TA-Kulturtalk zum Weimarer Unesco-Lehrstuhl: Der Sound der Steppe

Erfurt.  Der TA-Kulturtalk überrascht in seiner 17. Ausgabe mit einer mongolischen Pferdekopfgeige und einer brasilianischen Bauerngitarre.

Jubiläumskonzert zum zehnjährigen Bestehen des Unesco-Lehrstuhls für Trankulturelle Musikforschung mit dem „Sound Affinities Ensemble“ an der Musikhochschule in Weimar – hier Ivan Vilela links im Bild  und Yesun-Erdene Bat (Mitte).

Jubiläumskonzert zum zehnjährigen Bestehen des Unesco-Lehrstuhls für Trankulturelle Musikforschung mit dem „Sound Affinities Ensemble“ an der Musikhochschule in Weimar – hier Ivan Vilela links im Bild und Yesun-Erdene Bat (Mitte).

Foto: Maik Schuck

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Was haben eine brasilianische Gitarre, Viola Caipira und eine mongolische Pferdekopfgeige gemeinsam? Zunächst, sie können zusammen Musik machen. Die Künstler: Ivan Vilela aus São Paulo und Yesun-Erdene Bat aus Ulan-Bator. Aufführungsort: das Salve-TV-Studio in Erfurt. Werkgeschichte: keine. Eine spontane Premiere, die Musiker hatten noch nie zuvor zusammen gespielt.

Ein überraschendes Duett mit exotischen Färbungen. Als Yesun-Erdene Bat dazu noch einen Obertongesang anstimmt, sucht der unbedarfte Zuschauer zunächst irritiert nach dem dritten Instrument, bis er merkt, dass die Töne aus dem Kehlkopf kommen.

So beginnt die aktuelle Runde des TV-Talks „Welt Kultur Thüringen“. Seine inzwischen 17. Auflage ist einem Jubiläum gewidmet: Vor zehn Jahren wurde an der Weimarer Musikhochschule „Franz Liszt“ der Lehrstuhl für Transkulturelle Musikstudien gegründet. Ein Forschungsgebiet, das mehr aktuelle Lebensfragen beinhaltet, als es sein Name vielleicht vermuten lässt.

Es geht um den gegenseitigen Einfluss von Kultur in einer globalen Welt. Um Fremdes und Vertrautes, um die identitätsstiftende und gleichzeitig verbindende Kraft von Musik. Im Sommer 2017 wurde der Forschungsbereich als erster musikwissenschaftlicher Lehrstuhl in das weltweite Unesco-Netzwerk aufgenommen.

Im Grunde erzählt die musikalische Einleitung der Studiogäste Ivan Vilela und Yesun-Erdene Bat bereits, was seinen Kern ausmacht: Schon immer sind Musiker aus verschiedenen Richtungen zusammengekommen. Natürlich gibt es Unterschiede, aber ein Musiker sucht nicht nach ihnen, er sucht nach Affinitäten, nach Berührungspunkten. Eine wunderbare Metapher dafür, wie Völkerverständigung gehen kann.

So beschreibt es Tiago de Oliveira Pinto. Der aus Brasilien stammende Musikwissenschaftler ist Inhaber des Lehrstuhls, weswegen er mit TA-Redakteur Michael Helbing diese Runde nicht nur moderiert, sondern Gesprächspartner ist. Wer zu Bach forscht oder zu Mozart, vergleicht er, könne auf Archivdokumente zurückgreifen. Die Musik, die der Lehrstuhl im Fokus hat, ist Musik in ihrem lebenden Kontext. Was heißt: Sie arbeiten mit Musikern. „Wir gehen nicht von der Vergangenheit aus, sondern blicken aus der Gegenwart in die Vergangenheit.“

So weit zur Intension der Forschung. Doch schnell wird es konkret, und die Runde interessiert sich für die Kunst der Studiogäste und ihre Instrumente.

Yesun-Erdene Bat führt den Bogen über die zwei Saiten seiner Pferdekopfgeige, oder „Morin Khuur“, wie sie im Mongolischen heißt. Früher, erklärt er, bestanden sie tatsächlich aus Schweifhaaren mongolischer Pferde. Das Instrument heißt nicht nur Pferdekopfgeige, sie sieht auch so aus: Der geschnitzte Pferdekopf am Halsende ist ihr Erkennungszeichen. Sie ist mehr als ein Instrument: Sie gilt als ein nationales Symbol in der Mongolei.

Zahlreiche Mythen ranken sich um sie, das klingt zum Beispiel so: Ein Reiter hatte ein fliegendes Pferd besessen, das er selbstredend sehr liebte. Als es starb, erfand er im Andenken an sein fliegendes Ross die Pferdekopfgeige. Seitdem erzählt ihr Klang von den Weiten der mongolischen Steppe und den Höhen des Altai-Gebirges. Das glaubt man aufs Wort. Als Yesun-Erdene Bat den Bogen ansetzt, meint man tatsächlich, ein Pferd im Studio wiehern zu können.

Der Sound der Heimat. Auch der für europäische Ohren sehr fremdartig klingende Obertongesang spürt ihm nach. Eine uralte Gesangstechnik, bei der die Luft gewissermaßen aus dem Magen geholt, während der Kehlkopf verengt wird, erklärt der Künstler.

Aus einem gänzlich anderen Kulturkreis kommt die zehnsaitige Viola Caipira, die Ivan Vilela mitbrachte. Er lehrt Musik an der Universität in São Paulo und gilt als einer der größten Virtuosen auf diesem Gitarreninstrument, das in Deutschland kaum jemand kennt. Seine Ursprünge liegen in Portugal, wird aber seit Jahrhunderten in den ländlichen Gebieten Brasiliens gespielt. Nie fand es Eingang in die Musik der Oberschicht, sein Sound ist gewissermaßen die Begleitmusik der Sorgen, Nöte und Freuden der einfachen Leute auf dem Land. Manchmal wird diese Gitarre der Bauern auch Cebolão, Zwiebel, genannt. Weil ihr Klang so bewegt, dass die Tränen fließen.

Die beiden Künstler sind Gäste des Weimarer Unesco-Lehrstuhls. Der hat schon oft mit Tönen überrascht, die zeigen, wie das Zusammenspiel von Forschung und lebendiger Musik klingen kann. Zum Beispiel, wenn das dort beheimatete, sehr besondere „Sound Affinities Ensemble“ ein Konzert gibt. Dann spielt eine iranische Längsflöte und eine Langhalslaute Setar zusammen mit einer armenischen Holzflöte, einer Rahmentrommel und einer mongolischen Pferdekopfgeige. Auch so kann die Welt klingen.

Die Sendung wird diesen Mittwoch, 4. Dezember, um 18.20 Uhr zum ersten Mal bei Salve TV ausgestrahlt und danach mehrfach wiederholt. Das ganze Video sehen Sie hier:

TA-Kulturtalk: Der Sound der Steppe
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