Millionengrab Flughafen Erfurt-Weimar

Nachdem Air Berlin und Cirrus Airlines den Freistaat nicht mehr regelmäßig anfliegen wollen, ist die Diskussion um den Flughafen Erfurt-Weimar neu entbrannt. Die Landesregierung will den Standort generell erhalten, aber nicht länger dessen Defizite finanzieren. Gebraucht werden neue Linien und Urlaubsflieger.

Der Flughafen Erfurt-Weimar steht vor enormen Veränderungen. Offenbar ist auch ein Abbau von Arbeitsplätzen wahrscheinlich. Foto: Alexander Volkmann

Der Flughafen Erfurt-Weimar steht vor enormen Veränderungen. Offenbar ist auch ein Abbau von Arbeitsplätzen wahrscheinlich. Foto: Alexander Volkmann

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Die Zeiten der hochfliegenden Pläne am Erfurter Flughafen sind vorbei.

Inzwischen geht es Geschäftsführer Matthias Köhn auf dem hiesigen Rollfeld vor allem um Schadensbegrenzung.

Nach dem geplanten Rückzug des Ferienfliegers Air Berlin und der Cirrus Airlines als Betreiber der einzig verbliebenen Linienverbindung in Richtung München zeigen die Instrumente für Erfurt-Weimar klar in Richtung Sinkflug.

Nicht einmal 900 Passagiere starten oder landen täglich. Das ist bei Weitem zu wenig, um den Flugbetrieb auch nur annähernd kostendeckend betreiben zu können. 220 Millionen Euro hat das Land seit der Wende in die Flughafen GmbH investiert. Zudem wurden die einzelnen Linien in der Vergangenheit mit jeweils rund zwei Millionen Euro pro Jahr bezuschusst.

Allein im laufenden Geschäftsjahr muss der Steuerzahler mit 5,6 Millionen Euro für die Defizite des Betriebs einstehen - bei etwa sieben Millionen Umsatz des Unternehmens.

Hinzu kommen noch jährliche Zinszahlungen für die Infrastruktur des Flughafens in Höhe von neun Millionen Euro pro Jahr. "Und das bis mindestens 2023", betont die verkehrspolitische Sprecherin der Grünen im Thüringer Landtag, Jennifer Schubert. Die finanziellen Verpflichtungen von Stadt Erfurt und Land Thüringen – den Gesellschaftern – setzen sich noch lange fort.

Verkehrsminister Christian Carius ist jedenfalls gewillt, die Defizite abzubauen. "Das werden wir uns auf Dauer nicht mehr leisten können", sagt Carius. Als Eigentümer stehe das Land allerdings grundsätzlich zu Erfurt-Weimar.

Aber nicht unbedingt in der heutigen Größe und mit der heutigen Mitarbeiterzahl. Carius will vor allem die direkten Zuschüsse mittelfristig absenken. Bereits angekündigt hat er auch, die Zuschüsse für Linienverbindungen nicht weiter zahlen zu wollen. Näheres regelt ein Gutachten, das für Ende des Jahres erwartet wird.

Dieses wird Antworten finden müssen auf die Frage, wie der Rückzug von Air Berlin zu verkraften ist. Es wird erklären müssen, was ein internationaler Verkehrsflughafen noch wert ist, der über keine einzige Linienverbindung mehr verfügt - weder national, geschweige denn ins Ausland.

Dass die einzig verbliebene Direktverbindung Erfurt - München nach Streichung der Subventionen im März 2012 eingestellt wird, zeigt recht deutlich, dass ohne staatliche Hilfen kein Linienverkehr aufrecht erhalten werden kann. Auch wenn die Flughafengeschäftsführung nun eine Verbindung in Richtung Düsseldorf herbei verhandeln will, wie der Chef andeutet.

Konkurrenz von der Schiene ab 2017

Den Linienflügen nach München haben Verkehrsexperten ohnehin nur noch eine begrenzte Zukunft prophezeit. Spätestens am Jahresende 2017, wenn die neue ICE-Verbindung von Berlin über Erfurt und Nürnberg bis nach München durchgängig in Betrieb gehen wird, würde hier die Konkurrenz auf der Schiene übermächtig.

