Sportwissenschaftler Smolinski: Leben bedeutet immer Wandel

Gera.  Der Geraer Konrad Smolinski beschreibt, wie er seine Athleten aktuell betreut und warum er in der Corona-Krise auch Chancen sieht, Neues zu wagen

Konrad Smolinski (links) und Andy Ziegler nach einem Triathlon.

Konrad Smolinski (links) und Andy Ziegler nach einem Triathlon.

Foto: Marco Schmidt

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Konrad Smolinski musste das Triathlon-Trainingslager auf Mallorca abbrechen, jetzt erstellt er für seine Athleten auf die Krise zugeschnittene Trainingspläne, der 38-Jährige musste aber auch seine eigenen sportlichen Ziele zurückstecken

Seit rund einer Woche arbeite ich von zu Hause aus, hab' heiße Ohren vom Telefonieren. Es hat einige Zeit gebraucht, bis ich meinen Rhythmus gefunden habe. Wie ist es bei Ihnen? Stellen Sie sich den Wecker, um in den Tag zu kommen?

(Lacht) Ich komme ohne Wecker aus. Aber ich habe auch ein wenig Vorsprung, weil ich schon einige Jahre im Homeoffice und als mein eigener Chef arbeite. Den Wecker zu stellen, ist aber keine schlechte Idee, auch symbolisch, weil es tatsächlich darauf ankommt, den Tag zu strukturieren, sich Aufgaben zu stellen, die zu Ergebnissen führen. Anders als im Büro können Sie über ihre Zeit frei verfügen, hier heißt es jetzt für einige einen neuen Rhythmus zu finden.

Der Rhythmus, wo ich mit muss ….

Ich gebe Ihnen mal ein Beispiel: In der Schule wird in der Regel fünfundvierzig Minuten Unterricht abgehalten, dann ist Pause. Das entspricht auch den Erkenntnissen der Hirnforschung. Anstrengung und Pause. Wir brauchen Zeit zur Regeneration, zu Erholung, dann sind wir leistungsfähig und arbeiten nicht nur vor uns hin. Telefonieren Sie. Schreiben Sie. Lesen Sie. Recherchieren Sie. Machen sie immer wieder ein paar Übungen, gehen Sie an die frische Luft. Winken Sie vom Balkon dem Nachbarn zu.

Oder der Nachbarin. Gleichberechtigung ist wichtig.

Richtig. Winken Sie allen Nachbarn zu, wenn Sie ihre Übungen machen, das steckt an, das macht gute Laune.

Für mich geht ja, wenn auch mit Einschränkungen, die Arbeit weiter. Doch ganz anders schaut es für die Sportler aus. Sie trainieren auf ein Ziel hin. Doch in der Corona-Krise ruht der Sport, die Olympischen Spiele in Tokio sind abgesagt worden.

Ja, das ist für die Leistungssportler, aber auch die vielen Freizeit- und Hobbysportler ein Problem, eine ganz besondere Herausforderung.

Sie alle fallen in ein Loch und das ist bei allen gleich groß?

Im Grunde genommen ja. Es passiert bei allen das Gleiche. Ein Ziel, etwas worauf sie hingearbeitet haben, auf das Sie sich mit voller Hingabe und Konsequenz vorbereitet haben, bricht weg.

Was nun? Wie weiter?

Genau. Da geht es aus emotionaler Sicht Olympiasieger Thomas Röhler, der sich einen Olympiazyklus auf Tokio vorbereitet hat, genauso wie einem Rennsteigläufer, der sich den Wecker gestellt hat, um bei Wind und Wetter seine Kilometer zu laufen. Doch wir Menschen können von Natur aus eigentlich gut mit Krisen umgehen. Leben bedeutet schon immer auch Wandel, Anpassung und Veränderung. Resilienz, die psychische Widerstandskraft, die Fähigkeit also, schwierige Lebenssituationen ohne anhaltende Beeinträchtigung zu meistern, steckt in uns – wir können das auch erlernen und trainieren. Da gibt es zunächst immer eine Phase der Enttäuschung, die geprägt ist von Orientierungs- und Motivationsproblemen. Diese sollte vom Sportler bewusst zugelassen werden. Zeit zu reflektieren. Dieser Findungsprozess ist sehr wertvoll. Fragen, warum mache ich das eigentlich, was ist mein wirkliches Anliegen, lassen schon bald neue Ziele und Herausforderungen entstehen.

