Festnahme beim Erfurter Kinderkanal

Der wegen des Verdachts auf Millionenbetrug verhaftete Kika-Mitarbeiter wollte sich angeblich in die USA absetzen. Hintergrund der Taten soll Spielsucht sein.

Der 43-jährige Ki.Ka-Mitarbeiter aus Erfurt wurde am Dienstagmorgen um 9 Uhr mit einem Haftbefehl an seinem Arbeitsplatz im Landesfunkhaus festgenommen. Foto: Sascha Fromm

Der 43-jährige Ki.Ka-Mitarbeiter aus Erfurt wurde am Dienstagmorgen um 9 Uhr mit einem Haftbefehl an seinem Arbeitsplatz im Landesfunkhaus festgenommen. Foto: Sascha Fromm

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Erfurt. Der 43-jährige Marco K. war am gestrigen Morgen im Sender verhaftet worden. Ihm wird vorgeworfen, seit Ende 2005 in mindestens 72 Fällen verschiedene Dienstleistungen im Gesamtwert von vier Millionen Euro erfunden und mit einer Medienfirma aus Berlin abgerechnet zu haben. Im Gegenzug soll die Firma den Beschuldigten anteilig an der Hälfte der Summe beteiligt haben. Der Sender hat K. suspendiert.

Die Staatsanwaltschaft Erfurt ließ gestern sowohl die Privatwohnung des Verdächtigen als auch Räume des Kika in Erfurt und des MDR in Leipzig durchsuchen. Der Verdacht der Ermittler basiert auf den Aussagen und Unterlagen des mitbeschuldigen Geschäftsführers der Berliner Firma, der sich bereits im Oktober selbst angezeigt hatte. Die beiden Verdächtigen sollen sich den Gewinn ihrer Geschäfte geteilt haben.

Nach Informationen unserer Zeitung stand K. kurz vor dem Antritt einer Reise in die USA. Dies soll unter anderem ein Hintergrund des gestrigen Festnahmetermins sein. Als mögliches Motiv kommt angeblich auch Spielsucht in Frage.

MDR-Intendant Udo Reiter bemühte sich gestern um Schadensbegrenzung. In einem unserer Zeitung vorliegenden Schreiben an den Rundfunkrat erklärte er, dass die interne Revision des Senders K. seit Mai dieses Jahres im Visier hatte. "Zwar stellten sich die anonymen Vorwürfe als haltlos heraus, auf Grund weiterer Hinweise ist das Thema wieder aufgegriffen worden", schrieb Reiter. Im Herbst habe der MDR dann seine Nachforschungen "auf Bitten der parallel ermittelnden staatlichen Behörden" unterbrochen.

Reiter verweis darauf, dass der MDR durch den Rechnungshof überprüft werde. Kika-Programmgeschäftsführer Steffen Kottkamp sagte, man unterstütze aktiv die Ermittlungen.

Zu viel Vetrauen für Marco K.

Seit es den Kinderkanal gibt, gilt der Mann als eine verlässliche Größe des Senders. Wenn er rechnete, lief es. Gestern offenbarte seine Festnahme: Marco K. brauchte anscheinend mehr Geld, als seine Arbeit in dieser Position einbrachte.

Morgens gegen 9 Uhr geht es am Eingang vom Landesfunkhaus Thüringen des MDR zu wie im Taubenschlag. Reporter, Redakteure, Kameraleute, Tontechniker, Cutter, Lichttechniker kommen zur Arbeit. Sie eilen an ihre Plätze beim regionalen MDR-Fernsehen, bei Radio Thüringen und beim Kika.

Gestern kommen ohne Aufsehen Männer, die hier bislang nicht gesehen wurden. Sie müssen in die zweite Etage, über eine Brücke, die den großzügigen Glasflur überspannt und dann links, vorbei an kleinen Büros, in denen Mitarbeiter vom Kinderkanal etwa Trickfilme ansehen und für eine Ausstrahlung, wenn nötig, etwas korrigieren.

Pünktlich im Büro ist Marco K., als Herstellungsleiter die faktische Nummer 2 im Sender. Er ist früher als geplant von einer Urlaubsreise in den USA zurück. Die Männer kommen mit einem Haftbefehl in der Tasche. Umgehend durchsuchen Beamte der Staatsanwaltschaft Erfurt und des Thüringer Landeskriminalamtes Arbeitsplätze und Privatadressen von Marco K. in Erfurt, Leipzig sowie Berlin.

"Dem Beschuldigten wird vorgeworfen", steht in der Mitteilung der Erfurter Staatsanwaltschaft, "seit dem 01. 12. 2005 72 Rechnungen einer GmbH aus Berlin über erfundene Dienstleistungen zu einem Gesamtbetrag von mehr als 4 Millionen Euro bestätigt und die Bezahlung veranlasst zu haben."

