Schnellere Ausbildung zum Erzieher: Modellprojekt startet in Thüringen

Erfurt  Der Weg in den Erzieherberuf ist bislang steinig. Angesichts des Fachkräftemangels wird die Ausbildung angepasst. In Thüringen startet jetzt für 61 Schüler ein entsprechendes Modellprojekt.

Träger von Kindertageseinrichtungen fordern schon seit Jahren eine duale Ausbildung, die es in anderen Bundesländern bereits gibt (Archivbild).

Träger von Kindertageseinrichtungen fordern schon seit Jahren eine duale Ausbildung, die es in anderen Bundesländern bereits gibt (Archivbild).

Foto: Jan-Philipp Strobel/dpa

Das ist doch kein Beruf für einen Mann! Sätze wie diese hatte René Jancke zu hören bekommen, als er nach der Schule laut über seinen Berufswunsch nachdachte: Erzieher im Kindergarten. Es war nicht der einzige Grund, warum er sich damals dagegen entschied. Zwei Ausbildungsjahre zum Sozialassistenten oder Kinderpfleger, dann drei Jahre Erzieherausbildung: Der Weg in den Beruf ist lang. Um über die Runden zu kommen, hätte er sich einen Aushilfsjob suchen oder Bafög beantragen müssen. Er hatte sich einen Ausbildungsplatz in der Landwirtschaft gesucht, ist später zur Bundeswehr gegangen und hat lange in der Logistik gearbeitet.

Jetzt ist er 31 Jahre alt und doch noch auf dem Weg in seinen Traumberuf. Seit August ist er Schüler in der Erfurter Marie-Elise-Kayser-Schule, wo er zum Erzieher ausgebildet wird. Drei Tage Schule und zwei Tage Praxis, die er in einer Erfurter Kita absolviert. Auch in den Ferien ist er dort. Er erhält eine Ausbildungsvergütung, die sich am Tarif im öffentlichen Dienst orientiert. In drei Jahren wird er Erzieher sein. Mit dieser Qualifikation wird er nicht nur in Kitas arbeiten können, sondern auch im Jugendbereich oder in Heimen. Das neue Ausbildungskonzept hat ihn überzeugt.

Schüler werden in Kitas von Praxisanleitern begleitet

Zeitgleich mit Erfurt begann auch im Berufsbildungszentrum „Ernst Arnold“ in Greiz-Zeulenroda und an der Berufsschule für Gesundheit und Soziales Meinigen die neue Ausbildung. Insgesamt 61 Plätze wurde dafür geschaffen, im kommenden Jahr sollen es noch einmal 60 sein. In den Kitas werden die Schüler von Praxisanleitern begleitet, die dafür im Bad Berkaer Lehrerfortbildungsinstitut Thillm geschult werden. Die Ausbildung ist ambitioniert, denn komprimiert bedeutet nicht, dass es Abstriche an der Ausbildungsqualität gibt, stellt Daniel Jens klar, der an der Erfurter Schule für die sozialen Bildungsgänge zuständig ist.

Es ist ein Modellprojekt, angelegt auf vier Jahre, vorerst. Er gehe davon aus, dass sich die praxisintegrierte Ausbildung in der kommenden Legislatur verstetigt, sagt Bildungsminister Helmut Holter (Linke), der sich am Donnerstag in der Erfurter Schule über den Start informierte. Alle Branchen würden um Nachwuchs werben, da dürfe man nicht im Bereich der frühkindlichen Bildung hinterherhängen.

Der lange und unbezahlte Ausbildungsweg schreckt viele junge Menschen ab

Dann muss auch die Finanzierung geklärt werden. Im ersten Jahr fördert der Bund komplett die Ausbildungsplätze, im zweiten Jahr zu 70, im letzten zu 30 Prozent. Die Differenz werde das Land aus den Bundesmitteln verwenden, die aus dem Gute-Kita-Gesetz kommen, heißt es aus dem Bildungsministerium.

Träger von Kindertageseinrichtungen fordern schon seit Jahren eine solche duale Ausbildung, die es in anderen Bundesländern bereits gibt. Nicht als alleiniger Weg, aber zumindest als Wahlmöglichkeit. Der lange und unbezahlte Ausbildungsweg schreckt viele junge Menschen ab. Noch schwerer ist es für Interessenten, die aus anderen Berufen gern wechseln würden. Wer schon Kinder hat, kann sich eine jahrelange Ausbildung ohne Geld schlichtweg nicht leisten. Fatal angesichts der Frage, woher denn die 8000 Fachkräfte kommen sollen, die in Thüringer Kitas fehlen.

Hoher Zuspruch für Konzept

Eine praxisintegrierte Ausbildung, so die Hoffnung, könnte auch eine weitere Zielgruppe für den Erzieherberuf erwärmen: Abiturienten. Viele winken ab, wenn sie vom Ausbildungsweg hören, in fünf Jahren kann man auch ein Unistudium stemmen. Im Modellprojekt steht die Ausbildung auch jungen Menschen mit Abitur oder Fachhochschulreife ohne Berufsabschluss offen, sie müssen nur 480 Praktikumsstunden im sozialen Bereich nachweisen.

Dass dieses Konzept aufgehen kann, hat der Zuspruch schon mal gezeigt, bestätigt Daniel Jens. Obwohl das Bewerbungsverfahren spät begann, gab es für die 21 Plätze 50 Bewerbungen. Etwa 100, schätzt man an der Schule, werden es wohl im kommenden Jahr sein. Jeder dritte Schüler ist Abiturient, die Hälfte 30 Jahre und älter. Einige haben bereits Kinder. Diese vergütete Ausbildung, bemerkt eine Schülerin, sei für sie die einzige Möglichkeit, in den Traumberuf zu kommen.

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