Wenn der Körper streikt

Wenn der Körper streikt

Ernstroda.  Dominik Müller ist einer der besten Fußballspieler Westthüringens. Doch aufgrund einer schweren Verletzung muss er seine Laufbahn beenden.

Der aus Friedrichroda stammende Dominik Müller schaffte den Sprung bis in die Regionalliga. Zuletzt spielte er für den FSV Ohratal.

Der aus Friedrichroda stammende Dominik Müller schaffte den Sprung bis in die Regionalliga. Zuletzt spielte er für den FSV Ohratal.

Foto: Foto: Ralph Frank

Noch immer hat Dominik Müller die entscheidende Szene vor Augen. Diese Sekunde, die sein Fußballerleben für immer ändern wird. „Tatort“ Goldberghalle, 4. Januar. Bei der traditionellen Ohrdrufer Fußballnacht spielt der 32-Jährige um den Turniersieg. Und dann ist da der entscheidende Augenblick. Müller sieht die Chance, ein Tor zu erzielen, will gerade abschließen, als ihm ein Gegner beim Schussversuch vor den Unterschenkel tritt. Ein Kontakt, ein Schmerz – auf einmal ist alles anders und vorbei.

Beim Angreifer läuft die Szene immer noch wie ein Spielfilm vor dem geistigen Auge ab. „Ich sehe, dass ich das Tor machen kann und habe durchgezogen. Dann werde ich getroffen, und mein Mittelfußknochen knallt an das Schien- und Wadenbein. Knochen an Knochen, sofort ein stechender Schmerz“, beschreibt er den Ablauf.

So sehr die Verletzung zunächst auch weh tut: Eine neue Erfahrung ist das für den früheren Rot-Weiß-Spieler nicht. Schon immer war Müller, der mit drei Jahren zum Fußball kam, von Verletzungen geplagt. Angebrochene Wirbel, lädiertes Kreuzband, Abriss eines Muskels von der Hüfte, gezogene Nerven im Fuß, Bänderrisse – die Liste ist lang und liest sich wie das Einmaleins einer Krankenhausakte.

Doch diesmal ist etwas anders. Noch Tage nach der erlittenen Blessur geht der stechende Schmerz nicht weg. „Es wurde einfach nicht besser, also habe ich einen Arzt aufgesucht“, sagt der gebürtige Friedrichrodaer. Das MRT ergibt eine niederschmetternde Diagnose: ein sehr großes Knochenödem. Im Sprunggelenkknorpel des linken Beins klafft ein Loch, groß wie ein 10 Cent-Stück. Zwar kann ihm Dr. Peter Ullmann nicht genau sagen, ob das Loch aus dem Zweikampf rührt oder schon früher existierte. Wohl aber, dass seine Leidenschaft, das Fußballspielen, wohl vor dem Aus steht. „Seit Mitte September weiß ich, dass es nicht mehr geht“, sagt Müller. Man merkt beim Sprechen dieser Worte, wie schwer es ihm fällt, dies zu sagen.

Immer stand der Fußball im Vordergrund, war Lebensmittelpunkt – und Elixier. Bis zur Regionalliga schafft es der erst bei Friedrichroda, Wacker Gotha und dann beim FC Rot-Weiß ausgebildete Thüringer. Stationen in Trier, Pößneck, Pfullendorf, Meuselwitz und Eisenach hat er hinter sich, ehe der in der Heimat gelegene FSV Ohratal lockt und zeitgleich die berufliche Karriere Aufschwung nimmt. Wenn er auf dem Platz steht, kennt Müller im positiven Sinn keine Freunde – und macht mit der Einstellung auch vor dem eigenen Körper nicht Halt. Er ist hart gegen sich, spielt auch unter der Einnahme von Schmerzmitteln, wenn es sein muss – Hauptsache, er kann „auf der Wiese stehen“, wie er betont.

Es ist diese Einstellung, die ihn im Fußball immer nach vorn gebracht hat, aber sich am 4. Januar zum großen Unglück entwickelt. „Ich gebe mir da ein bisschen selber die Schuld. Ich hätte den Schuss auch weglassen können, zumal es ein Hobbyturnier ist. Aber so bin ich nicht. Ich war und bin immer ehrgeizig und mache keine halben Sachen. Doch dieser Ehrgeiz, der mich jahrelang getragen hat und zu dem einen oder anderen Spieler den Unterschied ausgemacht hat, hat mir nun das Genick gebrochen und diese Verletzung eingebrockt“, blickt er zurück.

