Diplomatin in Tourismusfragen: Bärbel Grönegres wechselt in Staatskanzlei

Erfurt.  Bärbel Grönegres stand 23 Jahre an der Spitze der TTG und wechselt jetzt in die Staatskanzlei. Mit 60 Jahren beginnt sie noch mal etwas ganz Neues - und blickt auf ihre Anfangsjahre zurück.

Zuhause in Thüringen: Bärbel Grönegres, seit 23 Jahren Geschäftsführerin der Thüringer Tourismus GmbH, wechselt in die Staatskanzlei. Hier ist sie an ihrem Lieblingsplatz vor der Dorfkirche St. Georg in dem Dorf Ulla bei Weimar.

Zuhause in Thüringen: Bärbel Grönegres, seit 23 Jahren Geschäftsführerin der Thüringer Tourismus GmbH, wechselt in die Staatskanzlei. Hier ist sie an ihrem Lieblingsplatz vor der Dorfkirche St. Georg in dem Dorf Ulla bei Weimar.

Foto: Sascha Fromm

Es musste alles ganz schnell gehen im Frühjahr 1997: Thüringen brauchte jemand, der sich an die Spitze der Entwicklung des Thüringer Tourismus stellte. Auf der Internationalen Tourismusbörse Berlin (ITB) wurde Bärbel Grönegres deswegen am Nordrhein-Westfalen-Stand angesprochen. Schon zum 1. Juli trat sie - nach einer schnellen Auswahl - ihre neue Stelle als Chefin der Thüringer Tourismus GmbH (TTG) an. Grönegres war damals 37. Und die Stelle galt in der Branche als Schleudersitz. „Dann nahm das Schicksal seinen Lauf“, sagt sie, begleitet von diesem fröhlichen Lachen, das so typisch für Grönegres ist.

Schwierige Aufgabe unter wechselnden Ministern

Jetzt nimmt sie nach 23 erfolgreichen Jahren Abschied - und wechselt in die Staatskanzlei, um sich auf einer neuen Stabsstelle um große Ereignisse zu kümmern, so die Einheitsfeier der Bundesrepublik, die am 3. Oktober 2022 in Thüringen stattfinden wird. Zudem übernimmt Thüringens Ministerpräsident Ende 2021 den Vorsitz in Bundesrat. Auch dies ist mit einer Menge Vorbereitungen verbunden.

Grönegres’ Nachfolger steht seit kurzem fest: Franz Hofmann stammt aus Südtirol - und hat neben der italienischen aus die Schweizer Staatsbürgerschaft.

Die TTG gibt es seit 1996. Die Gesellschaftsanteile liegen zu 100 Prozent beim Land; die politische Zuständigkeit hat der jeweilige Wirtschaftsminister - und von denen hat Grönegres seit 1997 eine ganze Reihe kommen und gehen sehen. Die Reihe reicht von seinerzeit Franz Schuster, Jürgen Reinholz (beide CDU) über Matthias Machnig und Uwe Höhn bis heute Wolfgang Tiefensee (jeweils SPD). Der parteilosen Geschäftsführerin ist mit einer Mischung aus stetigem Tourismus-Aufwuchs, einer gut organisierten Geschäftsstelle und - das soll in so einer Position nicht unterschätzt werden - einer gehörigen Portion Diplomatie gelungen, immer wieder gelungen, dass Zeitvertrag auf Zeitvertrag folgte… Grönegres ist heimisch geworden in Thüringen. Mit 60 beginnt sie jetzt noch einmal etwas Neues.

In den 1990ern war Thüringen als Wanderland bekannt

Marketing: Das ist die zentrale Aufgabe der TTG. Und wenn Grönegres an ihre Anfangszeiten zurückdenkt, sagt sie: „Das erste halbe Jahr war schon heftig.“ In der Probezeit wurde heftig an ihrem Stuhl gesägt. Doch es gab auch Unterstützer. Und Grönegres macht sich daran, Thüringen zu positionieren. „In den 1990ern war Thüringen als Wanderland bekannt. Die Entwicklung des Städtetourismus’ kam nach und nach. Und Weimar hat den richtigen Boom bekommen durch das Kulturstadtjahr 1999“, erinnert sie.

