Der Senkrechtstarter: Thüringer Volleyballer Paul Henning

Erfurt  Paul Henning hat es als sportlicher Umsteiger weit gebracht. Mit Frankfurt spielt der Erfurter derzeit in der Volleyball-Bundesliga.

Für Heimatbesuche in Erfurt bleibt dem 2,04 Meter großen Paul Henning während der Bundesligasaison kaum Zeit.

Foto: Axel Eger

Eine Verabredung mit Paul Henning fällt leicht. Mit seinen 2,04 Metern ist der 21-Jährige eindeutig auszumachen. Trotzdem kann man danebenliegen. „Basketbol“, ruft ihm der Kellner mit dem italienischen Timbre in der Stimme mehr feststellend als fragend hinterher. „Volleyball“, ruft Henning zurück.

Den besseren Blick als den aus der gastronomischen Perspektive hat vor sechs Jahren Jan Wunderlich, Lehrer am Erfurter Sportgymnasium und Volleyball-Landestrainer, gehabt. „Du bist groß, komm doch mal vorbei“, sagt er zu dem langen Hochspringer, der da im Erfurter Süden noch bei den Leichtathleten trainiert, die nächste Norm aber gerade verpasst hat.

Wunderlich sei Dank. So nimmt binnen weniger Jahre ei­ne sportliche Karriere ihren Lauf, die durchaus zu den außergewöhnlichen zählen darf. Inzwischen spielt Henning mit den United Volleys Frankfurt/Main in der Bundesliga und Champions League. Ein Erfurter in der Beletage des deutschen Volleyballs, das ist tatsächlich eine sportliche Rarität.

„Das war die beste Entscheidung meines Lebens“, sagt Henning rückblickend auf jenen Tapetenwechsel, damals, als er in der neunten Klasse war. Gefallen hat es ihm am hohen Netz auf Anhieb. Das Teamgefühl ist ein anderes, ein stärkeres, glaubt er. Anders, als er es vom Fußball und anderen Ballsportarten kennt. Er wechselt die Klasse, findet neue Freunde und, vielleicht am wichtigsten: er spielt viel. „Jan Wunderlich hat mich gefördert, er hat an mich geglaubt“, ist Henning seinem Entdecker bis heute dankbar.

Nur ein Jahr später stehen die Zeichen wieder auf Abschied. Oder besser: Aufstieg. Henning geht nach Frankfurt, neben Berlin einer der Stützpunkte für den deutschen Nachwuchs. Kein einfacher Weg für einen 15-Jährigen. Doch Wunderlich rät ihm zu: „Solch eine Chance kommt nicht wieder.“

Eine Karriere wie mit dem Lineal gezogen

Mit gemischten Gefühlen fährt Henning nach Frankfurt, steht plötzlich im Kreise von Junioren-Nationalspielern, ist wieder der Lernende. Zwei Einheiten an zwei Tagen. „So gut hatte ich bis dahin noch nicht trainiert“, sagt er. Auch Matus Kalny, dem dortigen Trainer und Jugend-Nationalcoach, fällt Henning sofort auf. Kalny öffnet dem jungen Erfurter die nächste Tür: „Ich will dich haben.“

Also wechselt Henning zur 11. Klasse auf das Volleyball-Internat an den Main – und findet wieder diesen familiären Touch: fünfzig Schüler, drei, vier Pädagogen, freundliche Aufnahme.

Er bekommt viele Einsatzzeiten im Team des Volleyball-Internats, das in der 2. Liga der Männer spielt. Henning dankt es auf seine Weise. Er zündet die nächste Stufe im sportlichen Orbit. Nur ein Jahr später gehört er zur Jugend-Nationalmannschaft, darf 2015 mit zum EM-Lehrgang und später zur Europameisterschaft. „Wir wurden Vierte. Ich habe zwar kaum gespielt, aber unheimlich Erfahrungen gesammelt“, sagt er und staunt manchmal selbst, was er nach nur wenigen Jahren Volleyball schon alles miterleben konnte.

