NSU-Prozess: Einsatz von Waffen wurde „hemmungslos“ genutzt

Kai Mudra
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Die Angeklagte Beate Zschäpe musste den heutigen Prozesstag aufgrund von Zahnschmerzen absagen. Foto: Peter Kneffel

Die Angeklagte Beate Zschäpe musste den heutigen Prozesstag aufgrund von Zahnschmerzen absagen. Foto: Peter Kneffel

Foto: zgt

München. Knapp mit dem Leben davon gekommen ist offenbar ein 16-Jähriger, als er versucht hatte, drei Ladenräubern hinterher zu laufen.

Der Überfall ereignete sich am 18. Dezember 1998 in Chemnitz. Die Anklage im NSU-Prozess nennt die verstorbenen Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt als Täter. Falco K., der Jugendliche von damals, sagte am Dienstag im NSU-Prozess aus und spricht von drei Personen, die am Raub beteiligt gewesen sein sollen.

Bei mindestens einer von ihnen könne er nicht sagen, ob es eine männliche oder ein weibliche Person gewesen sei, betont der Zeuge. Gemeint war die Person, die damals aus dem Laden mit einer Geldkassette rannte. Er beschreibt sie als schmächtig. Seine Aussage macht hellhörig, vor allem auch die Nebenkläger. Plötzlich steht die Frage im Raum, könnte die Hauptangeklagte Beate Zschäpe den Überfall mit begangen haben.

Das wird sich ohne ihr Zutun kaum aufklären. Der Überfall wurde erst nach der Enttarnung der mutmaßlichen Terrorzelle „Nationalsozialistischer Untergrund“ (NSU), am 4. November 2011, einer ganzen Raubserie zugeordnet. Das Bundeskriminalamt (BKA) fand Übereinstimmungen zwischen drei Patronenhülsen, die 1998 am Tatort in Chemnitz sichergestellt wurden, mit zwei weiteren Hülsen, die im Brandschutt der mutmaßlich letzten Wohnung von Zschäpe, Mundlos und Böhnhardt in Zwickau lagen. Von der Waffe, mit der die geschossen wurde, fehlt dagegen weiter jede Spur.

Nebenklageanwalt Alexander Hoffmann wertet die Zeugenaussage als Beleg für die extreme Gewaltbereitschaft des NSU. Der Anwalt spricht in einer Erklärung vom „hemmungslosen Schusswaffeneinsatz des Trios nur bei der Geldbeschaffung“. Das zeuge davon, „dass das Trio zum Töten von Menschen bereit war“.

Die Übereinstimmung bei den Patronenhülsen ist nach Überzeugung des Nebenklägers ein Beleg dafür, dass Mundlos und Böhnhardt damals an dem Raubüberfall beteiligt waren. Aber auch er hält es für eher unwahrscheinlich, das Zschäpe zum Täterkreis gehörte. Sollte die dritte Person bei dem Überfall nicht die Hauptangeklagte gewesen sein, könne es sich nach Hoffmanns Überzeugung nur um einen Unterstützter aus der Chemnitzer Skinhead-Szene oder des Neonazi-Netzwerkes „Blood & Honour“ gehandelt haben. Damit wäre dieser Unterstützer ein weiteres Mitglied des NSU, so der Opferanwalt.

„Ich hätte tot sein können. Das wird mir jetzt stärker bewusst als damals“, reagiert Falco K. auf die Frage von Richter Manfred Götzl, welche Folgen die Schießerei für ihn hatte. Dem 32-jährigen Finanzberater merkt man an, wie es in diesem Moment in ihm arbeitet. Er habe sich wegen dieses Ereignisses zum Zivildienst entschlossen.

Als er die drei Räuber verfolgte, soll die Person mit der Geldkassette drei Schüsse auf ihn abgegeben haben. Ein Projektil sei so dicht an seinem Kopf vorbei geflogen, dass er es zischen gehört habe, so der Zeuge. Schutz und Deckung fand er letztlich hinter geparkten Autos, bis die Polizei kam.

Auch am 212. Verhandlungstag herrschte, nach außen wieder deutlich erkennbar, Schweigen zwischen der Angeklagten und ihren Anwälten. Ihre Verteidigerin Anja Sturm stellt trotzdem eine entscheidende Frage an den Zeugen, da ihr ein Widerspruch in seiner Aussage aufgefallen war. Allerdings endete die Verhandlung unerwartet kurz vor Mittag, da die Hauptangeklagte nach Gerichtsangaben unter Zahnschmerzen leidet und sich einer Behandlung unterziehen müsse. Bis diesen Donnerstag 9 Uhr haben die Prozessbeteiligten noch Zeit für Stellungnahmen zur Begründung der Angeklagten, sich von Rechtsanwältin Sturm trennen zu wollen.

Wegen der vorzeitigen Unterbrechung konnte am Dienstag Kay S., ein früherer Jugendfreund der Angeklagten, seine frühere Aussage nicht fortsetzen. Er war durchaus mit Spannung erwartet worden, hatte er doch Zschäpe und den Mitangeklagten Ralf Wohlleben mit seinem Einverständnis schwer belastet, dass auch sie 1996 mit dabei waren, als an einer Autobahnbrücke bei Jena ein antisemitischer Puppentorso mit einer Bombenattrappe aufgehängt wurde. Kay S. räumte vor Gericht ein, unter anderem Zschäpe und Wohlleben dafür ein falsches Alibi gegeben zu haben.