Jenaer Astronom: "Der Maya-Kalender endet nicht!"

Das Sonntags-Gespräch: Seit Langem bereitet sich die weltweite Esoterik-Szene mit Gerüchten und Prophezeiungen aus dem Maya-Kalender auf den Weltuntergang am 21. Dezember 2012 vor. Alles Unsinn, weiß der Jenaer Astronom Florian Freistetter und erklärt im Gespräch mit Elena Rauch, warum es keine Indizien für die nahe Apokalypse geben kann.

Astronom Florian Freistetter steht im Hauptgebäude der Universität Jena. Er sagt: "Der Maya-Kalender endet nicht!" Und auch sonst spricht am Sternenhimmel nichts dafür, dass am 21. Dezember Außergewöhnliches passieren wird. Foto: Alexander Volkmann

Foto: zgt

Herr Freistetter, Sie haben mit "2012. Keine Panik" ein Buch zum Thema veröffentlicht und Sie betreiben im Internet einen Blog. Bekommen Sie denn viele ängstliche Fragen zum Weltuntergang?

Um keine Missverständnisse aufkommen zu lassen, mein Blog ist kein Weltuntergangs-Blog und ich bin kein Weltuntergangs-Erklärer. Ich befasse mich mit Astronomie. Aber tatsächlich bekomme ich zur Zeit viele Anfragen zum Thema. Im Sommer waren es noch etwa 20 in der Woche, heute kommen täglich so viele.

Schließlich nähern wir uns mit großen Schritten dem magischen Datum. Weil am 21. Dezember 2012 der Maya-Kalender endet, stellt sich die weltweite Esoterik-Szene auf das Schlimmste ein. Wie kann ein Kalender überhaupt enden?

Der Maya-Kalender endet auch nicht. Es ist ein ganz normaler Kalender, ein System der Zeitrechnung - und das hört nicht einfach auf. Was jetzt geschieht, ist ein ganz normaler Vorgang, wie wir ihn in unserem Kalender auch haben. Einmal im Jahr, einmal im Jahrzehnt, im Jahrhundert und einmal im Jahrtausend endet eine Periode, und es beginnt eine neue.

Also im Grunde nichts anderes, als es am 31.12.1999 mit unserem Kalender geschah?

Nichts anderes. Es gibt auch keine Maya-Prophezeiung über einen Weltuntergang. Das sind im Übrigen alles alte Hüte aus den 70er- und 80er-Jahren. Da haben Esoteriker die Überlieferungen der Maya genommen und in ihrem Sinn uminterpretiert. Mit den ursprünglichen Mythen der Maya hat das alles nichts zu tun.

Immerhin behauptet der viel gelesene Autor Erich von Däniken, aus diesen Überlieferungen die baldige Rückkehr kosmischer Brüder herauszulesen, die uns Erdlinge schon einmal besucht haben. Was sagt der Wissenschaftler, gibt es Chancen, dass es sie gibt?

Die Frage ist doch, ob Leben überhaupt außerhalb der Erde möglich ist. Da sagen Wissenschaftler, dass es theoretisch der Fall sein kann. Es ist sogar wahrscheinlich.

Die Wissenschaft geht davon aus, dass es einige Milliarden Sterne gibt und sehr viele Planeten, auf denen sich Leben entwickeln könnte. Die Frage ist, ob eine außerirdische Zivilisation in der Lage ist, die Naturgesetze zu überlisten und einen Weg gefunden hat, schneller als das Licht zu fliegen. Das halte ich für extrem unwahrscheinlich. Und noch unwahrscheinlicher ist, dass sie schon einmal da waren. Wissenschaftlich ist das nicht haltbar.

Erich von Däniken hat die alten Maya-Mythen subjektiv und selektiv umgedeutet. Reale Erkenntnisse von Forschern hat er ignoriert. Däniken ist Profi, er macht das seit Jahrzehnten. Jetzt hat er seine Geschichten eben so uminterpretiert, dass sie auf den 21. Dezember passen. Eine Variation auf ein altes Thema.

Die Weltuntergangs-Beschwörer führen noch ein viel gewich-tigeres Argument an, als einen alten Kalender. Der rätselhafte Riesenplanet "Nibiru" soll sich nächstens der Erde gefährlich nähern und für Durcheinander sorgen. Wie beruhigt angesichts dessen der Astronom?

Wenn es im Sonnensystem einen solchen Riesenplaneten geben würde, hätte man ihn längst entdeckt. Man hätte ihn am Himmel gesehen, selbst mit bloßem Auge. Im Übrigen sind alle Behauptungen über astronomische Besonderheiten an diesem Tag unwahr.

Keine besondere Stellung der Planeten an diesem Tag

Und die besondere Planetenkonstellation am 21. Dezember 2012, die nur alle 26.000 Jahre vorkommen soll? Auch alles Unsinn?

Unsinn. Allein die Formulierung "Konjunktion zum Äquator der Milchsstraße" macht astronomisch überhaupt keinen Sinn. Es wird überhaupt keine speziellen Konstellationen an diesem Tag geben. Die Planeten stehen nicht außergewöhnlich, Erde und Sonne auch nicht. Die einzige Besonderheit an diesem Tag ist die Wintersonnenwende. Aber die kommt jedes Jahr an diesem Tag.

Was die Sonne angeht, kursieren Warnungen vor einer besonders hohen Aktivität. Können womöglich Sonnenstürme für Überraschungen sorgen?

