Thüringen will bei Kliniken kürzen

Zu viele Kliniken, zu viele Betten, zu wenig Patienten: Die Landesregierung will bei den Krankenhäusern den Rotstift ansetzen. Vielen Patienten drohen künftig deutlich längere Anfahrtswege.

Krankenbetten im Erfurter Helios-Klinikum. Foto: Sascha Margon

Foto: zgt

Erfurt. Der Krankenhauslandschaft in Thüringen steht ein drastischer Umbau bevor. Die Zahl der Betten in den Kliniken soll in den kommenden fünf Jahren von mehr als 15.700 auf etwa 14.000 sinken - ein Minus von rund 11 Prozent. Schlecht ausgelasteten Frauen- und Kinderkliniken droht das Aus. Auch andere kleinere Abteilungen sollen geschlossen werden. Patienten müssen dadurch längere Anfahrtswege in Kauf nehmen.

Das sind Ergebnisse eines bisher nicht veröffentlichten Gutachtens des Gesundheitsministeriums, das "Thüringer Allgemeine" vorliegt. Das Papier vom Berliner IGES-Institut dient als Grundlage für den Landeskrankenhausplan, der bis Jahresende beschlossen werden muss. "Bei dem Gutachten handelt es sich um Vorschläge, die so nicht alle umgesetzt werden", sagte ein Sprecher von Ministerin Heike Taubert (SPD). "Allerdings können wir auch nicht so tun, als gäbe es die sinkenden Einwohnezahlen nicht."

Auch der Steuerzahlerbund fordert Einschnitte. "Wir sehen den Bedarf an Kliniken. Aber wir sehen auch, dass wir uns nur das leisten dürfen, was wir bezahlen können", sagte Vorsitzende Elfi Gründig.

Der Thüringen-Chef der Techniker Krankenkasse (TK), Guido Dressel, sagte auf Nachfrage: "Wenn sich jetzt nichts ändert, könnten uns Ärztemangel und Bevölkerungsschwund in wenigen Jahren zu noch härteren Maßnahmen zwingen."

Die Kliniken wehren sich gegen die Pläne. "Die Gutachter haben den Betten-Bedarf falsch berechnet", kritisierte der Geschäftsführer der Krankenhausgesellschaft, Michael Lorenz.

Tatsächlich basieren die Prognosen auf Daten aus dem Jahr 2008 sowie auf einem Bundesdurchschnitt - obwohl die Zahl der Klinikeinweisungen in Thüringen deutlich darüber liegt.

Werden die Vorschläge der Gutachter umgesetzt, müssen unter anderem Kliniken in Sömmerda, Arnstadt, Ilmenau, Apolda, Suhl und Eisenach einzelne Abteilungen schließen. Profitieren würden Häuser in Erfurt, Weimar, Gotha und Jena.

Wie sich die Krankenhauslandschaft in Thüringen bis 2015 verändern könnte

Bald wird es ernst für Heike Taubert. Bis Herbst soll sie ihn vorlegen, den neuen Krankenhausplan. In dem Papier steht, wie viele Kliniken es zwischen Nordhausen und Sonneberg geben soll. Doch was nach einer Routine-Aufgabe für eine Gesundheitsministerin klingt, wird zu einer unmöglichen Aufgabe, wenn man sich anschaut, welche Fragen der Plan beantwortet muss:

Wie viele Hospitäler braucht ein Land, das weiter schrumpft? Wie viele Kliniken sind genug, und wie viele wären zu teuer? Bis wohin darf die Zahl der Patienten absacken, bevor man eine Abteilung dicht macht? Wie viele Kilometer kann man Kranken bis zum nächsten Hospital zumuten? Bei welchen Häusern lohnen sich Subventionen? Für die Ministerin und ihr Referat "Krankenhauswesen" ist das nicht nur mühsame Kleinarbeit, es droht auch jede Menge Ärger: Wer mit Patienten Geld verdient, will meist etwas völlig anderes als derjenige, der die Kosten bezahlen muss - will etwas anderes als diejenigen, die Patienten behandeln - etwas anderes als diejenigen, die behandelt werden. Die Antworten, die Betreiber von Kliniken, Kassen, Mediziner und Patienten auf Tauberts Fragen haben, schließen sich gegenseitig aus.

