Landeskommandeur warnt vor falschen Erwartungen an Bundeswehr

Erfurt.  Der Kommandeur des Landeskommandos Thüringen der Bundeswehr warnt vor überzogenen Erwartungen an die Truppe, wenn die Corona-Beschränkungen gelockert werden.

Kommunen in Thüringen können mit immer weniger Hilfen der Streitkräfte rechnen, wenn die Corona-Beschränkungen weiter gelockert werden.

Kommunen in Thüringen können mit immer weniger Hilfen der Streitkräfte rechnen, wenn die Corona-Beschränkungen weiter gelockert werden.

Foto: Klaus-Dietmar Gabbert / dpa

Nach Einschätzung des neuen Kommandeurs des Landeskommandos Thüringen der Bundeswehr können die Kommunen im Freistaat immer weniger mit Hilfen der Streitkräfte rechnen, wenn die Corona-Beschränkungen weiter gelockert werden. «Je mehr wir in dieser Krise in Richtung Exit gehen, desto weniger Hilfe sollte es von der Bundeswehr geben – sonst passt was in der Logik nicht», sagte Oberst Georg Oel der Deutschen Presse-Agentur. Alle aktuellen Infos für Thüringen im kostenlosen Corona-Liveblog.

Grundsätzlich habe er zwar Verständnis für alle Hilfsanträge, die an die Bundeswehr gestellt werden. «Aber in der Vergangenheit hat es sich mancher Krisenstab vielleicht zu leicht gemacht, indem er vorrangig nach Hilfe der Bundeswehr gerufen hat.»

Bundeswehr lehnte mehrere Anträge zur Hilfe ab

Die Bundeswehr hatte zuletzt mehrere Anträge von Thüringer Kommunen und auch des Freistaates auf Unterstützung in der Corona-Krise abgelehnt. Unter anderem hatten das Landesverwaltungsamt und die Stadt Jena erfolglos Unterstützung beim Betrieb der Landeserstaufnahmeeinrichtung für Flüchtlinge in Suhl beziehungsweise die Bereitstellung von Zelten beantragt.

Hilfe der Bundeswehr in Gera

Ein Antrag der Stadt Gera auf Unterstützung durch die Bundeswehr war dagegen erfolgreich gewesen. Soldaten helfen dort an einer Corona-Abstrichstelle mit.

Oel hatte die Amtsgeschäfte vom langjährigen Kommandeur, Oberst Norbert Reinelt, Mitte März übernommen. Er hatte seine Laufbahn bei der Bundeswehr 1979 begonnen, als er in ein Jägerbataillon in München eintrat. Später war Oel Zugführer, Kompaniechef und Kommandeur bei den Gebirgsjägern in Mittenwald. Zwischen Ende 2016 und Mitte 2017 war er Kommandeur des deutschen Einsatzkontingents im Nord-Irak. Unmittelbar vor seinem Wechsel zum Landeskommando diente Oel als Chef des Stabes des Ausbildungskommando des Heeres in Leipzig. Das Landeskommando koordiniert unter anderem die zivil-militärische Zusammenarbeit im Freistaat.

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Zu wenig Feldbetten und Zelte

Die wichtigsten und am häufigsten von zivilen Behörden nachgefragten Ressourcen der Bundeswehr in der Corona-Krise sind nach Angaben Oels Sanitätsmaterial, Sanitätspersonal und Depotmaterial wie Feldbetten. Gerade bei Letzterem seien die Bestände der Truppe allerdings angespannt. «Bei den Feldbetten und Zelten sind die Lager seit der Flüchtlingskrise nicht wieder voll aufgefüllt worden», sagte Oel. Solche Materialien habe in der Beschaffung in den vergangenen Jahren «einfach nicht die höchste Priorität» gehabt. «Wer hätte schon mit einer Situation, wie wir sie heute haben gerechnet?»

Keine neue Wehrpflicht zu erwarten

Dass die Corona-Krise vor diesem Hintergrund dazu führen wird, dass sich die Bundeswehr personell wieder neu aufstellen und dafür vor allem die Wehrpflicht wieder eingeführt wird, glaubt Oel nicht. Zwar werde es sicher eine entsprechende politische Debatte geben. Doch werde diese Diskussion wahrscheinlich ohne konkrete Ergebnisse bleiben.

«Die Reaktivierung der Wehrpflicht würde etwa fünf bis zehn Jahre dauern – wir fahren mit unserem System aus Freiwilligen und Berufssoldaten sehr gut», sagte Oel. Allerdings hätten die Streitkräfte «das Ende der Fahnenstange bei unseren Möglichkeiten zur Rekrutierung beziehungsweise Anwerbung noch nicht erreicht».

Die Wehrpflicht in Deutschland war 2011 ausgesetzt worden. Seit dem hat es immer wieder Forderungen in der Politik gegeben, sie auf die eine oder die andere Weise wieder zu aktiven.