In Richtung München – aber vor allem auch in Richtung Leipzig. Dann nämlich rückt der Flughafen Leipzig auf nur knapp über eine halbe Stunde Fahrzeit gefährlich nah an Erfurt heran - und verschärft ein grundsätzliches Problem des Thüringer Flughafens.

Das Rollfeld hat kaum Hinterland: In der gesamten Region Mittelthüringen leben derzeit nur etwa 670.000 Einwohner. Für den, der südlich des Rennsteigs wohnt, wird Nürnberg attraktiv. Für die Ostthüringer ist es heute schon Leipzig und im Westen sind Frankfurt/Main aber auch Kassel-Calden Konkurrenten.

Die Region um Leipzig dagegen gehört zu den dicht besiedelsten Ballungszentren der Republik. So wohnen in den Städten Leipzig, Halle, Chemnitz, Gera und Dessau 1,2 Millionen Menschen, für die Leipzig die nächstgelegene Wahl als Tor zur Welt ist.

Im vergangenen Jahr begrüßte die Flughafen Leipzig GmbH 2,3 Millionen Passagiere. Doch auch dieser Airport - er könnte das doppelte Passagieraufkommen bewältigen – fliegt Jahr für Jahr noch Millionenverluste ein. Deutschlandweit werfen überhaupt nur Frankfurt am Main, München, Düsseldorf und Hamburg Gewinne ab.

Flugkonzept spricht sich für den Standort aus

Trotz der Auslastungsprobleme wird seitens der schwarz-roten Landesregierung nicht an eine Abwicklung des Erfurter Flughafens gedacht. Laut dem Mitteldeutschen Luftverkehrskonzept - 2008 vom damaligen Verkehrsminister Andreas Trautvetter mitverhandelt - erfüllt Erfurt weiterhin wichtige Aufgaben: Mitteldeutschland soll an das nationale und internationale Luftverkehrsnetz angebunden werden.

Zudem sollen den Bürgern Flüge zu den Urlaubszentren angeboten werden. Für den innerdeutschen Luftpostverkehr und den internationalen Luftfrachtverkehr sollen hier Angebote bereitgehalten werden.

Gerade in der Luftfracht sieht auch Flughafenchef Matthias Köhn eine Chance. "Der Logistikkonzern TNT Express hat am Erfurter Flughafen sein einziges Road-Air-Hub deutschlandweit errichtet", sagt Köhn.

Das bedeutet, dass die Fracht in einer Halle direkt vom Flugzeug auf die bereitstehenden Lkw wechselt oder umgekehrt. Ein ausgeklügeltes System garantiert dabei die Einhaltung der strengen Sicherheitsvorschriften. Daneben hat auch die Bahn-Logistiktochter Schenker einen Sitz am Airport. Lufthansa steuert den Flughafen Erfurt-Weimar zwar nur zu Ausbildungsflügen für Piloten an, bildet darüber hinaus allerdings mit der Tochterfirma Lufthansa Technical Training angehende Flugzeugmechaniker für ihren späteren Einsatz auf den Flughäfen aus.

Im Passagierbereich wird die Geschäftsführung vor allem versuchen müssen, Klinken bei den Urlaubsveranstaltern zu putzen. Zum Teil auch mit völlig neuen Ideen: Gemeinsam mit der Tourismusgesellschaft will Erfurt künftig Pilgerreisen nach Erfurt anbieten.

Auf den Spuren des Papstes würden die Passagiere Erfurt anfliegen - ebenso wie Benedikt XVI. Anschließend könnten sie den Dom und das Augustinerkloster besichtigen. Eine charmante Idee, die möglicherweise ihr Publikum findet.

Und US-Präsident Barack Obama war mit der Air Force One auch schon hier.

Pro & Kontra: Ist der Flughafen Erfurt-Weimar zu teuer?

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