Dabei ist die Verletzung samt Diagnose die eine Seite der Medaille. Die andere ist, damit mental umzugehen. Als der Arzt ihm sagt, dass eine Fortsetzung der Fußballlaufbahn so gut wie unmöglich ist, bricht für Müller eine Welt zusammen. „Da habe ich gedacht: Was soll ich jetzt mit meinem Leben anfangen? Ich wollte darüber gar nicht nachdenken, habe mir innerlich immer gesagt, es wird schon wieder. Auch hatte ich die Hoffnung, dass mir der Arzt sagt, mit einem kleinen Eingriff könne man etwas machen.“

Die Realität ist anders. Zwar könnte man erneut operieren, doch ist der dauerlädierte Fuß so kaputt, dass der Aufwand zu groß ist. Man könne, so informiert sich der Angreifer, mit Eigenblut wieder einen Knorpel züchten. Aber ob dann alles wieder so wird wie früher? Unsicher. Im Umkehrschluss droht sogar ein steifer Fuß.

Es ist diese harte Antwort, die Müller erdet, auch wenn er es für lange Zeit nicht wahrhaben möchte. „Irgendwann hat doch die Vernunft gesiegt. Schließlich will ich mit 50 noch normal laufen können und einer Arbeit nachgehen“, sagt er. Friedlich geht dieser Kompromiss freilich nicht vonstatten. Innerlich ist Müller aufgewühlt, ringt mit seinen Gefühlen, zumal ihm der Arzt sagt, mit viel Aufwand könne er die aktuelle Saison noch zu Ende bringen.

Aber zu welchem Preis? Dauereinnahme von Schmerzmitteln, tagelange Schmerzen nach den Partien und die Gefahr, bei einer weiteren Verletzung alles zu verlieren? Das ist ein zu hoher Preis, den auch der fußballverrückte Athlet nicht bezahlen will. Zumal es auch noch ein Privatleben gibt. Die Ehefrau, die ihm jahrelang den Rücken freihält, zwei Kinder, ein in Ernstroda gebautes Haus, ein herausfordernder Job – da die Haupteinnahmequelle nicht mehr der Fußball ist, bleibt die Entscheidung schließlich folgerichtig und vernünftig.

Spätestens beim Abschiedsspiel von Kumpel Mirko Kotowski am 3. Oktober in Meuselwitz sieht er sich bestätigt. Noch einmal werden die Schuhe geschnürt, doch nach 25 Minuten muss er abbrechen. Der Körper – genauer gesagt der Fuß – rebelliert. Es geht einfach nicht mehr. „Es ist total beschissen, deine Karriere durch so ein Trauma zu beenden. Ich hätte die Entscheidung über ein Karriereende gerne in meiner Hand gehabt. Dann hätte ich damit besser abschließen können. Aber so bleibt immer der Gedanke, es ist durch eine Fremdeinwirkung passiert“, sagt er und wirft ein: „Wenigstens konnte ich mich auf diesen Schritt länger vorbereiten.“

Beim FSV Ohratal ist man sich bereits einig, dass „Dome“ sein Abschiedsspiel bekommen wird. Denn klar ist: durch die Hintertür verabschieden kann und will sich der Vollblutfußballer nicht. „Noch einmal will ich auf diesem Platz stehen. Dann habe ich meine Ruhe“, meint er und blickt bereits optimistisch nach vorn. Sein Sohn eifert dem Vater nach, hat für sich die Torwartposition entdeckt. Und dann ist Müller auch Inhaber einer Trainer-B-Lizenz. Gute Voraussetzungen, um der Leidenschaft vielleicht nicht auf dem Platz, aber an der Linie weiter zu frönen. Denn obwohl Müller auch privat vor großen Herausforderungen steht, steckt er den Kopf nie in den Sand. „Eine Tür geht zu, dafür eine andere auf. Der Fußball wird mich nicht verlieren.“

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