So retteten die Erfurter heute vor 30 Jahren das Andreasviertel

Erfurt.  Am 10. Dezember 1989 folgen so viele Erfurter dem Aufruf ihre Altstadt zu retten, dass eine geschlossene Menschenkette die Innenstadt schützt.

Bürgerwall für Erfurts Altstadt.

Bürgerwall für Erfurts Altstadt.

Foto: Roland Obst

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Am 10. Dezember 1989 folgen so viele Erfurter dem Aufruf ihre Altstadt zu retten, dass eine geschlossene Menschenkette die Innenstadt schützend umgibt. Ein Bürgerwall und eine besondere Demonstration – vor allem aber ein besonderer symbolischer Akt im fortgeschrittenen Kampf für den Erhalt vor allem des Andreasviertels, wie sich Matthias Sengewald an jene Tage vor 30 Jahren erinnert.

Ab 1986 stieß das Vorhaben der Erfurter Stadt- und Verkehrsplaner bereits auf Protest: Plan war, die maroden Gebäude des Andreasviertels abzureißen und in einer „komplexen Rekonstruktion“ durch Plattenbauten zu ersetzen. Gleichzeitig den inneren Stadtring zwischen Huttenplatz und Domplatz zu schließen mit einer mindestens zweispurigen Straße durch die Pergamentergasse. Schnell war klar: „Wir müssen was machen!“

Ausstellungen in der Michaeliskirche folgten, ungezählte Eingaben bis hin zum Ministerrat, schließlich Gespräche im Erfurter Rathaus, in denen die Initiative der Abrissgegner erst ergründete, welche Dimensionen das Vorhaben hatte, bei dem sich Verkehrs- und Stadtplaner gegenseitig die Verantwortung zuschoben.

Die Situation war kompliziert: Baumaterial und Handwerker fehlten, Baukapazitäten waren zu 85 Prozent im Plattenbau gebunden. „Manche Häuser hatten noch Plumpsklos, das war natürlich kein Zustand“, erinnert sich Sengewald. Ihm fiel damals der Schornstein um in der Michaelisstraße 19. Beim bereits leer stehenden Nachbarhaus bediente er sich damals bei den Dachlatten und -ziegeln. Manch anderer verschenkte sein Haus in jenen Tagen. 1989/90, im politisch aufgeheizten Herbst, sollten Baumaschinen eine Schneise durch das Andreasviertel schlagen.

„Das könnt ihr doch nicht machen!“ war eine Erkenntnis, die immer weitere Teile der Erfurter ergriff. Die Universitätsgesellschaft war es schließlich, die zur Menschenkette am 10. Dezember aufrief, und viele Erfurter für ihre Altstadt auf die Straße brachte.

Ein Gespräch am 15. Oktober hatte bereits die gedankliche Wende bei den Stadtverantwortlichen angestoßen, erinnert sich Sengewald. Bei deren Rundgang mit Vertretern der Bürgerinitiative wurden 40 erhaltenswerte Häuser festgelegt und auf eine Bestandsliste aufgenommen. „Erste Pflöcke waren damit eingeschlagen. Der Bürgerwall brachte dann noch einmal einen Schub der Unterstützung“, so Sengewald.

Für die 40 Häuser konnten sich Interessenten bewerben und ein Nutzungskonzept vorlegen, die Zahl der Interessenten war gut zehn Mal so hoch. Trotz Material- und Handwerker-Not: „Die Menschen schöpften Hoffnung, wollten etwas bewegen.“ Ausgebremst wurde das Vorhaben dann, als sich die Bundesregierung für „Rückgabe vor Entschädigung“ entschied, damit den Immobilienmarkt ausbremste.

Am Ende, so blickt Sengewald zurück, haben sich die Anstrengungen zur Rettung der Altstadt mehr als gelohnt, schließlich hat sich die mittelalterliche Struktur erhalten, gibt es die schon vor 30 Jahren erhoffte Mischung aus Wohnen, Erholung und Arbeiten im Viertel. Allein das Ziel, die Altstadt fast gänzlich vom individuellen Autoverkehr zu befreien, ist heute noch nicht erreicht – inzwischen aber auch bei Stadtplanern längst auf der Agenda. Manche Dinge, sagt Sengewald, brauchten halt ihre Zeit.

Eine Ausstellung zum Bürgerwall im Stadtarchiv ist zu den Öffnungszeiten des Stadtarchivs bis zum 28. Februar 2020 bei freiem Eintritt zu sehen.

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