Paralympics-Siegerin Eskau: „Wie eine Patientin in der Herzklinik“

Erfurt.  Der Thüringerin Andrea Eskau kommt die Paralympics-Verschiebung nicht ungelegen.

Auf drei Rädern unterwegs: die achtfache Paralympicssiegerin Andrea Eskau.

Auf drei Rädern unterwegs: die achtfache Paralympicssiegerin Andrea Eskau.

Foto: Oliver Kremer / DBS

Erst streikte der Körper, dann legte Corona auch die Sportwelt lahm. Aber für Andrea Eskau fügt sich alles so, als könnte sie in ihrer einzigartigen Karriere als Behindertensportlerin noch die Paralympics-Teilnahmen Nummer sieben und acht hinzufügen. „Dass die Sommer-Wettbewerbe in Tokio in den August 2021 verschoben wurden, kam mir ganz gelegen. Und wenn ich nach wie vor um die Medaillen mitkämpfen kann, will ich auch ein halbes Jahr später im Winter 2022 in Peking dabei sein“, sagt die achtfache paralympische Goldmedaillengewinnerin im Radsport mit dem Handbike, im Biathlon und Skilanglauf.

Die gebürtige Apoldaerin musste auch ohne Corona eine schwierige Zeit überstehen, die sie fast verzweifeln ließ. Nach 18 Jahren im Leistungssport kann sie kaum etwas aus der Ruhe bringen. Aber vor einem Jahr war sie plötzlich selbst bei kleinsten Anstrengungen auf 180, im Schlaf lag der Puls noch immer bei einem Wert von 100. „Ich war so belastungsfähig wie eine Patientin in der Herzklinik“, sagte sie.

Autoimmunerkrankung warf den Körper aus der Bahn

Es dauerte eine Weile, bis die Ärzte die Ursache für den dramatischen Substanzverlust festgestellt hatten. Eine Autoimmunerkrankung warf den Körper der sonst leistungsfähigen Spitzensportlerin aus der Bahn. Die 49-Jährige ist ein ungeduldiger Mensch. Aber mit der Verschiebung der Paralympics kam sie erst gar nicht in Versuchung, die Teilnahme in Tokio vielleicht übers Knie zu brechen. „Auf diese Weise hat mein Körper die nötige Pause bekommen. Ich fühle mich wieder hundertprozentig fit“, sagt die in der Nähe von Köln lebende Thüringerin.

Neben ihrer Arbeit am Bundesinstitut für Sportwissenschaft in Bonn trainiert sie normalerweise 30 Stunden pro Woche. Im August nahm sie mit ihrem Handbike an einem 24-Stunden-Wettbewerb im niederländischen Venlo teil. Zum ersten Mal seit langem signalisierte ihr der Körper, dass er bereit ist, das Training wieder in den gewünschten Effekt zu transferieren.

Plötzliches Saisonende in Schweden

Als sie im Winter den Versuch unternahm, sportlich wieder Fuß zu fassen, endete auch für sie das ungewöhnliche Sportjahr 2020 auf merkwürdige Weise. Zur nordischen Ski-WM ins schwedische Östersund war Eskau schon angereist, sogar die Startnummer hatte sie bereits in Empfang genommen. Dann kam die plötzliche Absage – und für Andrea Eskau endgültig die Gelegenheit, ihrem Körper die nötige Ruhe zu gönnen.

Das Warten geht allerdings vorerst weiter. Dass die ersten Weltcup-Wettbewerbe der Behindertensportler im Biathlon und Skilanglauf frühestens im Januar geplant sind, stört sie aber nicht. Ihr Fokus ist auf die Paralympics in Tokio gerichtet, wo sie als Handbikerin antreten will. Dass selbst die Austragung jener Wettbewerbe längst nicht sicher ist, lässt sie ebenso wenig unruhig werden. „Ein halbes Jahr später sind die Winter-Paralympics in Peking. So hätte ich selbst bei einer Absage noch ein weiteres großes Ziel vor Augen“, sagt Eskau, deren Karriere 2018 als deutsche Fahnenträgerin bei den Paralympics in Pyeongchang sowie als Deutschlands Parasportlerin des Jahres eine weitere Krönung erfuhr.

Längst hängt ihr Lebensglück nicht mehr an sportlichen Erfolgen. „Entscheidend ist, dass ich noch mithalten und um die Medaillen mitkämpfen kann. Vor allem aber muss es mir Spaß machen“, sagt sie.