Goethe als Mineraloge, Botaniker und Physiker im Schiller-Museum

Weimar  Wo fass ich dich, unendliche Natur: Johann Wolfgang Goethe wird im Schiller-Museum erstmals umfassend als Mineraloge, Botaniker, Anatom und Physiker betrachtet.

Ein Mann betrachtet beim Presserundgang am Montagvormittag eine Videoinstallation in der Ausstellung „Abenteuer der Vernunft. Goethe und die Naturwissenschaften um 1800“.

Ein Mann betrachtet beim Presserundgang am Montagvormittag eine Videoinstallation in der Ausstellung „Abenteuer der Vernunft. Goethe und die Naturwissenschaften um 1800“.

Foto: Martin Schutt/dpa

Wenig verheißungsvoll, so werden wir in dieser Ausstellung erinnert, verläuft die erste Begegnung Goethes mit Schiller: 1794, Jena. Die Dichter treffen bei der Naturforschenden Gesellschaft aufeinander und geraten anschließend in einen Disput. Als Botaniker entwickelt Goethe seinem Gegenüber die „Metamorphose der Pflanzen“, die Schiller später veröffentlichen wird, und stellt ihm eine Urpflanze vor Augen. Aufgrund seiner Beobachtungen ist diese Goethe eine Erfahrung, Schiller hält sie für eine bloße Idee.

Dieser Disput von Theorien und praktischen Erfahrungen, so ließe sich sagen, setzt sich nunmehr gleichsam bei Schiller fort, der ab heute den naturwissenschaftlichen Goethe für mehr als vier Monate beherbergt. „Abenteuer der Vernunft“ nennt die Klassik-Stiftung ihre neue Sonderschau im Schiller-Museum, mit deren Eröffnung sie am Abend in Goethes 270. Geburtstag rein feiert.

Von der denkwürdigen Begegnung in Jena erzählt eines jener „Spacebooks“, mit denen die Ausstellung unter anderem aufwartet: gedruckte Bücher, in denen man blättert und die dabei digital animiert werden, mit projizierten Zusatzinformationen.

Großdichter, der sich selbst eigentlich als Naturwissenschaftler begriffen hat

Sie sind eines von mehreren Elementen, mit denen die Dresdner Firma Whitebox einem Anspruch der Kuratoren gerecht zu werden versucht: komplexe Zusammenhänge einfach, verständlich und mit Freude an ein Publikum zu bringen.

Komplex geht es in der Tat zu in drei Abteilungen der Ausstellung, die ein Novum darstellt: „Erstmals weltweit - das kann man ruhig nach oben hängen“, so die neue Stiftungspräsidentin Ulrike Lorenz, „beschäftigen wir uns im Zusammenhang und vor allen Dingen vor dem Hintergrund einer riesigen Sammlung, die fast vollständig am Ort ihres Entstehens erhalten geblieben ist, mit dem Phänomen, dass ein nationaler Großdichter sich selbst eigentlich eher als Naturwissenschaftler begriffen hat.“

Von Irrungen und Wirrungen in den Naturwissenschaften

23.000 Objekte umfasst Goethes naturwissenschaftliche Sammlung: von Mineralien und Fossilien bis zu Mikroskopen und Experimentiergeräten. Zu sehen sind 400 Objekte, Leihgaben inklusive. An ihnen entlang erzählt man Wissenschaftsgeschichte um 1800, als das Erkenntnisinteresse, was die Welt im innersten zusammenhält, explodiert. Und mittendrin: Goethe. „Großer Vorteil, gleichzeitig mit großen Entdeckungen gewesen zu sein“, notiert er. „Man sieht sie an als Brüder, Schwestern, Verwandte, ja in so fern man selbst mitwirkt, als Töchter und Söhne.“

Drei Objekte erklärt uns der Physiker und Wissenschaftsjournalist Harald Lesch als Video-Faktotum: einen Meteoriten, einen Silberchlorid-Aufstrich, den man die erste Farbfotografie der Welt nennen könnte, sowie ein koloriertes Sonnenspektrum mit Absorptionslinien von Optiker Joseph von Fraunhofer, dem Goethe nicht folgen wollte. Dabei war es „der erste Schritt hin zur Astrophysik“, so Lesch, den Goethe da in Händen hielt. Er habe aber nicht wissen können, „dass eines Tages der gesamte Kosmos zum Objekt der Naturwissenschaft wird“.

