Wolf treibt Schafe auf A4: Schäfer soll für Unfall-Schäden haften

Wechmar  Vermutlich ein Wolf treibt bei Wechmar Schafe und Ziegen auf die A4 und es kommt zum Unfall. Obwohl der Schäfer alle Sicherheitsbestimmungen für sein Herde eingehalten hat, soll er für den Sachschaden haftbar gemacht werden.

Alle Hinweise deuten darauf hin, dass die Herde vor einem Wolf flüchtete.

Alle Hinweise deuten darauf hin, dass die Herde vor einem Wolf flüchtete.

Foto: Frank Schauka

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Das Lämmchen mit dem roten Streifen am Hals liegt still auf der Weide, dahinter der Zaun, dahinter die stummen Schafe und Ziegen, dicht gedrängt, als hätten sie Angst.

„Bleib ruhig“, sagt der Neffe zum Onkel. „Bleib ruhig“, rät Nico Müller. Bleib ruhig!

Aber Wolfgang Streit bleibt außer sich. „Abschießen, das Gelumpe! Abschießen! Wir brauchen keinen Wolf hier. Wenn ich Jäger wäre... Dann geh ich eben in den Knast. Ich bin doch nicht da, um den Wolf zu füttern.“

Der Anruf der Polizei erreichte Wolfgang Streit, seit 45 Jahren Schäfer, montagfrüh gegen fünf: Verkehrsunfall auf der A 4 bei Wechmar, 4.45 Uhr. Zwei Sattelzüge, unterwegs Richtung Dresden, haben fünf Ziegen und Schafe überfahren.

Michael Meister, als Erster am Unfallort, beschreibt die Lage so: Kein Auto fährt. Lkw-Fahrer, geistesgegenwärtig, haben die A 4 dicht gemacht, die Unfallstelle gesichert. Auf der Fahrbahn stehen zwei Ziegen neben toten Tieren. Dann kommt Wolfgang Streit und sieht, sie sind schwer verletzt. Die Kollision hat einer Ziege die Beine zertrümmert, der anderen die Wirbelsäule. „Alles kaputt“, fluchen, mit östlichem Akzent, die in den Unfall verwickelten Lkw-Fahrer.

Der Sachschaden an ihren Sattelzügen beträgt 3000 Euro. „Dafür wird der Halter der Tiere haftbar gemacht“, sagt Janet Krebs von der Autobahnpolizeiinspektion. Also: Wolfgang Streit. Juristisch sei das prinzipiell so, erklärt Polizistin Krebs: „Der Halter ist der Verursacher des Unfalls, weil er seine Tiere nicht unter Kontrolle hatte.“

Hilfe von der Landesregierung, die den Wolf in Thüringen will, hat Schäfer Streit nur begrenzt zu erwarten. Ihm stehen 150 Euro Entschädigung für jedes vom Wolf gerissene Nutztier zu. Wenn aber Nutztiere auf der Flucht vor dem Wolf Unfälle verursachen, sei das Land nicht in der Pflicht, so der Sprecher des Umweltministeriums.

„Wenn das kein Laster gewesen wäre, sondern ein Pkw!“ Gedanken wie dieser quälen Wolfgang Streit seit Montag unentwegt. „Wenn Menschen verunglückt wären! Da biste fix und alle. Da kannste nachts nicht mehr schlafen. Da wirste dein Leben nicht mehr froh.“ Er hole seine Schafe und Ziegen jetzt nachts in den Stall, sagt Streit.

Eine Frage, die die Versicherung gewiss auch stellen wird, formulierte Silvester Tamas vom Naturschutzbund Nabu so: „Woher weiß man, dass ein Wolf/Wölfe dafür verantwortlich waren, dass die Schafe auf der A 4 standen?“

Dafür sprechen bislang vor allem Indizien.

Vor einer Woche holte sich der Wolf das erste Mal sechs Schafe aus Streits Herde. Nach dem Angriff am Montag hat er keine 20 Tiere mehr: Zwei Ziegen wurden gefressen, ein Lamm wurde totgebissen, fünf Tiere starben an den Folgen der Kollision an der Autobahn. Dabei hat Streit zum Schutz seiner Herde getan, was zu tun ist, wovon Rissgutachter Uwe Müller sich am Montag selbst überzeugte. Die Netze hatten die vorgeschriebene Höhe von 90 Zentimetern, der Strom floss ausreichend stark.

„Ich habe die Netze sogar aus eigener Tasche bezahlt“, sagt Streit. Weil er keine Lust hatte auf bürokratischen Aufwand. Dann lieber auf Fördermittel verzichten! „Der Wolfgang gibt sein letztes Hemd für seine Tiere“, sagt Schäfer Gerd Steuding über den Kollegen. Dass der Angriff auf Streits Herde auf Wölfe zurückgeht, ist wahrscheinlich, aber noch nicht hundertprozentig sicher; denn das Ergebnis des Gentests steht noch aus.

Die Bissspuren sind allerdings ein starkes Indiz, und die gefressenen 20 Kilo Fleisch deuten auf zwei Angreifer hin: wahrscheinlich auf die sechs Jahre alte Wölfin von Ohrdruf und ihren Mischlingswelpen, der im Mai 2017 geboren wurde.

Wie es weitergeht?

„Die Wölfe wissen jetzt, wie‘s geht“, sagt Wolfgang Streit. „Die waren einmal drin, die kommen wieder. Ich glaube, die wollen mich ärgern.“

Wolf reißt Schaf und Ziegen und treibt Herde auf A4

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