer kündigt Saisonende nach der EM in Minsk an

„Ich bin total erleichtert, nachdem es in den Einzelrennen immer so knapp war“, meinte Preuß und verwies auf ihre bisherigen Plätze acht, sieben und fünf in Antholz. Während sie noch zwei weitere Medaillenchancen hat, rechnet Lesser trotz seiner famosen Darbietung mit keinem weiteren Einsatz: „Ich bin auch in der Staffel nur Ersatz und werde Samstag abhauen, um zur EM nach Minsk zu fliegen.“ Ab kommenden Mittwoch will er dort um Edelmetall kämpfen und nach seiner Rückkehr die Saison vorzeitig beenden.

Weitere Starts im Weltcup schloss er aus: „Mein Anspruch ist es, die Top Ten zu erreichen und um die Medaillen zu kämpfen. Auf den längeren Strecken bin ich dazu aber aktuell nicht in der Lage“, sagte Lesser und kündigte einen neuen Anlauf in der neuen Saison an.

Natürlich beflügelt durch das unverhoffte Silber.

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