Angeblich war zwischen dem Geschäftsführer dieser Firma und Marco K. verabredet, zunächst die Hälfte und später 60 Prozent der Summe an den Kika-Mann auszuzahlen. Es geht um die Straftatbestände des gemeinschaftlich begangenen gewerbsmäßigen Betruges und der gewerbsmäßigen Untreue.

Beim nachmittäglichen Haftprüfungstermin ergeht dann die Entscheidung, dass der 43-Jährige auch wegen möglicher Fluchtgefahr in Haft bleibt. Zur Sprache kommt angeblich eine vermutete Spielsucht.

Die Verdächtigungen, die dazu führten, dass ein Ermittlungsverfahren in Gang kam, entstammen einer Selbstanzeige des Geschäftsführers der Berliner Firma und Unterlagen, die dieser den Ermittlungsbehörden übergab.

Recherchen unserer Zeitung erbrachten, dass Fabian B. von der Firma Koppfilm in Berlin, die verbunden ist mit Koppmedia in Halle an der Saale, diesen Schritt unternahm. Er erstattete die Selbstanzeige im Oktober dieses Jahres.

Vom 23. November 2010 datiert eine öffentliche Bekanntmachung des Amtsgerichts Charlottenburg, wonach für das Vermögen der Koppmedia, Novalisstraße 10, Berlin und weiterer Standort Marktplatz 7, Halle die vorläufige Insolvenzverwaltung angeordnet ist. (Aktenzeichen: 36k IN 4870/10.) Die zeitliche Abfolge legt die Vermutung nahe, beides könnte miteinander zusammenhängen.

Der Mitteldeutsche Rundfunk hat für ARD und ZDF sozusagen die Federführung über den Kika, denn der Kanal liegt mit Thüringen im MDR-Sendegebiet. Die Zuständigen in der Leipziger Zentrale sind darum bemüht, Schaden so weit als möglich abzuwenden.

Das ergibt sich auch aus einem Brief, den Intendant Udo Reiter an die Mitglieder der Gremien schickt.

Man weiß bereits seit Monaten von den Ermittlungen und hat zunächst überprüftt, wie es sich mit Rechnungen verhält, die von der Berliner Firma an den MDR gestellt wurden, denn auch hier gab es eine Zusammenarbeit.

Die Rechnungen, heißt es in Leipzig, wiesen signifikante Unterschiede zu den betrügerischen Belegen auf. Sie seien deutlich detaillierter und in den Zahlungsvorgängen korrekt.

Bei den 72 Betrugsfällen zeige sich ein geschicktes Vorgehen. Bedauernd lässt der MDR verlauten: Davor kann man die Gebührenzahler nicht hundertprozentig schützen.

Für derartige Rechnungen gilt das Vier-Augen-Prinzip. Der Beschuldigte unterschrieb und zusätzlich ein Mitarbeiter, der sich mit anderen abwechselte.

Zu ermitteln ist jetzt auch, ob der jeweils zweite Unterzeichner seinen Namen in Treu und Glauben setzte oder dies womöglich unter einem gewissen Druck geschah.

Finanzkontrollen der in diesen Zeiträumen zuständigen Anstalten ZDF und Hessischer Rundfunk ergaben nichts, was zu beanstanden war. Auch die aufmerksamen Rechnungshöfe von Thüringen sowie Rheinland-Pfalz blieben nach den üblichen Kontrollen vollkommen ruhig. Das dürfte als Argument im Nachhinein zwar wenig taugen, zeigt aber immerhin ein schlaues Vorgehen.

Als Marco K. im Gründungsjahr 1996 zum Kinderkanal kam, war er mit 29 Jahren ein erstaunlich junger Mann in dieser Position. Doch sein Name galt etwas beim MDR, wo er sich als Diplomand von der Hochschule für Film und Fernsehen Babelsberg schnell und zuverlässig in den überaus komplizierten ARD-Finanzausgleich hineinfuchste. Das Vertrauen schien er sich verdient zu haben. Was auch immer geschah: Es gab wohl zu viel Vertrauen.

Kurzinfo: Der Kinderkanal

Der Kinderkanal, kurz Kika, mit Sitz in Erfurt ist eine Gemeinschaftseinrichtung von ARD und ZDF unter Federführung des MDR. Seit 1997 wird gesendet, seit 2000 unter dem Namen Kika. Der Jahresetat beträgt rund 80 Millionen Euro. Im vorigen Jahr wurde die 20-Prozentmarke bei der Zielgruppe der 3- bis 13-Jährigen durchbrochen. Rund die Hälfte der 5 Millionen Zuschauer pro Tag sind Erwachsene. Eine bekannte Sendung sind unter anderem die in Erfurt produzierte Serie "Schloss Einstein".

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