Ein Problem zieht sich durch alle Zeiten: Es wurde in die touristische Infrastruktur immer relativ wenig investiert. „Wir haben in den 23 Jahren Betten verloren, während sich Mecklenburg-Vorpommern in der gleichen Zeit von 100.000 auf 180.000 Betten gesteigert hat.“ Das habe aber andererseits in Thüringen den Vorteil, „dass bei uns die einzelnen Betten besser ausgelastet sind.“

In der Mitte ist noch Luft in diesem besonderen Reisejahr

In diesem besonderen touristischen Jahr 2020 gehe der Trend zu Küste oder Berge. Längst sei klar, dass im Norden und im Süden kaum noch ein Bett frei sein wird in den kommenden Monaten. „In der Mitte ist noch Luft. Und ich bin mir sicher, dass die Nachfrage nach diesen Zielen anzieht“, sagt sie. Für Thüringen spricht jetzt die „schöne Natur“ und die Kombination: „Mal einen Tag wandern, am anderen Tag eine schöne Stadt anschauen...“

Grönegres sieht die allermeisten Betriebe gut aufgestellt. Wichtig für die Unternehmen ist allerdings auch, wann wieder Busreisen angeboten werden können - und dass der Gast sich trotz aller Corona-Vorsichtsmaßnahmen wohl fühlt. „Wir haben Anfragen von Gruppen“, sagt sie. Und erklärt, dass die TTG in jüngerer Zeit wieder verstärkt als Tourismusinformation gefragt war.

Vor Corona wurde das meiste gegoogelt. Jetzt sucht mancher lieber den direkten Rat bei den Experten. Das werde mittelfristig nicht so bleiben, sagt sie. „Aber jetzt wollen Gäste einfach diese Sicherheit“, sagt sie.

Die Menschen setzen auf „eine lückenlose Dienstleistungskette“, sagt Grönegres. „Customers Journey“ heißt das in der Fachsprache. „Wir waren in Thüringen ja recht früh dran mit der Wiedereröffnung“, lobt sie die „liberale Regelung“ durch die Landesspitze. Und sie würdigt den Einsatz der Hoteliers. Insgesamt gelte: „Wir sind gut aufgestellt.“

2019 war das erfolgreichste Jahr seit der Wende

Nun will der Gast aber auch abends mehr erleben als nur eine schöne Mahlzeit. „Wir als TTG haben in den vergangenen Jahren immer sehr heftig Sommerformate in der Kultur gefordert. Und dem ist auch nachgekommen worden. Dieses Jahr muss man als absolute Ausnahmesituation betrachten“, gibt sie zu bedenken, dass vieles selbst mit bestem Willen allenfalls im Kleinformat über die Bühne gehen kann - oder nur in digitaler Form. „Wir bedauern das sehr“, sagt sie und berichtet zugleich von neuen, spontanen Ansätzen, mit dem entsprechenden Abstand natürlich. Mit Picknick oder dem an einen bestimmten Platz gelieferter „Heimatproviant“: Auch so kann der Gast eine neue Erfahrung machen. „Aber wir wollen so etwas wie den Weimarer Sommer 2021 wieder haben“, sagt sie, gerade so, als wäre sie zu diesem Zeitpunkt noch Teil der TTG. 23 Jahre als Geschäftsführerin prägen eben...

„Bis zum Februar diesen Jahres hätte ich meinem Nachfolger gesagt: einfach weitermachen. Wir waren ja auf einem sehr guten Weg. 2019 war das erfolgreichste Jahr seit der Wende - und zwar nicht nur bei den Zahlen an sich, sondern auch bei der Bettenauslastung“, macht sie deutlich. Und nun? Ende Sommer, Anfang Herbst werde sich in der Bilanz zeigen, welche Betriebe die Situation durchgestanden haben. „Und dann muss das Marketing neu ausgerichtet werden. Das wird uns nicht erspart bleiben.“

Bereits jetzt laufe die Marktforschung dazu. „Die Frage, die wir uns stellen müssen: Gibt es neue Zielgruppen?“ Zum Beispiel unter den Jüngeren, die die unmittelbare Heimat bisher eher nicht im Blick hatten. „Derzeit läuft ‘Deutschland entdecken’, ein Format mit allen Bundesländern“, sagt sie. Ungewöhnliche Ferienhausangebote wie etwa im Auenland oder auf einem Hausboot auf dem Thüringer Meer. Und das alles, ohne die bisherigen Zielgruppen aus dem Augen zu verlieren. „Das ist die Aufgabe desjenigen, der künftig die TTG führen wird“, sagt Grönegres kurz vor ihrem Ausscheiden.

Der Heimattrend wird bei der Buga 2021 deutlich spürbar

Und mit Blick auf das nächste Jahr erklärt sie: „Die Buga 2021 in Erfurt wird zu den Profiteuren gehören. Bundesgartenschauen sind schon immer bei bestimmten Zielgruppen sehr beliebt gewesen. Aber mit Blick auf den Heimattrend werden dort weitere Zielgruppen hinzustoßen.“

Apropos Diplomatin: Grönegres ist ehrenamtlich Honorarkonsulin Frankreichs in Thüringen. Aber das Konsulat wird nicht in die Staatskanzlei miteinziehen. Sie sucht derzeit für diese Aufgabe nach Räumen.

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