Aus dem Nichts ein Etwas machen: Kunst in ACC-Galerie Weimar ist (aus) Müll!

Weimar.  Bildhauerin Liz Bachhuber war 25 Jahre lange Professorin in Weimar. Sie hebt auf und erhebt, was andere weggeworfen haben.

Ein Kinderwagen als Vogelnest und Vogel-Lichtspiele auf einer Wand aus Kühlschranktüren: Werke von Liz Bachhuber im ACC.

Ein Kinderwagen als Vogelnest und Vogel-Lichtspiele auf einer Wand aus Kühlschranktüren: Werke von Liz Bachhuber im ACC.

Foto: Maik Schuck

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Eine Schatzkammer verbindet, wie schon einmal vor 23 Jahren, zwei der inzwischen zwanzig Ausstellungsräume in der ACC-Galerie. Hinter Glas und auf Samt funkeln Objekte wie aus einer kunsthandwerklichen oder archäologischen Fürstensammlung. Es handelt sich um handgeschmiedete Werkzeuge aus DDR-Zeiten mit polierter und rostiger Seite, flankiert von glänzenden Hälften alter Kugelaschenbecher.

Dergleichen stand und lag Anfang der Neunziger auf den Straßen auch Weimars. Sperrmüll. Menschen entsorgten ihre Vergangenheit, um Platz zu schaffen für das, was die neue Zeit auf den Markt warf. Liz Bachhuber aus Milwaukee in Wisconsin (USA), soeben Kunstprofessorin in Weimar geworden, hob es auf und sammelte es ein. Desgleichen tat sie mit Laborglas in Jena: künstliche Objekte, die sie in Natur nachahmende Kunst verwandelte. Moderne Mimesis.

Vor der Schatzkammer stehen unter anderem zwei Rikschas: gebaut aus Kinderfahrrädern von Bachhubers Tochter, beladenen gleichsam mit der eigenen Künstlervergangenheit. Diese Werke entspringen Erfahrungen mit Bangladesch, wohin sie immer wieder reiste: in ein Land, wo in Armut unser Reichtum an billiger Kleidung entsteht und wohin wir unseren Müll bringen. Ein Land, wo Recycling keine ökologische, sondern ökonomische Notwendigkeit ist: aus dem Nichts ein Etwas machen. Die DDR lässt grüßen, irgendwie.

„Man muss nicht alles so schnell wegschmeißen“, sagt Liz Bachhuber mit ihrem amerikanischen Akzent, der ihr geblieben ist. Die Bildhauerin und Installationskünstlerin macht seit Jahrzehnten Müll zum Material und zum Thema ihrer Werke.

Protokolle der Kunst-Fakultät werden zu Blumenerde für Bananenpflanzen

Da entstanden runde und dynamische Objekte aus Nudelhölzern, Wäscheständer mit Sägeblatt-Reihen und aus bei Ilm-Hochwasser angespültem Gehölz Vogelnester, die auf einem Kinderwagen, auf Säuglingsgittern oder Schaukeln Platz fanden. Und auf Leuchtwänden aus alten Kühlschranktüren flattern Vögel als ausgestanzte Silhouetten. „Domestic Passions“ heißt die Reihe: häusliche Leidenschaften.

Der Weg in die Ausstellung auf zwei Etagen führt durchs Treppenhaus, an dessen Wänden jahreszeitgemäß Winterweihnachtssterne hängen: gefertigt aus Operationsbesteck, mit dem sich ins Behagliche ein Unbehagen einschleicht. Hier wie überall dreht Bachhuber sozusagen ein geflügeltes Wort um: Muss das weg oder kann das Kunst werden?

„School’s Out!“ heißt diese Personalausstellung mit Gästen: Die Schule ist aus! Das verweist auf das Ende einer alten und den Beginn einer neuen Lebensphase. Nach einem Vierteljahrhundert verließ Bachhuber 2018 die Fakultät Kunst und Gestaltung an der Bauhaus-Universität. Sie war, aus Düsseldorf kommend, eine der Gründungsprofessoren dieser neuartigen Kunsthochschule und die einzige geworden, die in Weimar sesshaft wurde, sich ganz und gar auf die Stadt einließ.

Als Emeritierte genießt sie jetzt eine andere künstlerische Freiheit. Die drückt sich in ihrer „Bananenrepublik“ aus: Protokolle aus 25 Jahren Fakultätsratssitzungen verwandelt sie, mit Biomüll vermischt, in Blumenerde für Bananenpflanzen. Das ist eine der vielen Metamorphosen in dieser Ausstellung, die von Tiefgang und Hintersinn sprechen, aber auch von der Leichtigkeit eines kritischen Geistes, der ohne Humor nicht zu haben ist.

Künstler und Umweltingenieure aus Weimar in Bangladesch

Der Autor und Kunstkurator David Galloway, ein Lebensfreund, erfand für Bachhubers Lebensthema das Wort von der „Vernestung“ der Welt. Das spiegelt sich auch in der Vernetzung, die die Künstlerin betreibt. Ihr gelang zum Beispiel, wovon an der Bauhaus-Uni oft die Rede und selten die Tat ist: Interdisziplinarität. Für das Bangladesch-Ausstellungsprojekt „Materie Neu Denken“ brachte sie zuletzt Weimarer Studenten der Freien Kunst und der Umweltingenieurwissenschaften zusammen. Beide Disziplinen, sagt sie, verbinde ihr Pragmatismus und ihr Materialinteresse.

Unter den 100 Arbeiten in der Ausstellung finden sich nun auch solche, die von sieben Studenten stammen, aus denen verbündete Künstlerfreunde wurden. Andreas Grahl zum Beispiel installierte in einem an der Wand hängenden Koffer ein Universum „ohne Sinnfrage“, mit Gebläse, Kunststoffflaschen und einem Handy, aus dem es spricht: „Ich bin der Universalgott. Und ich hasse euch alle!“ Samira Gebhardt hat rosafarbenes Papier aus der Otto-Dorfner-Werkstatt, der Buchdruckerei des Bauhauses, in Beton gegossen: Die „Lücke“ verweist auf ungenutzte Möglichkeiten, auf eine unbeschriebene Vergangenheit.

In ihrem gemeinsamen Video „Der rechte Winkel“ reflektieren Grahl und Gebhardt ihre Erfahrungen mit Ziegeleien in Bangladesch und den Wunsch, vorgegeben scheinenden Wegen eine andere Richtung zu geben. Das Leben in Bangladesch vermitteln Fotografien von Florian Wehking, der mit Bachhuber auch einen Film dazu drehte: „Handmade in Bangladesh“ feiert im Januar Premiere.

„School’s Out! – Liz Bachhuber und Gäste“, Ausstellung in der ACC-Galerie Weimar: Eröffnung am Samstag, 23. November, 20 Uhr. Zu sehen bis zum 23. Februar 2020.

Sonderführung „Die Vernestung öffentlicher Räume“ mit Liz Bachhuber: Sonntag, 24. November, 15 Uhr (Eintritt frei).

Filmpremiere „Handmade in Bangladesh“ von Liz Bachhuber und Floran Wehking: Mittwoch, 22. Januar 2020, Lichthaus Kino Weimar

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