Gestiegene Kriminalität: In Erfurt könnte es bald mehr Videoüberwachungen geben

Erfurt.  Drogenmissbrauch und Beschaffungskriminalität steigen in Erfurt weiter an. Können Kameras auf dem Anger und vor dem Bahnhof ein Gegenmittel sein?

In Erfurt wird diskutiert, ob Anger und Bahnhofsvorplatz mit Kameras überwacht werden sollen.

In Erfurt wird diskutiert, ob Anger und Bahnhofsvorplatz mit Kameras überwacht werden sollen.

Foto: Alexander Volkmann

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Angesichts einer weiter steigenden Kriminalität in Erfurt hat Ordnungs-Dezernent Andreas Horn (CDU) eine Diskussion über eine umstrittene Gegenmaßnahme angestoßen. Um gegen den Trend anzugehen, brauche es nicht nur mehr Personal für die Polizei und mehr Prävention. „Wir müssen auch intensiv und ergebnisoffen über polizeiliche und kommunale Videoüberwachung von gefährlichen Orten reden“, sagte er im jüngsten Ordnungs-Ausschuss.

Damit meint Horn den Anger und den Bahnhofsvorplatz. Sie werden von der Polizei als „kriminogene“ oder „gefährliche“ Orte eingestuft und verstärkt kontrolliert. „Die Delikthäufigkeit ist dennoch nicht gesunken“, meint Horn.

Dass die Kriminalität weiter steigt, zeigt die Polizei-Statistik. Für das Jahr 2019 liegen die Zahlen noch nicht endgültig vor. Doch Polizei-Chef Jürgen Loyen deutete bereits an, dass vor allem bei Fahrraddiebstählen, Einbrüchen in Keller und anderen typischen Formen der „Beschaffungskriminalität“ die Fallzahlen weiter wachsen – Drogenabhängige beschaffen sich durch solche Taten Geld für ihre Sucht.

Besonders betroffen ist die Erfurter Innenstadt. Laut Loyen erlebt sie derzeit ein „deja vu“ zu 2017: Wie damals werden Büros, Praxen und andere Geschäftsräume reihenweise aufgebrochen. 325 aktuelle Fälle seien bekannt. 2017, als die Sonderkommission „Praxen“ schließlich eine Bande von 38 Ganoven aus der Drogen- und Spielerszene für die Einbruchsserie verantwortlich machte, waren es 390 Fälle.

Bereits die im März vorgestellte Polizei-Statistik von 2018 hatte eine deutliche Steigerung bei Drogendelikten und bei Beschaffungskriminalität ausgewiesen. Nach Cannabis ist das extrem abhängig machende Crystal Meth die am meisten gefundene Droge.

Selbst die Polizei hatten die Zahlen von 2018 überrascht, denn wegen des extremen Personalmangels war der Verfolgungsdruck gesunken – es wurde gar nicht aktiv nach Drogen gesucht. Jürgen Loyen nannte die erfassten Fälle von Drogenbesitz und -handel das Ergebnis von „Zufallsfunden“.

Um dagegen anzugehen, regte Loyen unter anderem mehr Prävention an. Besonders bei Schülern sei ein sorgloser Umgang mit dem Thema zu verzeichnen.

Dezernent Andreas Horn forderte zudem mehr Polizisten. „Wir werden das gegenüber dem Land sehr schnell sehr deutlich machen“, sagte er.

Laut Polizei-Chef Loyen befindet sich die Personalausstattung der Erfurter Polizei auf einem „historischen Tiefststand“. Zudem seien aktuell 59 Beamte an die Bereitschaftspolizei, das Landeskriminalamt oder den Verfassungsschutz abgeordnet.

„Wir laufen der Kriminalität hinterher“, meinte Loyen. „Wenn man nichts macht, verfestigt sich die Situation.“ Die Videoüberwachung sei eine Möglichkeit, etwas zu tun.

Allerdings habe sie auch Nachteile. So müsse man sich über Verdrängungseffekte bewusst sein. Dies gelte aber auch für die Einstufung des Angers als „gefährlicher Ort“. Die mit verstärkter Polizei-Präsenz verbundene Maßnahme hat sich nach der Ansicht des Polizei-Chefs dennoch bewährt und wird aufrecht erhalten.

Die ersten Reaktionen aus der Stadtpolitik sind geteilt. Stadtrat Jasper Robeck (Grüne) wandte sich gegen den „Grundrechtseingriff“, der mit Videoüberwachung verbunden sei. „Die Straftaten finden trotzdem statt, nur an anderen Orten“, meint er. „Daran können wir nicht interessiert sein.“

Für Stadträtin Kristina Vogel (CDU) hingegen wäre die Videoüberwachung eine der Maßnahmen, die von der Stadt im Kampf gegen steigende Kriminalität aus eigener Kraft durchgesetzt werden könnte. „Wenn mir jemand meinen Rucksack klaut, ist es besser, es schaut jemand zu“, sagte sie.

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