Nachwuchs-Bundestrainer May: „Wenn du die Trainer kriegst, kriegst du auch die Athleten“

Jena.  Rico May vom LC Jena spricht im Interview über die Thüringer Leichtathletik und seine Arbeit als Nachwuchs-Bundestrainer.

Rico May vom LC Jena ist Nachwuchs-Bundestrainer Kurzhürde männlich.

Rico May vom LC Jena ist Nachwuchs-Bundestrainer Kurzhürde männlich.

Foto: Holger Zaumsegel

Wenn es um die Thüringer Leichtathletik geht, kennen sich nur wenige so gut aus wie Rico May. Der 48-Jährige aus Orlamünde (Saale-Holzland-Kreis) arbeitet seit Jahren erfolgreich als Talente-Schmied. Jüngst wurde er vom Deutschen Leichtathletik-Verband (DLV) als Nachwuchs-Bundestrainer Kurzhürde männlich berufen. Wir sprachen mit dem Lehrer für Sport und Englisch am Sportgymnasium Jena über seine neue Tätigkeit und die Situation in der Thüringer Leichtathletik.

Sie sind Lehrer, Trainer beim LC Jena und jetzt auch noch Bundestrainer. Wie bekommt man das mit vier Kindern alles unter einen Hut?

(lacht) Es ist schwierig. Aber ich brenne für die Leichtathletik und habe eine sehr geduldige Frau. Es gibt in unserem Sport leider immer weniger, die etwas machen. Lehrer bleibt mein Hauptberuf und die Tätigkeit als Bundestrainer ist kein Fulltime-Job. Ich sehe mich als Vorbild, Motivator und Multiplikator. Die Sportler zahlen mir die viele Arbeit durch ihre Leistungen ja auch zurück.

Apropos Leistungen: Die sind bei den deutschen Hürdensprintern nicht so berauschend.

Wir haben mit dem Geraer Erik Balnuweit, Gregor Traber und zwei Sportlern aus Stuttgart und Leverkusen nur vier Mann in der deutschen Spitze. Das ist zu wenig. Ich habe mir vorgenommen, in den nächsten vier Jahren Talente aus der U 20 beziehungsweise U 23 in den Männerbereich zu überführen.

Wie kann das gelingen?

Es gibt viele Möglichkeiten, die Lücke, die aktuell zwischen Jugend- und Erwachsenenbereich klafft, zu schließen. Trainerqualifizierungen über die Landesverbände zum Beispiel. Wenn du die Trainer kriegst, kriegst du auch die Athleten.

Was muss noch verbessert werden?

Es gibt eine Diskrepanz zwischen Ost und West. Im Osten Deutschlands laufen die Kinder schon mit zehn Jahren über Hürden, in den restlichen Bundesländern beginnt das Hürdenlaufen erst mit zwölf. Das sind zwei Jahre, die fehlen. Zudem gilt: Je höher die Hürde wird, desto schwieriger wird es. Viele Jungs, die in der U 20 noch über 99 Zentimeter gelaufen sind, beginnen erst im Männerbereich, mit Hürden über 1,06 Metern zu trainieren. Dann ist es aber meist schon zu spät.

Konnten Sie trotz Corona schon als Bundestrainer arbeiten?

Es war schwierig. In letzter Zeit konnten wir nur per Mail, WhatsApp oder Videochats zusammenarbeiten und versuchen aktuell, eine Basis aufzubauen. Ich stehe mit vielen der Trainer aber sehr gut in Kontakt.

Vor allem mit dem Zeulenrodaer Ex-Hürdensprinter Alexander John, der mittlerweile als Bundestrainer Kurzhürde Männer arbeitet?

Genau. Der Alexander war schon vor vielen Jahren mein Schüler hier am Sportgymnasium. Wir haben eine ähnliche Philosophie, wie wir die Dinge rüberbringen wollen.

Worauf kommt es in einer Zeit ohne Wettkämpfe an?

Motivation ist ein großes Thema. Wir gehen davon aus, dass es im Sommer wieder Wettkämpfe geben wird und eine ganze Reihe wichtiger internationaler Nachwuchs-Wettbewerbe anstehen. Da versuchen wir heute schon, die besten Athleten hinzuführen.