Damit das Kabinett über den Plan bis Ende des Jahres abstimmen kann, hat Taubert ein Gutachten in Auftrag gegeben. Das Berliner IGES-Institut hat Statistiken durchforstet, Experten befragt, mit Krankenhaus-Chefs geredet. Ihr Fazit: In Thüringen leben immer weniger Menschen, immer mehr Ältere und immer weniger Junge. Was einschneidende Folgen für Wirtschaft, Arbeitsmarkt, Städteplanung, Konsum und Kultur hat, muss Auswirkungen auf Krankenhäuser haben. Ihre Forderung: eine Schrumpfkur.

Werden die Vorschläge umgesetzt, wird die Zahl der Klinik-Betten in den kommenden fünf Jahren von 15 714 auf 14 019 gestutzt - 11 Prozent weniger. Massiv soll der Abbau wegen der niedrigen Geburtenrate bei Frauenheilkunde und Geburtshilfe (-47 %) sowie Kinder- und Jugendmedizin (-40 %) vorangetrieben werden.

Wie stark es welches der insgesamt 39 Hospitäler im Freistaat treffen soll, haben die Gutachter bereits festgelegt (eine Auswahl zeigt die Karte und die Tabelle oben). Unter den 21 Abteilungen auf der Streichliste sind vor allem schlecht ausgelastete Frauen- und Kinderkliniken. Auch Mini-Abteilungen für Urologie, Augen- oder Hals-Nasen-Ohren-Leiden stehen damit vor dem Aus (siehe Beispiele in der Tabelle unten).

Weitgehend verschont werden Häuser, die Altersmedizin und Psychiatrien betreiben. Die Fallzahlen sind in den vergangenen Jahren explodiert. Die Auslastung liegt bei 90 Prozent.

Die Kliniken wehren sich heftig gegen die Pläne. "Der Betten-Bedarf wurde mit veralteten und falschen Zahlen berechnet", schimpft Michael Lorenz von der Krankenhausgesellschaft.

Und tatsächlich basieren die IGES-Prognosen auf Daten aus dem Jahr 2008 sowie auf Durchschnittswerten, die für Deutschland gelten, obwohl die Zahl der Klinikeinweisungen in Thüringen einer Studie des Rheinisch-Westfälischen Instituts für Wirtschaftsforschung zufolge rund 12 Prozent darüber liegt

Für ein Krankenhaus ist es überlebenswichtig, in Tauberts Krankenhausplan zu stehen. Nur wer dort gelistet ist, darf gesetzlich Krankenversicherte behandeln und die Kosten dafür mit den Kassen abrechnen.

Patienten müssten nach der Schrumpfkur erheblich längere Anfahrtswege in Kauf nehmen. So kann man fragen: Warum gibt es noch an so vielen Krankenhäusern eine Geburtshilfe, obwohl immer weniger Kinder geboren werden? Oder aber: Warum soll eine Schwangere aus Greiz statt ins nahe gelegene Kreiskrankenhaus in Zukunft 30 Kilometer bis in eine Klinik nach Gera fahren müssen?

Ob der Kahlschlag kommt, ist fraglich. Jeder Wähler ist Patient, jede Klinik ein Arbeitgeber. Und jeder Politiker hat in seinem Wahlkreis ein Krankenhaus.

Der von Taubert heißt "Greiz II". Greiz, Gera, Pößneck, Eisenberg, Schleiz, Schmölln, Ronneburg, Altenburg und Stadtroda sind alles Klinik-Standort in Ostthüringen. Die Frage, die am Ende entscheidend sein könnte, ist: Kann eine Regierung eine derartige Streichorgie politisch wirklich überleben?

Zu den Kommentaren