Thüringer HC für internationalen Erfolg bestraft

Erfurt.  Nach dem Saisonabbruch wird der deutsche Vize-Meister in der Handball-Bundesliga der Frauen nur Fünfter. Als großer Verlier fühlt sich zudem Borussia Dortmund.

Ausgebremst: Dem Thüringer HC mit Nationalspielerin Alicia Stolle fallen nun die internationalen Verpflichtungen auf die Füße.

Ausgebremst: Dem Thüringer HC mit Nationalspielerin Alicia Stolle fallen nun die internationalen Verpflichtungen auf die Füße.

Foto: Sascha Fromm

Dortmund bleibt Erster, kann sich in der Geschichte des BVB-Frauen-Handballs erstmalig auf die Champions League freuen. Als Meister aber findet die Borussia nach der abgebrochenen Spielzeit keine Anerkennung. Zum Ersten ohne Titel erklärt worden zu sein, ist eine der Pointen der Wertung der Frauenhandball-Bundesliga (HBF). Sie schafft Gewinner, lässt aber Verlierer zurück.

Das Wort fair kommt häufig vor, wenn im Zuge der Krise über das Wie-weiter gesprochen und entschieden wird. Es nach diesem Vorsatz jedem recht zu machen? Unmöglich. Das spürt der HBF-Vorstand, nachdem er dem Bundesratsbeschluss des Deutschen Handball-Bundes gefolgt ist und die Bundesliga-Saison auf Basis einer Quotienten-Berechnung wertet. Ausgangs-punkt ist die Punktzahl, nach der ein Quotient errechnet wird. Der Rest: Ermessensspielraum.

BVB-Präsident Rauball: „Der Sport wird mit Füßen getreten“

Als großer Verlierer fühlen sich die Dortmunder. Deren Präsident Reinhard Rauball erklärte: „Ich habe kein Verständnis dafür. Der Sport wird mit Füßen getreten.“ Er sprach von Diskriminierung und verwies in dem Zusammenhang sogar auf das Grundgesetz. Sein Team hat 17 von 18 Spielen gewonnen, soll Erster, aber kein Meister sein. Im Gegensatz dazu ist Kiel bei den Männern dazu ernannt worden. Für die Dortmunder ein „sportpolitischer Witz“.

Die Begründung der HBF, dass fast ein Drittel der Saison noch zu spielen gewesen wäre und das Spitzenspiel beim lediglich einen Punkt schlechteren Verfolger Bietigheim ausgestanden hätte, kontern die Dortmunder mit dem gewonnenen Hin- und Pokalspiel.

Beim Thüringer HC mischen sich Unverständnis über das Wie in das Verständnis für die Notlage. Dabei ist die erfolgreichste Mannschaft der letzten Dekade im deutschen Frauen-Handball Leidtragende der angewandten Quotienten-Rechnung. Der siebenmalige Meister muss fürchten, in der neuen Saison erstmals seit 2011 ohne Start im europäischen Wettbewerb zu sein.

In der Tabelle zum Abbruch liegt der THC auf Platz fünf hinter der zwei Punkte besseren HSG Blomberg-Lippe – bei einem besseren Torverhältnis und einem Spiel weniger. Nach der Berechnung bleibt es bei der Reihenfolge. Blomberg bekommt (so es keinen Pokalsieger gibt) den letzten der vier internationalen Startplätze; nach Dortmund, Bietigheim und Metzingen.

Vom Tisch ist so das Gedankenspiel, verbandsseitig ein Quartett zu benennen. Nach einem Vorschlag des Ligenleiters hätte der THC aufgrund seiner Erfolge den Vorzug vor Blomberg bekommen sollen. Nach dem Rechenmodell aber besitzt der Tabellenvierte das Prä. Er hätte schon verzichten müssen.

Wenig begeistert ist entsprechend der THC. Mit der Beantragung eines vierten EHF-Cup-Startplatzes tröstet der Verband die Thüringer. Dass Schwarz-Rot-Gold in den vergangenen fünf Jahren stets das Zusatz-Ticket erhielt, stimmt zuversichtlich. Eine Garantie ist es nicht, zumal niemand weiß, inwieweit sich die Pandemie auf die europäischen Wettbewerbe auswirkt.

Eine Saison ohne internationale Vergleiche mag sich Geschäftsführer Maik Schenk ebenso wenig wie Trainer Herbert Müller ausmalen: „Das wäre eine Katastrophe.“ Für den Verein, die Mannschaft, das Renommee und – fürs Budget.

Keine Spiele in Nordhausen würde in der schwierigen Lage durch die Krise die Gefahr bergen, dass Unterstützung von Sponsoren wegbricht, die ihr Engagement an die Teilnahme am europäischen Wettbewerb koppeln. Abgesehen von den fehlenden Zuschauern.

13 THC-Titel in zehn Jahren sind Schall und Rauch

Als Undank erscheint die Entscheidung ohnehin. Sie führt vor Augen, dass 13 nationale Titel in zehn Jahren Schall und Rauch sind. Der Vorschlag des Ligenleiters hätte angerechnet, dass der THC das Hinspiel in dieser Saison bei Blomberg gewonnen hatte (34:32), den Pokalvergleich ebenso (30:22). Seit dem letzten von insgesamt fünf Blomberger Siegen (2010) hat der THC keines der 32 folgenden Duelle verloren, 31 davon gewann er.

Der DHB-Entscheid lässt unberücksichtigt, dass die vier kontinentalen Startplätze nicht zuletzt auf den Erfolgen des THC beruhen. Durch beständiges Spielen in der Champions League und im EHF-Cup steuerten die Thüringer erhebliche Punkte in der Länder-Rangliste bei. Erst der Einzug in die EHF-Cup-Hauptrunde (als einziges deutsches Team) hat mit sich gebracht, dass es zu weiteren Verschiebungen im Bundesliga-Spielplan kommt.

Der Mannschaft um Nationalspielerin Emily Bölk fehlt wie dem Siebten Buxtehude ein Spiel in der Tabelle. Und ein Sieg. Auf die Füße fällt dem Verein unter dem Gesichtspunkt auch sein Entgegenkommen. Für die Fernseh-Übertragung des Spitzenspiels mit Bietigheim haben die Thüringer eingewilligt, dass es zwei Tage vorgezogen wird. Das Spiel gegen Buxtehude 48 Stunden davor ist deswegen und wegen vorangegangener internationaler Verpflichtungen verlegt worden.

In aller Sachlichkeit räumt Maik Schenk ein, dass die Mannschaft das Dilemma mit verschuldet hat. Fünf Niederlagen tun so besonders weh und machen den THC auch erst zum undankbaren Fünften.

Doch bei aller Akzeptanz wegen der aktuellen Nöte – ein Hauch sportliche Unfairness haftet der Wertung an. Eines ist sie für die Thüringer vor allem: unheimlich bitter.