TA-Talk: „Tradition bei Rot-Weiß Erfurt gibt es nicht mehr“

Erfurt.  Zwischen Erfurter Fußball und sozialem Engagement: RWE-Legende Jürgen Heun und Thuringia Bulls-Manager Lutz Leßmann blicken über das Spielfeld hinaus.

Bulls-Teammanager Lutz Leßmann (links) und Rot-Weiß-Legende Jürgen Heun

Bulls-Teammanager Lutz Leßmann (links) und Rot-Weiß-Legende Jürgen Heun

Foto: Sascha Fromm

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Ihre Leidenschaft zum Erfurter Fußball eint sie bis heute. Einst bestritten Jürgen Heun (61) und Lutz Leßmann (65) sogar ein Pokalspiel gegeneinander – die Rot-Weiß-Legende im Sturm, der Manager von Europas besten Rollstuhl-Basketballern Thuringia Bulls als Libero. Gemeinsam blicken beide mit Sorge auf die aktuelle Situation des Fußball-Regionalligisten. Aber sie haben auch Grund zur Freude, wie sie im Sporttalk im Steigerwaldstadion den Moderatoren Marco Alles und Gerald Müller verraten.

RWE Damals

Lutz Leßmann: Früher hatte Rot-Weiß Idole und eine Erfolgsgeschichte dahinter. Begehrlichkeiten, die aktuell nicht erfüllt werden können. Viele junge Spieler wurden in den letzten Jahren abgegeben und machten in der 1. und 2. Bundesliga Karriere. Die Qualität war also da, wurde aber nicht gesehen.

RWE heute

Jürgen Heun: Es tut schon weh, wenn man ordentlichen Fußball sehen will und dann zu RWE geht. Gähnende Leere im Stadion, keine Führung: Im Moment hat scheinbar nur der Insolvenzverwalter das Sagen.

Insolvenzverfahren

Lutz Leßmann: Das ganze Verfahren ist zu geheimnisvoll. Es kommt keine Stabilität rein, Fans und Spieler bleiben im Ungewissen. Mir fehlt ein transparentes Konzept.

Thomas Brdaric

Jürgen Heun: Für mich hat man mit der Entlassung viel zu lang gewartet. Es war kein Fortschritt mehr zu sehen. Im Moment braucht Erfurt keinen Trainer. Es geht nur mit jungen ambitionierten Leuten, die auch wollen.

Personalie Trainer

Jürgen Heun: Ein guter Trainer ist sehr wichtig. Mein bester war Hans Meyer, auch wenn wir menschliche Probleme hatten. Manfred Pfeifer hat mich groß gemacht. Mit Gerhard Bäßler hingegen bin ich nicht so zurechtgekommen.

Tradition

Lutz Leßmann: Tradition einbinden und pflegen ist etwas ganz Wichtiges. Mein Lieblingsverein Bayern München zeigt das in Perfektion. Aber im Osten fehlt dies häufig, man holt zu viele Entscheider von außen und hört nicht auf die, die schon lange da sind.

Jürgen Heun: Bis vor Kurzem wurde keiner von uns alten Spielern um Rat gefragt. Vor drei Jahren habe ich angeregt, ein neues Team aus Nachwuchsspielern aufzubauen. Jetzt kam die Idee des Ehrenrats. Tradition bei Rot-Weiß gibt es nicht mehr.

Ehrenrat

Jürgen Heun: Bisher hatten wir noch keine Zusammenkunft, aber wir als Alteingesessene wollen helfen. Entscheidend ist zu wissen, was noch für Geld da ist. Es geht nur um RWE und einen Neuanfang. Bei Streitereien bin ich sofort wieder raus.

Behindertensport

Lutz Leßmann: Fußball und Behindertensport ist soweit entfernt wie die Erde vom Mond. Die Bedeutung in der Gesellschaft ist eine ganz andere. Bei uns braucht es Erfolg, um wahrgenommen zu werden. Generell funktioniert Sport nach dem Modell: Idole-Nachwuchs-Erfolg. Doch das braucht eben Zeit.

Profi-Fußball

Jürgen Heun: Es nimmt überhand, die bezahlten Summen sind unvorstellbar. Es geht nur noch ums Geld. Dummerweise haben wir im Osten davon nicht so viel wie andere. Auch das Überangebot von Fußball in den Medien macht einen satt.

Direkte Duelle

Jürgen Heun: Wir kennen uns von früher und haben uns durch die Altherren-Teams wiedergesehen.

Lutz Leßmann: Damals haben wir ein paar Mal gegeneinander gespielt, unter anderem ein Pokalspiel. Jürgen war ein Idol, zu dem viele aufgeschaut haben. Einmal wollte mich ein Nachwuchskoordinator zu Rot-Weiß holen. Aber mein Vater war dagegen. Ich soll etwas Ordentliches lernen, hat er gesagt.

Erfolgsstory der Bulls

Lutz Leßmann: Im Grunde haben wir uns zusammengefunden, räumliche Bedingungen geschaffen und mit jedem Üben wurde es besser. Die ersten drei Spiele in der Bundesliga haben wir auf die Mütze bekommen, am Ende der Saison schafften wir es auf Anhieb in die Playoffs. Heute zählen die Thuringia Bulls weltweit zu den besten Teams der Sportart.

Hierarchie

Lutz Leßmann: Jemand Einzelnen über der Mannschaft gibt es bei uns nicht. Wir sind froh, drei der weltbesten Spieler in unseren Reihen zu haben. Denen geht es nicht ums Geld, sie haben Lust zu spielen und gemeinsam erfolgreich zu sein. Jeder ist für die Zuschauer zum Anfassen, das ist wohltuend anders.

Gemeinnützigkeit

Jürgen Heun: Ich organisiere mit den Alten Herren jährlich mindestens ein Turnier, dessen Erlös an eine soziale Einrichtung geht. Es ist immer für Kinder. Im Januar spielen Erfurter Mannschaften in der Halle am Sportgymnasium für die Clemens-Fritz-Stiftung. Am 13. Juni spielt unser Traditionsteam in Ichtershausen gegen eine DDR-Auswahl.

Sportarena Erfurt

Lutz Leßmann: Wir könnten aktuell eine Halle mit 1500 Zuschauern füllen. Aber dies ist in unserem Bullenstall nicht möglich und woanders organisatorisch nicht leistbar. Die Idee einer gemeinsamen Ballsporthalle wie in Jena ist sehr interessant. Aber da müssen alle an einen Tisch, ein Konzept erarbeiten. Der Standort am Steigerwaldstadion wäre gut vorstellbar und mit Privatinvestoren in zwei Jahren auch realisierbar.

Sportliche Wünsche 2020

Jürgen Heun: Weiterhin zu Rot-Weiß gehen können, hoffentlich bessere Spiele, und dass das Insolvenzverfahren abgeschlossen wird.

Lutz Leßmann: Der Sport in Erfurt soll die Bedeutung behalten, die er verdient. Wir als Verein wollen unsere Philosophie beibehalten und hoffen, von Verletzungen verschont zu bleiben.

Die gesamte Diskussion sehen Sie hier im Video:

TA Sport-Talk "Im Steigerwaldstadion": Folge 36

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