Wirbel am Theater Erfurt: Das Dirigentenchaos des Guy Montavon

Erfurt.  Wirbel um die GMD-Stelle am Theater Erfurt: Der Favorit sagt bedauernd ab. Ein Kandidat zieht vors Arbeitsgericht.

Erfurts Intendant Guy Montavon hat sich bei der GMD-Suche verspekuliert.

Erfurts Intendant Guy Montavon hat sich bei der GMD-Suche verspekuliert.

Foto: Lutz Edelhoff

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Ein Intendant wie Guy Montavon in Erfurt ist ein einsamer Entscheider. Bei ihm liegt die Personalhoheit. „Wenn ich Sie als GMD engagieren will“, sagt er zum Journalisten, „kann nicht einmal der liebe Gott etwas dagegen machen!“

Einen solchen Absolutismus deckt bis heute der Tarifvertrag für Konzertorchester. Ein Orchestervorstand ist demnach zwar an der künstlerischen Beurteilung der Bewerber zu beteiligen. Dass der Intendant der Meinung folgen müsste, steht nirgends. Diese Macht, die Montavon in Händen hält, fällt ihm gerade auf die Füße. Er hat sich verspekuliert an der Dirigentenbörse und damit nicht zuletzt für Unruhe und auch Frust im Philharmonischen Orchester Erfurt gesorgt.

Vor zwei Jahren bestellte er seinen engen Freund, den Griechen Myron Michailidis, zum neuen Generalmusikdirektor, nachdem Joana Mallwitz gen Nürnberg entschwand. Michailidis wurde für zwei Spielzeiten verpflichtet; mehr lasse dessen Terminkalender nicht zu, hieß es damals. Parallel schrieb das Theater die Stelle für 2020 neu aus, flankiert von Montavons kleinem Hinweis an die Presse, vielleicht streiche man die Position künftig aber auch ganz. Die Idee war aber schnell wieder vom Tisch.

In Erfurt trafen laut Montavon 65 Bewerbungen ein. Mit dem Orchestervorstand einigte er sich auf zehn Kandidaten, die man für eine Probe und ein Konzert zum Vordirigat einlud. Danach schied die Hälfte aus, die anderen durften noch eine Opernvorstellung leiten. Am Ende blieben drei Dirigenten übrig, die sich erneut beweisen durften. Und Montavon lud sie zum längeren Gespräch.

Montavon will Myron Michailidis bis 2022 halten – das Orchester will das nicht

Schließlich wählten die 68 Orchestermusiker mit großer Mehrheit ihren Favoriten aus: Felix Bender. Der heute 33-Jährige war einst Thomaner, studierte an der Franz-Liszt-Hochschule in Weimar, war dort zweiter Kapellmeister am Nationaltheater, danach erster in Chemnitz, davon ein Jahr als amtierender GMD. Er dirigierte Opernaufführungen unter anderem mit dem Gewandhausorchester Leipzig und Konzerte zum Beispiel mit der Staatskapelle Dresden. Orchester, Chor und Solisten in Erfurt erhofften sich von ihm einen frischen Wind und neue Ideen.

Felix Bender lehnt ausschreibewidrige Wartestellung ab

Guy Montavon wollte mit Bender den Vertrag auch machen, plötzlich aber erst, entgegen der Stellenausschreibung, ab 2022, wenn sein eigener Vertrag ausläuft. Myron Michailidis nämlich hatte auf einmal wohl doch Zeit und sollte um zwei Jahre verlängert werden. Der junge Bender werde gewiss so lange warten – so muss Montavon spekuliert haben. Felix Bender wartete nicht. Er sagte ab. „Ich hätte das sehr, sehr gerne gemacht“, erklärt er auf Nachfrage unserer Zeitung. Aber der verschobene Vertragsbeginn „änderte natürlich alles“.

Am Tag vor den Theaterferien präsentierte Montavon schließlich den Zweitplatzierten des Verfahrens als GMD ab 2022: Harish Shankar. Der aus Malaysia stammende Dirigent ist erster Kapellmeister in Meiningen und ist aktuell auch noch GMD-Kandidat in Coburg, für 2020; auch er ein sehr vielversprechendes Talent.