Alle elf Jahre ist die Sonne besonders aktiv. Das Maximum des aktuellen Zyklus wird für das Frühjahr 2013 erwartet. Daran ist aber nichts Geheimnisvolles. Wir wissen auch, dass dieses Maximum geringer ausfallen wird als das im Jahr 2000, dem vergangenen Zyklus. Wenn Sie sich erinnern, ist da die Welt auch nicht untergegangen.

Das Schlimmste, was ein Sonnensturm anrichten kann, ist eine Überspannung in einer Stromleitung. Dann fällt kurz der Strom aus. Sonnenstürme kann man voraussagen, die Betreiber können ihre Stromnetze entsprechend auslegen. Prinzipiell ist ein solcher Fall denkbar, aber Angst muss man davor nicht haben.

Es wird also auch keinen "Synchronisationsstrahl" geben, den optimistische Esoteriker versprechen und der die Menschen auf eine neue Bewusstseinsebene heben soll. Das wäre ein verlockender Gedanke, finden Sie nicht?

Also, das ist nun wirklich ein Begriff, mit dem nur Esoteriker etwas anfangen können. Wenn man wissen will, wie sich Sonnenaktivität auf das Bewusstsein auswirkt, genügt es, sich ganz einfach einen Magneten an den Kopf zu halten. Das ist dann genau der Effekt, den ein Sonnensturm haben könnte. Gar keinen. Einen Bewusstseinssprung mit Sicherheit schon gar nicht.

Das klingt beruhigend, zumal einige dieser Szenarien auch von einem gigantischen Asteroiden warnen, der mit der Erde kollidieren soll. Das wäre immerhin, wie wir aus dem Schicksal der Dinosaurier lernen, nicht ganz unmöglich. Müssen wir uns, wann auch immer, davor fürchten?

Einschläge von Asteroiden haben stattgefunden und es wird sie auch in Zukunft geben. Es sind im Grunde normale Naturkatastrophen wie Überschwemmungen oder Vulkanausbrüche. Ereignisse, mit denen wir einfach rechnen müssen. Allerdings, verglichen mit Naturereignissen wie Erdbeben oder Hochwasser, die jedes Jahr auf der Erde stattfinden und Tausende Menschenleben fordern, sind Asteroideneinschläge extrem selten. Ein Einschlag, wie er vor 65 Millionen Jahren die Dinosaurier aussterben ließ, findet im Durchschnitt nur alle 100 Millionen Jahre statt.

Dann hätten wir noch 35 Millionen Jahre Zeit, kein Grund zur Panik. Und wenn sich die Wissenschaftler verrechnet haben?

Selbst dann könnte man das abwenden. Asteroideneinschläge sind Naturkatastrophen, die man vorhersagen und verhindern kann. Immerhin, das unterscheidet sie von einem Vulkanausbruch oder einem Hurrikan, die man nicht verhindern kann.

Das klingt jetzt ein bisschen nach der Geschichte, die in "Armageddon" erzählt wird. Sollte sich Bruce Willis in Bereitschaft halten - oder wie soll das angestellt werden?

Man müsste den Asteroiden gezielt etwas abbremsen oder beschleunigen. Dafür gibt es theoretisch Möglichkeiten, eine Raumsonde zum Beispiel, die ihn nur ein wenig anstupsen muss. Prinzipiell wäre das machbar. Natürlich ist das noch nie getestet worden, so eine Mission wäre extrem teuer.

Asteroideneinschläge sind zwar reale Möglichkeiten, aber es gibt keinen Grund anzunehmen, dass es am 21. Dezember dazu kommen wird.

Kein Weltuntergang am 21. Dezember, nur der übliche Weihnachtsstress. Und die Erde bleibt bis auf Weiteres bestehen.

Noch etwa fünf bis sechs Milliarden Jahre. Dann wird sich die Sonne zu einem roten Riesen aufblähen und die Erde verschlucken. Aber vielleicht überlebt sie sogar das.

Die Geschichte ist voll von apokalyptischen Szenarien. Woher kommt diese Lust an Weltuntergangs-Bildern?

Jede große Religion hat einen apokalyptischen Aspekt. Mit Drohszenarien vom Weltgericht ließen sich Menschen schon immer gut unter Kontrolle halten. Außerdem üben Katastrophen große Faszination aus. Sie wecken Emotionen - und das wird ausgenutzt. Angst schaltet rationales Denken aus.

Sind astronomische Ereignisse in Sicht, die spannend sind und womöglich für eine neue Weltuntergangs-Hysterie sorgen?

Am Himmel ist es immer spannend! 2029 kommt ein großer Asteroid der Erde nahe. Aber Weltuntergangsszenarien gibt es immer. Sie werden vor allem dann populär, wenn sich ein Hollywood-Regisseur dem Thema widmet. Das war ja mit "2012" der Fall, damit fing der Hype an. Genau genommen ist der Film das einzig Auffällige, was im Zusammenhang mit diesem Datum tatsächlich passiert ist.

Angenommen, das Unmögliche passiert doch. Wie verbringen Sie den letzten Erden-Tag?

Darüber habe ich nun wirklich nicht nachgedacht. Vielleicht mit einem letzten Blick in den Himmel.

Zur Person

  • Florian Freistetter, Jahrgang 1977, wurde in Krems an der Donau (Österreich) geboren
  • Er studierte Astronomie in Wien und promovierte in dem Fach
  • An der Universität Jena hielt er Vorlesungen zur Astronomie und arbeitete wissenschaftlich am Observatorium Großschwabhausen der Universität
  • Derzeit lebt er in Jena und arbeitet als freier Wissenschaftler und Buchautor ("Keine Panik" und "Krawumm!: Ein Plädoyer für den Weltuntergang")

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