Vom Fußball-Torwart zum Volleyball-Libero

Erfurt.  Max Stückrad spielte einst im Nachwuchs des FC Rot-Weiß Erfurt – nun träumt der Gothaer von der 1. Volleyball-Liga.

Artistisch: Libero Max Stückrad hält den Ball im Spiel und bereitet so den Gothaer Angriff vor.

Artistisch: Libero Max Stückrad hält den Ball im Spiel und bereitet so den Gothaer Angriff vor.

Foto: Niklas Kubitz

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Zum vereinbarten Treffpunkt bringt Max Stückrad ein paar Schätze mit. Als der 21-Jährige seinen Rucksack öffnet und einen Hefter mit allerlei technischen Zeichnungen herausholt, kommen Bilder aus der Jugendzeit zum Vorschein. Sie sind Zeugen einer sportlichen Vergangenheit, mit der der Student vor langer Zeit abgeschlossen hat, an die er sich aber immer wieder gerne erinnert.

Beim Durchforsten der Fotos fällt der „kleine Bub“ in mehrfacher Hinsicht auf. Einmal, weil die Haarfarbe von blond zu braun wechselt. Andererseits, weil er ein besonderes Trikot trägt. Lange ist es her, dass Stückrad das Torwartdress des FC Rot-Weiß trug. „Fünf Jahre, bis in die fünfte Klasse, habe ich bei RWE gespielt“, erinnert er sich, während die Blicke auf die Bilder gehen und ihm beim Mannschaftsfoto die eine oder andere Personalie wieder in den Kopf kommt.

Rechts oben sieht man Lion Lauberbach, der derzeit für Holstein Kiel spielt und angeblich vom FC Bayern beobachtet wird. Bei anderen Spielern bekommt Stückrad die Namen gar nicht mehr zusammen – zu lange ist es her. „Ich weiß nur, dass einige dann nach der zehnten Klasse vom Sportgymnasium runtergegangen sind“, sagt er.

Er selbst ist in den Aufstellungen der RWE-Nachwuchsteams auch seit geraumer Zeit nicht mehr zu finden. Denn längst hat der gebürtige Erfurter („Ich bin eine echte Puffbohne“) den Volleyballsport als Leidenschaft entdeckt. Und trotzdem sind es eher unglückliche Umstände, die ihm vom Fußball zum Volleyball bringen. „Ich sollte eigentlich in der 5. Klasse auf das Sportgymnasium wechseln. Doch ausgerechnet in dieser Zeit hatte ich Borreliose und konnte drei Monate keinen Sport machen“, sagt der jetzige Spieler der Blue Volleys Gotha.

Borreliose sorgt für Zwangspause und ein Umdenken

Wie sein sportliches Leben wohl ohne diese Krankheit verlaufen wäre? Eine hypothetische Frage, doch die Umstände lassen den jungen Stückrad seine Pläne überdenken. „Ich habe wirklich gerne als Torwart gespielt. Aber ich merkte in dieser Auszeit, dass ich den Fußball nicht so vermisse, wie es sein sollte. Ich wollte noch einmal etwas anderes ausprobieren.“

Die „neue Liebe“ findet sich im Frühjahr 2010 im Urlaub. Mit seinem Vater spielt sich Max am Strand locker den Volleyball zu – und die Lust ist geweckt. Das Interesse steigt rasant, Stückrad schließt sich dem Erfurter VC an und ist ehrgeizig bei der Sache. Sein Wille, gepaart mit Talent, bleibt auch Landestrainer Jan Wunderlich nicht verborgen. Er lädt ihn zur Landesauswahl ein, vereinbart eine Probewoche am Erfurter Sportgymnasium – mit Erfolg. Zur achten Klasse wechselt Stückrad ans Coubertin-Gymnasium. „Eine schöne Zeit. Jan hat mich sehr gefördert, alles war organisiert und dennoch familiär“, blickt er zurück.

Beim Sport der großen Leute muss aber auch für ihn erst die richtige Position gefunden werden. Zwar ist er beim Wechsel schon annähernd so groß wie jetzt. Aber in der Folge „kamen nur noch zwei oder drei Zentimeter dazu“. Mit 1,84 Meter ist er für einen Angreifer doch eher klein, und so wechselt er recht schnell auf die Libero-Position. „Das war eine coole Alternative, und ich hatte da richtig Bock drauf“, so Stückrad.