Eine Karriere wie mit dem Lineal gezogen. Nicht zu steil, aber kerzengerade. Fast schon folgerichtig, dass nach dem Abitur am Frankfurter Internat (Durchschnitt 1,9) die erste Bundesligaofferte kommt. Beim TV Rottenburg kann er wieder viel spielen. Viel gewonnen hat er mit den Neckarstädtern nicht, aber neue Erfahrungen gesammelt. „Das hat mich geprägt“, sagt Henning, der auf dem Parkett eher der laute Typ ist. Einer, der anfeuert und mitreißt. „Man muss immer einen Schritt vorwärts machen“, sagt er. Der nächste Schritt nach vorn ist in seinem Fall einer zurück. Zurück nach Frankfurt.

Dort hat sich mit den United Volleys ein junger, erst 2015 mit dem Spielrecht des Stammvereins TG Rüsselsheim gegründeter Klub gerade in der Bundesliga etabliert. Das Konzept: Jungen Spielern eine Chance geben und zusammen mit ein paar Routiniers die Liga etwas aufmischen. Dreimal sind die Hessen Dritter geworden in den vergangenen drei Jahren, einmal standen sie im Halbfinale des europäischen CEV-Cups, vergleichbar mit der Euro League im Fußball. In dieser Saison haben sie sogar die Qualifikation für die Champions League geschafft.

Vertrag am Main läuft bis Sommer 2020

In der Liga stehen sie auf Platz sechs, durchaus mit Ambitionen auf das Halbfinale der Playoffs. Das würde auch Paul Henning eine weitere Saison mit internationalen Spielen garantieren. Bis Sommer 2020 läuft noch sein Vertrag in Frankfurt.

Derzeit ist der junge Erfurter Volleyballprofi. Doch zum Wintersemester will er ein Fernstudium der Wirtschaftspsychologie aufnehmen. Liebend gern hätte er auf Lehramt studiert. Das liegt ihm im Blut, er kommt aus einer Lehrerfamilie. „Oma, Opa, Tante, alles Lehrer“, sagt er lachend. Doch ein Präsenzstudium ist für ihn zeitlich nicht machbar. In Frankfurt trainieren sie zweimal am Tag, hinzu kommt die sportliche Doppelbelastung von Bundesliga und internationalen Spielen.

Von denen schwärmt er. In der Champions League gegen Kasan waren 3500 Zuschauer in der Fraport-Arena, in der Bundesliga sind meist auch um die 2000 da. Ein wichtiger Faktor, wie Henning findet: „Gerade wenn es knapp zugeht, ist in der kurzen Pause bis zum nächsten Aufschlag Anfeuerung von außen so unheimlich wichtig.“

In Frankfurt wohnt er mit den anderen Spielern unter einem Dach. Mit Tobias Krick teilt er eine Wohnung, die der Verein gemietet hat. Dort haben sie das gemeinsame Kochen als Hobby entdeckt. Neben thailändischer Küche sind gerade Rindertatar und Steaks angesagt. „Tobias beteiligt sich allerdings weniger, der isst dann nur, was wir zubereitet haben“, grient Henning.

Seinem besten Kumpel, Krick ist Mittelblocker wie er und mit 2,11 m noch ein Stück größer, möchte er freilich nicht nur kulinarisch auf Augenhöhe begegnen. Irgendwann will Paul Henning ihm in die Nationalmannschaft folgen. Und er träumt seinen olympischen Traum. „Olym­- ­pia hat mich schon immer fasziniert“ erzählt er. Alles habe er zu Hause im Fernsehen geguckt, egal, welche Sportart. Wäre Tokio 2020 schon ein reales Ziel? Paul Henning wiegt den Kopf. „Vielleicht etwas früh“, sagt er, „ich muss es ja erst einmal in die Auswahl schaffen.“ Auch mit 21 und 2,04 Meter Körpergröße bleibt einem noch viel Raum und Zeit zum Wachsen.

Zu den Kommentaren