Wie händeln Sie das mit ihren Sportlern, die Triathleten, Ultraläufer, Radsportler oder Motocrosser sind? Sie machen das Beste draus, wie man landläufig sagt?

Genau. Wir analysieren den Ist-Zustand. Schauen, was können wir aktuell machen, was geht nicht mehr. Laufen und Radsport kann man, jeder für sich, betreiben. Wir fahren das Pensum zurück. Trainieren so wie wir es gewöhnlich zu Beginn der Saison, im November oder Dezember machen, arbeiten stark polarisiert, das heißt kurz und knackig oder lockere Grundlageneinheiten. In dieser so schwierig anmutenden Zeit können wir weiterhin sehr effektiv trainieren, Kraft, Schnelligkeit oder auch die maximale Sauerstoffaufnahme verbessern. Es gibt uns die Möglichkeit, gezielt an Defiziten, Dysbalancen oder auch an der mentalen Stärke zu arbeiten.

Wie ist es bei Ihnen? Bleibt Zeit zum Trainieren?

Mein erster Wettkampf sollte am 17. April die 100 Miles of Istria sein, ein Ultralauf durch die Nacht in meinen Geburtstag hinein. Die Veranstaltung ist auf September verschoben. Aber Sie haben schon Recht. Ich bin schon von meinen Athleten angesprochen worden: Konrad, du musst auch was für dich tun. Das mache ich nun wieder, nach den ersten Tagen, die vollgepackt waren mit Homeoffice. Telefonieren, Skypen, Trainingspläne schreiben und sehr viele persönliche Gespräche führen. Jetzt geht es wieder hinaus.

Und Sie sind nicht allein.

Das ist auch schon meinen Sportlern aufgefallen. Auf ihren sonst einsamen Runden begegnen sie – mit dem nötigen Abstand -- vielen Läufern und Mountainbikern. Die Corona-Krise verändert uns, nicht nur die Sportlandschaft. Viele Menschen tun etwas für sich, bewegen sich an der frischen Luft, stärken ihr Immunsystem, nehmen sich Zeit für sich. Das ist ja das Gute an uns Menschen. Wir brauchen nicht viel, um uns fit zu halten. Lassen Sie sich auch vom Bewegungsdrang der Kinder anstecken.

Noch können wir uns frei bewegen, wenn wir uns an die Auflagen halten.

Ich hoffe immer noch, dass wir mit einem Streifschuss davon kommen. Eine Ausgangssperre wäre noch einmal etwas ganz anderes. Doch geht eine Tür zu, geht eine neue auf. Auch zu Hause können wir fit bleiben.

Früher gab es Medizin nach Noten in der Flimmerkiste.

Kann ich mich auch noch erinnern. Vor zwanzig Jahren hätte uns die Corona-Krise noch ganz anders erwischt, wir wären wirklich isoliert gewesen. Wir können uns per Handy, Skype oder Video erreichen, haben ganz andere Möglichkeiten zu trainieren – auf dem Ergometer zum Beispiel. Wir müssen nicht auf Sendungen wie Medizin nach Noten im Fernsehen warten, auf verschiedenen Kanälen laufen Mitmach-Videos, gibt es tolle und seriöse Erklärfilme. Da laufen interessante Geschichten und es wird sicher die eine oder andere Geschäftsidee daraus entstehen.

Sie waren bis vor einer Woche auf Mallorca zu einem Lehrgang der Triathleten, bis Sie das Corona-Virus eingeholt hat.

Wir haben alles kontrolliert hinbekommen, haben erlebt, was wir jetzt in Deutschland erleben. Einige Sportler sind noch am vergangenen Sonnabend angereist und konnten nicht einen Radkilometer fahren, weil wir im Hotel bleiben mussten. Wir haben dann Läufe im Hotelgelände, Treppentraining angesetzt und haben auf dem Ergometer trainiert. Am Ende wird dieser Mallorca-Trip den Sportlern als etwas Positives in Erinnerung bleiben, trotz der Einschränkungen. Und das müssen wir versuchen hinzubekommen, positiv bleiben, solidarisch agieren.

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