Derweil eröffnet uns das Schiller-Museum einen Kosmos naturwissenschaftlicher Objekte sowie der Irrungen und Wirrungen, ohne die Naturwissenschaften selbst gar nicht zu denken wären. Goethe als Mineraloge, Botaniker, Anatom, Physiker und Chemiker dient dabei letztlich als Trägerrakete, um dorthin vorzudringen. Den Antrieb könnte liefern, was er Faust in den Mund legte: „Wo fass ich dich, unendliche Natur?“

Nun, jedenfalls nicht dort, wo Gewissheit zu liegen scheint, sondern dort, wo der Streit tobt, wo das „Abenteuer der Vernunft“ stattfindet. Den Ausstellungstitel hat man nicht bei Goethe, sondern bei Immanuel Kant entliehen: In seiner „Kritik der Urteilskraft“ beschrieb er, was der Archäologe der Natur“ erlebt.

Goethe verstand Natur als Einheit und wollte sie nicht zerlegt wissen

Nicht von ungefähr beginnt die Ausstellung gleichsam unter Tage: im Bergwerk. Mit dem Versuch, den Ilmenauer Bergbau neu zu beleben, steigt Goethe in die Erdgeschichte und die mineralische Welt ein, so Kurator Thomas Schmuck. Das mündet später in der Frage „Feuer oder Wasser?“ Lagerte sich alles Gestein durch Sedimente in Meeren ab, wie Neptunisten wie Goethe glaubten? Waren vulkanische Kräfte am Werk, wie Vulkanisten dagegen hielten?

Immerhin: Goethe, der selbst den Vesuv bestieg, hegte Zweifel an der eigenen Position. An seinem „zweifellos missglückten Versuch“, so Kuratorin Kristin Knebel, Newtons Optik mit seiner Farbenlehre zu widerlegen, hielt er hingegen fest. Goethe verstand die Natur demnach als Einheit und wollte sie nicht zerlegt wissen, also auch nicht das Sonnenlicht. Alexander von Humboldt nannte die Farbenlehre einen „unglücklichen, mit geschmacklosen Verwünschungen begleiteten Feldzug gegen die Mathematik und Newton’s Optik“.

Den Stich zu Humboldts „Geographie der Pflanzen in den Tropen-Ländern“ nahm Goethe derweil nicht nur begeistert in seine Sammlungen auf, er fertigte dazu ungeduldig selbst eine Zeichnung an. Unbestritten bleibt bis heute indes, das Goethe den Zwischenkieferknochen fand.

Im naturwissenschaftlichen Kosmos taucht die Rekonstruktion des Riesenfaultiers auf, Christian Heinrich Panders Beitrag zur Embryologie, nachdem er 2000 Hühnereier untersuchte, die Schädellehre des Franz Joseph Gall, der Goethe eine Lebendmaske vom Gesicht nahm, die „Sexualorgane“, die Carl von Linné bei Pflanzen in ein System brachte, physikalische Experimente etwa zur Elektrizität in Labors, die Goethe an der Universität Jena einrichten ließ, und, und, und.

In all dem kann man sich leicht verlieren. Und das ist, als Angebot zur Selbsterfahrung, womöglich so gewollt. „Sie werden auch in zwei Stunden wahrscheinlich nicht durchkommen“, vermutet Kurator Schmuck, diese Schau betreffend.

  • Dienstag, am 27. August, ist die Ausstellung im Schiller-Museum von 20.30 Uhr bis 1 Uhr bei freiem Eintritt zu sehen. Gezeigt wird sie danach bis zum 5. Januar.
  • Zur Ausstellung erscheint der Katalog „Abenteuer der Vernunft. Goethe und die Naturwissenschaften um 1800“, Sandstein Verlag 2019, 420 Seiten, 29,90 Euro.

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