Zunächst aber soll es bei Michailidis bleiben. Der Orchestervorstand lehnte es jedoch ab, über den aktuellen GMD zu votieren und trat lieber zurück. Seit dieser Spielzeit gibt es einen neuen Vorstand, von dem Montavon behaupten kann, mit ihm und ihnen herrsche Einvernehmen.

Diese ganze Geschichte erzählt der Intendant so natürlich nicht. Er erzählt eine andere, die ihn mittlerweile ereilte. „Ich habe dafür gesorgt, dass ich jemanden ernennen kann über meine derzeitige Amtszeit hinaus“, sagt Montavon. „Im Prinzip ist alles richtig gelaufen. Nur einer findet das nicht.“

Arbeitsgericht: GMD-Stelle darf vorerst nicht neu besetzt werden

Dieser eine, fand unsere Zeitung heraus, ist der Dirigent Adrian Müller. Er lebt mit seiner Frau, der britischen Sopranistin Dame Gwyneth Jones, in Zürich. Müller war in Erfurt unter die letzten Fünf gekommen. Nachdem ihm Montavon seine Entscheidung im Sommer mitgeteilt hatte, klagte Müller vor dem Arbeitsgericht, zunächst erfolgreich. Im Konkurrentenschutzverfahren, eigentlich zum Beamtenrecht gehörend, erließ das Gericht eine Untersagungsverfügung: Die Stelle darf vorerst nicht besetzt werden.

„Konkurrentenklagen bei der Besetzung von GMD-Positionen sind ungewöhnlich“, lässt Marc Grandmontagne, Geschäftsführender Direktor des Deutschen Bühnenvereins, auf Anfrage mitteilen. „Uns ist bisher kein Fall bekannt.“

Für Ende Februar 2020 ist das Hauptverfahren angesetzt, in dem es für das Theater darum geht, ob die Stelle neu ausgeschrieben werden muss. Vielleicht aber kommt es nicht dazu, denn Müller und das Theater verhandeln aktuell noch über einen Vergleich. Es geht also wohl um Geld. Schon deshalb will sich der Dirigent derzeit nicht weiter dazu äußern.

Deshalb bestätigt und dementiert er auch nicht Informationen unserer Zeitung, wonach er sich auf Artikel 33 des Grundgesetzes beruft. Der formuliert das Gleichbehandlungsgebot und einen Grundsatz der Besten-Auslese beim Zugang zu öffentlichen Ämtern. Das sieht Müller offenbar verletzt.

Intendant will bis vors Bundesarbeitsgericht gehen

Allerdings regelt das Grundgesetz auch die Kunstfreiheit. Inzwischen schauen Theater in ganz Deutschland mit Spannung auf das Arbeitsgericht. „Sollten wir unterliegen, wäre das ein gewaltiger Einschnitt in die Theaterlandschaft“, sagt Montavon. „Definitiv würden wir aber bis zum Bundesarbeitsgericht gehen!“

Felix Bender hätte wohl viel mehr Grund gehabt zu klagen, hört man von Fachleuten in der Szene. Er tat es aber nicht und machte auch sonst kein Fass auf. Montavon habe das Verfahren schlecht gemanagt, hört man inzwischen aus der Szene, in der der Fall Kreise zieht. Das bewege sich am Rande des Akzeptablen.

Der Intendant soll bei keinem einzigen Vordirigat eines Kandidaten dabei gewesen sein. Montavon äußert sich dazu nicht und vorerst auch überhaupt nicht mehr, mit Hinweis auf das laufende Verfahren.

Hans-Peter Oberlander vom neuen Orchestervorstand teilt mit, dass dieses immerhin „das künstlerische Tagesgeschäft nicht stört, worüber wir alle froh sind und mit gewohnter Ruhe und Sorgfalt unserer Arbeit nachgehen“.

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