Ausstellung in der Orangerie: Gera würdigt Künstler Kurt Günther

Gera.  110 Gemälde, Aquarelle, Zeichnungen und Druckgrafiken werden in der Orangerie ausgestellt.

„Zwischen Dur und Moll“ zum Schaffen von Kurt Günther. Der Leiter der Kunstsammlung, Holger Saupe und die wissenschaftliche Mitarbeiterin Claudia Schönjahn neben dem „Doppelbildnis Dix-Günther“ von 1920. 

„Zwischen Dur und Moll“ zum Schaffen von Kurt Günther. Der Leiter der Kunstsammlung, Holger Saupe und die wissenschaftliche Mitarbeiterin Claudia Schönjahn neben dem „Doppelbildnis Dix-Günther“ von 1920. 

Foto: Ulrike Kern

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Seine Werke changieren „zwischen Dur und Moll, Taghelle und Nächtlichkeit, zwischen Unschuld und Raffinement, Grauen und Bewunderung“, schrieb 1928 der zeitgenössische Kunstkritiker Franz Roh über den Künstler Kurt Günther und reiht ihn gleichwertig neben Otto Dix ein.

Nun widmet sich die Kunstsammlung Gera mit einer großen Ausstellung in der Orangerie Kurt Günther, dem Meister der Neuen Sachlichkeit. 110 Exponate werden bis zum 8. März gezeigt – 20 Gemälde, 70 Aquarelle, 20 Druckgrafiken und Zeichnungen – und damit alle Schaffensperioden des Künstlers beleuchtet. Ergänzt mit vier Leihgaben konnte die Kunstsammlung dabei aus der eigenen Sammlung schöpfen. Denn durch mehrere glückliche Ankäufe in den 70er-Jahren ist es gelungen, mit 160 Werken in Gera den umfangreichsten Kurt-Günther-Bestand in öffentlicher Hand zu versammeln.

Genau wie Dix stammt Günther aus Gera, wird hier am 1. Dezember 1983 geboren und ist damit zwei Jahre jünger als Dix. Als Sohn des Besitzers einer lithographischen Anstalt studiert er ab 1911 in Leipzig und Dresden, wird aber 1914 zum Kriegsdienst eingezogen. 1917 erkrankt er an Tuberkulose, seine finanzielle Situation erlaubt ihm allerdings eine Behandlung in Davos, wo er Ernst Ludwig Kirchner kennenlernt. Mit Otto Dix ist er da bereits befreundet. Beide nutzen häufig ein Atelier, verkehren 1919 zusammen in den Dresdner Künstlerkreisen mit Otto Griebel und Conrad Felixmüller und verehren mit der Bankierstochter Viola Schulhoff sogar die gleiche Frau. Allerdings kann Günther die Dame für sich gewinnen und 1922 heiraten. Das Ehepaar geht nach Bad Reichenhall, doch die Ehe hält nur drei Jahre, woraufhin Günther in seine Heimatstadt Gera zurückkehrt.

Viele dieser biografischen Bezüge finden sich in seinen Arbeiten und der Ausstellung „Kurt Günther – Zwischen Dur und Moll“ wieder: der Aufenthalt in Davos, Akademiearbeiten, Porträts Geraer Persönlichkeiten wie Schulenburg, dem Geologen Hundt und dem Oberbürgermeister Herfurth. Auch ein beeindruckendes „Doppelbildnis Dix-Günther“ von 1920, das die Besucher gleich am Eingang empfängt. Wie auch dieses, so laden die meisten Bilder von Günther zum Näherbetrachten ein. Denn zumeist verbergen sie etwas Rätselhaftes, zuweilen auch eine dunkle Seite.

Sein „Selbstbildnis mit Fliege“ von 1925 beispielsweise verbirgt eine Vielzahl nackter Frauenkörper, die sich um den Oberkörper Günthers ranken. Es verbindet somit die zwei vorherrschenden Sujets Günthers: das Porträt und die veristische Darstellungen weiblicher Erotik. Das „Selbstbildnis“ war übrigens ein Glücksfund, wie Holger Saupe, Leiter der Kunstsammlung, erzählt. Denn nach einem Aufenthalt in Paris und der Eheschließung mit Maria Flock zieht Günther 1932 von Gera in das benachbarte Kaltenborn, wo er ein Haus erwirbt. Dort, in dem alten Fachwerk, versteckt Günther sein „Selbstbildnis“. Vielleicht, weil er nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten von Hausdurchsuchungen und Ausstellungsverbot betroffen ist, auch seine Werke aus deutschen Museen als entartete Kunst entfernt werden. Das Ölgemälde jedenfalls taucht erst in den 90ern wieder auf, als neue Besitzer in dem Kaltenborner Haus eine Wandvertäfelung entfernen.

Die Jahre der Inneren Emigration verbringt Günther mit Kinder- und Bauernporträts und Landschaftsmalerei. Im Gegensatz zu Dix, der sein bemerkenswertes Spätwerk schafft, fehlt es Günther – geplagt von Krankheit und Depressionen – an Motivation für einen Neuanfang. Letztlich stirbt er 1955 in der Psychiatrischen Klinik in Stadtroda.

Was von ihm als Künstler bleibt, sind seine einfühlsamen Porträts, seine feine Linienführung, kühne Frauenakte, rätselhafte Details, seine klaustrophobischen dunklen Räume, seine aufrüttelnde sozialkritische Darstellung, sein neuer Realismus, in dem er zweifelsohne ein Meister war. All diesen Spuren kann man ab Freitag in dieser wundervollen Ausstellung folgen.

Geöffnet: Mittwoch bis Sonntag, feiertags 12 bis 17 Uhr.

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