Thüringer Jäger schließen sich Kritik am „Aktionsplan Wald 2030“ an

Jena  Verbandpräsident Steffen Liebig befürchtet den Ausbau von Windkraftwerken im Wald. Die CDU wirft Rot-Rot-Grün vor, die „Wald-Katastrophe“ zu nutzen, um die Windkraftpläne voranzutreiben.

Die Befürchtung des Landesjagdverbandes: Wo bisher gesunde alte Bäume standen, könnten nun auf gerodeten Flächen schon bald Windkraftwerke entstehen. Symbolfoto: Patrick Seeger/dpa

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In seiner Kritik am „Aktionsplan Wald 2030“ der Landesregierung hat CDU-Forstexperte Marcus Malsch am Donnerstag prominente Unterstützung von Jägern und Forstexperten erhalten. „Ich teile die Kritik zu hundert Prozent“, sagte der Präsident des Landesjagdverbands, Steffen Liebig, unserer Zeitung. „Es gibt keinen guten und schlechten Wald, auch keinen nützlichen und nicht nützlichen Wald.“ Windkraftanlagen, forderte Liebig, dürften grundsätzlich nicht in Wäldern ausgebaut werden, auch nicht in so genannten Monokulturen.

Andreas Schiene, Landesvorsitzender des Bunds Deutscher Forstleute (BDF), analysiert das am Dienstag über die Staatskanzlei veröffentlichte Aktionspapier ähnlich. „Umweltministerin Siegesmund nutzt die Gunst der Stunde, um auf zerstörten Waldflächen ihre umweltpolitischen Ziele bei der Windkraftnutzung voranzutreiben“, sagte Schiene. „Man muss sagen, das macht sie geschickt.“

Zuvor hatte Marcus Malsch, Sprecher für Landwirtschaft und Forsten der CDU-Landtagsfraktion, kritisiert: „Rot-Rot-Grün versucht, die Katastrophe zu nutzen, um das Ideologieprojekt Windkraft im Wald durchzupeitschen. Es geht nicht um Wald. Hauptsache, die Windkraftpläne werden durchgesetzt.“

Experten befürchten, dass noch mehr Wälder zusammenbrechen werden

Jägerpräsident Liebig, BDF-Chef Schiene und der Abgeordnete Malsch kritisieren den harmlos klingenden Passus im „Aktionsplan Wald 2030“, in dem es heißt: „Bei der Schaffung von Windkraft im Wald sind bestehende Planungen daraufhin zu überprüfen, dass Kalamitätsflächen erschlossen werden, um den Waldbestand nicht zusätzlich zu belasten.“

Denn die von Dürre und Borkenkäfer betroffenen Teile des Waldes, hier „Kalamitätsflächen“ genannt, haben sich in diesem Jahr erheblich ausgedehnt. Experten gehen davon aus, dass in den kommenden Jahren noch mehr Wälder zusammenbrechen werden, vor allem auch alte Laubbaumbestände. Deshalb befürchten Malsch und Liebig folgendes Praxisszenario: Wo bisher gesunde alte Bäume standen, die der Windkraft nicht weichen mussten, könnten auf verwüsteten Waldflächen bald Windkraftwerke entstehen.

„Davor habe ich bereits vor zwei Jahren gewarnt“, sagte Liebig. „Jetzt haben wir die Kalamitäten.“

Die beiden Ostthüringer Windräder, die bei Gefell in einem Waldstück stehen, das vom Winterorkan Kyrill 2007 verwüstet worden war, sind offenbar die Vorhut. Auf den Staatsforstflächen von Thüringenforst sind nach aktueller Planung - „Kalamitätsflächen“ noch nicht einbezogen - Windkraftanlagen auf circa 550 Hektar vorgesehen. „Es handelt sich hierbei um Windvorranggebiete. Die gesamte Fläche bietet Potential für etwa 20 Windräder“, erläutert Thüringenforst-Sprecher Horst Sproßmann auf Anfrage. Die geplanten Waldstandorte auf den Flächen von Thüringenforst sind: Schmieritz (Saale-Orla-Kreis), Göttern (Weimarer Land), Martinroda (Ilm-Kreis), Stadtlengsfeld (Wartburgkreis), Springstille (Landkreis Schmalkalden-Meiningen), Oberstadt (Landkreis Hildburghausen), Judenbach-Föritz (Landkreis Sonneberg) und Sondershausen-Immenrode (Kyffhäuserkreis).

840 Windkraftanlagen stehen zurzeit im Freistaat

Eine besonders imposante Windkraftmaschine ist bei Saalburg-Ebersdorf im Wald geplant: ein Kraftwerk der 5 Megawatt-Klasse. Mit seiner mehr als 260 Meter hohen Flügelspitze wird das umstrittene XXL-Gerät den Kölner Dom um hundert Meter überragen.

In Thüringen stehen derzeit etwa 840 Windkraftanlagen. Umweltministerin Anja Siegesmund (Grüne) hat im MDR-Sommerinterview am Wochenende geäußert, dass weitere etwa 160 Anlagen gebaut werden müssten, damit die Umwelt- und Klimaziele für Thüringen realisierbar bleiben, die Rot-Rot-Grün bis 2040 umgesetzt haben will. Ohne den Ausbau von Windkraft im Wald ist es praktisch unmöglich, das Ziel zu erreichen. Bei der Thüringer Energie- und Greentech-Agentur des Freistaats formuliert man es so: „Ohne Wald wird es extrem schwierig.“

Die Thüringer CSU lehnt den Ausbau von Windkraft im Wald ab und will dies durch eine Gesetzesnovelle verhindern.

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