Wir sitzen hier neben der Stelle, wo das Jenaer Leichtathletikstadion gebaut werden soll. Ab wann sind hier Hürdensprinter zu sehen?

Hoffentlich so bald wie möglich. Es gilt sowieso, neue Wettkampfformate zu schaffen, wo die Besten gegeneinander laufen. Wir wollen ein Meeting, ähnlich dem Sparkassenmeeting installieren, bei dem die Hürden von der U 18 bis zu den Erwachsenen ein fester Bestandteil sind.

Profitiert der Standort Jena von Ihrer Berufung zum Bundestrainer?

Es ist Ziel des DLV, gewisse Stützpunkte einzurichten, wo der Hürdenlauf intensiver betrieben wird. Das war natürlich auch interessant für mich, weil es ja unseren Stützpunkt hier in Jena stärkt.

Jena war in den 1970er- und 80er-Jahren eine Leichtathletik-Hochburg. Mittlerweile gibt es in ganz Thüringen mit Thomas Röhler nur noch einen Leichtathleten in der Weltspitze. Was muss passieren?

Das hat viel mit Trainerstrukturen zu tun. Die ist in Thüringen ganz okay, besser als noch vor zehn Jahren. Trotzdem ist es schwierig, mit der Struktur, die wir haben, Spitzenleistungen zu entwickeln. Ich bin zum Beispiel nebenbei als Trainer tätig. Jetzt zu glauben, dass das in die internationale Spitze führt, ist falsch. Das kann nicht funktionieren, das ist einfach so.

Trotzdem haben Sie drei Bundeskader in Ihrer Trainingsgruppe.

Und darauf bin ich auch stolz. Es ist uns in Jena gelungen, neben Thomas Röhler auch erstmals Leute aus der Jugend in den Erwachsenenbereich zu bringen. Wie Max-Ole Klobasa, der im Dreisprung schon deutscher Vizemeister in der Halle geworden ist.

Was fehlt, um dauerhaft Topsportler zu entwickeln?

Die Unterstützungssysteme im Erwachsenenbereich. Wenn ich nach dem Ende der Schule Geld verdienen muss, dann kann ich nicht trainieren. Da haben wir zwar beim LC Jena und auch in Erfurt schon einiges erreicht. Aber wenn ein Sportler woanders hin wechselt, weil er in eine stärkere Trainingsgruppe kommt, dort besser Bedingungen vorfindet, dann ist das so.

Was brauchen wir, um die Sportler in Thüringen zu halten?

Erfolgreiche Stützpunkte wie den der Sprinter in Erfurt. In Jena haben wir die Speerwerfer, aktuell sehr gute Springer und perspektivisch vielleicht auch gute Hürdensprinter. Diese Stützpunkte müssen wir fördern und ausbauen. Und bei den Trainern muss uns nach und nach der Generationswechsel gelingen. Der Sport lebt von den Trainern. Grundsätzlich glaube ich aber, dass wir in Thüringen gar nicht so schlecht aufgestellt sind. Trotzdem müssen wir daran arbeiten, so attraktiv zu werden, dass die Sportler sagen: Ich will nach Jena oder ich will nach Erfurt!

Thüringer im Bundeskader

Der Deutsche Leichtathletik-Verband hat seine Kaderlisten für die Saison 2021 veröffentlicht. Dabei sind 24 Thüringer Athleten aus acht Vereinen vertreten. Einziger Thüringer im Olympiakader ist Speerwerfer Thomas Röhler vom LC Jena. Zum Perspektivkader zählen Luis Brandner, Julian Wagner (beide 100 m), Martin Grau (3000 m Hindernis), Julian Reus (4 x 100 m/alle Erfurter LAC), Jonathan Hilbert (LG Ohra Energie) sowie Karl Junghannß (Erfurter LAC/beide 50 km Gehen), der beim Meeting im slowakischen Dudince die Olympia-Norm knackte und damit vor seiner ersten Teilnahme an den Sommerspielen steht.