Spektakulärer Diebstahl: Seltenes Urmeter aus Osterburg entwendet

Ein spektakulärer Diebstahl hat sich in der Nacht vom Freitag zum Sonnabend hinter den meterdicken Mauern der Osterburg in Weida abgespielt. Das so genannte Urmeter, eines von nur 30 Exemplaren weltweit, ist aus der aktuellen Ausstellung "Vom Urmeter zur Atomuhr" gestohlen worden.

Über diese Leiter sind die Diebe in die Ausstellungsräume der Osterburg in Weida gelangt. Foto: Jürgen Müller

Über diese Leiter sind die Diebe in die Ausstellungsräume der Osterburg in Weida gelangt. Foto: Jürgen Müller

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Weida. Zum Materialwert des Längenmaßes aus Platin und Iridium wollte sich gestern niemand äußern. Er dürfte nicht unerheblich sein, doch der ideelle Wert soll weitaus höher sein. "Das Urmeter ist die Grundlage der Globalisierung, es ist das Maß der Welt, wenn Sie so wollen", erzählt Prof. Jürgen Müller von der Berufsakademie Gera. Er gehört mit Prof. Peter Bussemer zu den Machern der Ausstellung. Leihgeber ist die Physikalisch-technische Bundesanstalt in Braunschweig, die sofort informiert wurde.

Der Fährtenhund findet keine Spur

Die Diebe mussten sich bestens ausgekannt haben. Sie nutzten nicht den offiziellen Eingang zur Burganlage aus dem 12. Jahrhundert, sondern stiegen über die Rückfront, über den Burggarten ein. Sie nutzten offensichtlich zuerst eine Gerüsttraverse - die Burg wird derzeit saniert - und lehnten dann eine Leiter ans Gemäuer. Längere Zeit müssen sie sich mit dem Aufbrechen des eisernen Fenstergitters beschäftigt haben. Sobald sie die Ausstellungsräume betraten, gegen 1.30 Uhr, schlug die Alarmanlage an.

"Doch die Diebe haben zielgerichtet die Glasvitrine einschlagen, das Urmeter gestohlen und sind geflohen. Das hat keine zwei Minuten gedauert", sagt Bettina Gunkel von der Stadtverwaltung. Da nutzte es auch nichts, dass innerhalb weniger Minuten Hausmeister und Sicherheitsdienst vor Ort waren. Wenig später traf die Kriminalpolizei ein und sicherte den Tatort. Doch auch ein eingesetzter Fährtenhund konnte keine heiße Spur finden. Bis zum Sonnabendnachmittag wurden Spuren gesichert und Zeugen befragt.

Wer klaut ein Urmeter?

Wer aber braucht ein Urmeter? Diese Frage treibt jetzt die Weidaer Kuratoren um. Das Ausstellungsstück war eines von nur drei Exemplaren, die in Deutschland lagern. Ihre Geschichte geht ins 19. Jahrhundert zurück: 1879 hatte der englische Metallurge George Matthey im Auftrag der Generalkonferenz für Maß und Gewicht das erste Urmeter aus Platin und Iridium angefertigt. Das Original befindet sich bis heute in Paris. Bis 1889 stellte Matthey 30 Kopien her. Ein handwerkliches Meisterwerk, das pro Stück 448 Arbeitsstunden abverlangte. Im gleichen Jahr wurden die Urmeter unter den Mitgliedsstaaten verlost. "Damit war dem Meter als Maßeinheit und der Dezimaleinteilung der Weg geebnet", erklärt Prof. Jürgen Müller. Statt der regional so unterschiedlichen Elle und des Fußes gab es jetzt das einheitliche Meter.

Deutschland erhielt mit der Nummer 18 genau jenes Urmeter, das jetzt gestohlen wurde. Das Königreich Bayern, damals selbstständiges Mitglied der Konferenz, bekam Kopie Nr. 7. Beide Urmeter befanden sich während und nach dem zweiten Weltkrieg zehn Jahre lang auf der Osterburg.

Kriegswichtige Forschung, darunter auch das Maßwesen, war ab 1943 in die sichere Provinz verlagert worden. Genau mit diesem Abschnitt der Geschichte der Physikalisch-Technischen Bundesanstalt beschäftigt sich die aktuelle Schau.

Da beide Urmeter in Ostdeutschland blieben, soll die BRD ein Drittes später von Flandern erworben haben. Heute befinden sich alle drei im Besitz der Bundesanstalt und dort normalerweise auch unter Verschluss. Nur für wenige Wochen sollte ein Exemplar nach Weida zurückkehren.

Wer die Geschichte kennt, die mit dem Urmeter verbunden ist, hat eigentlich nur zwei Erklärungen für den Diebstahl. "Entweder war tatsächlich jemand auf das Material aus", sagt Müller, "dann hätte er in der Schau mit weiteren Maßen und Gewichten aber noch mehr einpacken müssen." Oder es handelt sich um einen Sammler, der den Auftrag gab. Nur ein Experte kann den wahren Wert des an sich wenig Aufsehen erregenden Metallstückes abschätzen.

Das Urmeter ist nicht zu ersetzen

War die Ausstellung genug abgesichert? Müller glaubt das schon: "Eigentlich ist die Burg an sich schon ein Schutzwall, und die Alarmanlage hat ja nicht versagt", rechnet Prof. Müller. Auswirkungen auf das heutige Maßwesen hat der Diebstahl freilich nicht. Schon 1960 fand der Wissenschaftler Wilhelm Kösters einen Weg, das Meter über Naturgesetze zu bestimmen. So wurde das Urmeter durch eine Lichtwellendefinition abgelöst. Und inzwischen ist die Atomzeit Basis für die exakte Abmessung. Trotzdem, der Verlust wöge schwer. Das Urmeter ist nicht mehr zu ersetzen. "Wir können es nicht wieder beschaffen und auch nicht neu anfertigen", bedauert Müller.

Die Ermittlungen der Kripo laufen auf Hochtouren. Hinweise nimmt jede Polizeidienststelle entgegen.

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