Und findet wieder die Verbindung zum Fußball. „Die Abwehrarbeit kommt dem Torwartspiel recht gleich. Ich mag es auf der einen Seite, mich mit schnellen Aktionen zu hechten, um den Ball zu erreichen. Andererseits gefällt es mir, alles zu organisieren, Kommandos zu geben und die Mitspieler aufzubauen“, sagt er.

Sportlich geht es stetig nach oben. Max spielt beim EVC Regionalliga, ehe ihn der ehemalige Gothaer Trainer Jörg Schulz zum VC Gotha in die 3. Liga holt. Als parallel zum Abitur in der 13. Klasse der Aufstieg in die 2. Bundesliga gelingt, bedeutet das den größten Erfolg der noch jungen Laufbahn. Nur die Teilnahme an der Schul-WM in Serbien mit der Thüringen-Auswahl 2015 („Das waren mit die schönsten Tage meines Lebens“) ist ähnlich einprägsam.

Unabhängig davon bleibt der Blick über den Tellerrand. Die Überlegung, ein Jahr nur für den Volleyballsport zu leben, verwirft der Rechtshänder schnell. „Das wäre mir zu langweilig gewesen“, sagt er und beginnt ein Studium in Richtung Bauingenieurwesen an der Fachhochschule. „Reizvoll, aber es hat es in sich“, meint Stückrad.

Lehrreich ist nicht nur dies, sondern auch das erste Zweitligajahr. Gotha kämpft lange Zeit gegen den Abstieg, was an den Spielern nicht spurlos vorbeigeht. „Da hatten wir schon großen Druck. Schlecht für die Entwicklung war das aber nicht“, sagt er im Nachgang.

Trotz 21 Jahren schon routiniert: „Bin auf dem Parkett nicht nervös“

Denn trotz seiner erst 21 Jahre spürt man bei ihm eine gewisse Routine. Dies ist auch der Tatsache geschuldet, dass er als Libero im Dauereinsatz ist. Denn der „letzte Mann“ wird normalerweise nicht ausgewechselt; und Gotha verfügt nicht über einen weiteren Libero. Die Stammplatzgarantie will sich Stückrad dennoch jede Woche wieder neu erarbeiten – mit Fleiß und Ehrgeiz. „In der Kommunikation will ich noch besser werden“, sagt der Student, der neuen Möglichkeiten im Sport sehr aufgeschlossen gegenüber steht. Wenn Co-Trainer Florian Fischer seinen Laptop zückt und Aufschlagvarianten des Gegners zeigt, schaut Stückrad ganz genau hin.

Auch neben dem Feld ist er offen für neue Sachen. Seit dieser Saison ernährt er sich vegetarisch – eine Neuerung, die Trainer Jonas Kronseder als Veganer vorlebt. Stückrad arbeitet hart an seinem Ziel, irgendwann den Sprung in die Bundesliga zu schaffen. Gar nicht so einfach für jemanden, der im Gegensatz zu einigen Mitspielern nie an einem Bundesstützpunkt war, sich aber mit viel Eigenaufwand so weit gebracht hat. „Ich denke, dass unter Jonas viele Spieler den Sprung schaffen können“, blickt er voraus.

Zunächst aber gilt es, am Samstagabend vor heimischer Halle nach vier Niederlagen am Stück gegen Mainz-Gonsenheim wieder in die Erfolgsspur zurückzufinden. „Es überrascht mich, dass sie so weit unten stehen. Denn das ist eine gute Mannschaft. Im Pokal haben wir beim 0:3 ganz schön auf die Mappe bekommen, und das Hinspiel auch mit 2:3 verloren“, hofft er auf eine erfolgreiche Revanche.

Wie das gehen soll? „Wir müssen uns wieder auf unsere Stärken besinnen, diese nutzen und den Gegner dominieren.“

Gotha – Mainz-Gonsenheim, Samstag 19 Uhr, Ernestinum Gotha

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