Sensationsfund nahe Gotha: Adelsgrab aus dem 5. Jahrhundert entdeckt

Boilstädt (Landkreis Gotha). In Boilstädt in der Nähe von Gotha ist eine etwa 1500 Jahre alte Grabkammer bei Ausgrabungen gefunden worden. Neben wertvollen Waffen und Schmuck fanden die Archäologen auch ein Pferdeskellett.

Seit Mai 2013 werden bei Gotha archäologische Grabungen vorgenommen. Rund um die Grabkammer eines ranghohen Kriegers befindet sich ein Reihengräberfeld – unter anderem das einer Frau mit Spinnwirtel, Kamm und Messer. Der ehrenamtliche Bodendenkmalpfleger Andreas Mayer aus Arnstadt arbeitet daran. Foto: Alexander Volkmann

Seit Mai 2013 werden bei Gotha archäologische Grabungen vorgenommen. Rund um die Grabkammer eines ranghohen Kriegers befindet sich ein Reihengräberfeld – unter anderem das einer Frau mit Spinnwirtel, Kamm und Messer. Der ehrenamtliche Bodendenkmalpfleger Andreas Mayer aus Arnstadt arbeitet daran. Foto: Alexander Volkmann

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Das Skelett liegt ganz am Rand seiner Grabkammer. Die Körperhaltung schält sich seltsam verdreht aus dem fettigen Lößboden, in der Schädeldecke klafft ein großes Loch. Irgendwann in den vergange-nen eineinhalb Jahrtausenden ist der Tote wohl von seinem hölzernen Bett gerutscht. "Die Kopfverletzungen können vom Kampf herrühren. Oder vom Einsturz der Kammer", sagt Grabungsleiter Thomas Grasselt. "Wir wissen es noch nicht."

Grasselt und sein Team haben den Toten vor etwa drei Wochen auf einer Wiese bei Bollstedt (Kreis Gotha) entdeckt. Die Ortsumfahrung von Sundhausen wird an dieser Stelle gebaut. Die Grabkammer liegt gewissermaßen auf der künftigen Fahrbahn.

Schnell war den Archäologen vom Landesamt für Denkmalpflege klar, dass sie daran waren, eine wissenschaftliche Sensation freizulegen. "Es gibt nur 14 solcher Kammergräber aus dieser Zeit", erklärt Landeskonservator Sven Ostritz. "Und das hier ist das erste, das nicht beraubt wurde."

Frauenleiche über der Grabkammer

Ein rostiges Ango - eine Waffe, mit der im Kampf der Schild des Gegners bearbeitet wurde - schaut aus der freipräparierten Fläche heraus. Ebenso der Rest seines eigenen Schildes. Über der Grabkammer habe eine Frauenleiche gelegen. Einige Meter daneben seien ein kopfloses Pferd und ein großer Hund zu Grabe getragen worden.

Drei Jahrhunderte bevor Bonifazius und das Christentum in Thüringen Einzug hielten, hofften die Thüringer auf ein Weiterleben nach dem Tod in Walhall, der Ruhmeshalle der Götter. "Pferd, Hund und Frau wurden dort noch gebraucht", sagt Grasselt. Der unbekannte Tote sei mit Sicherheit ein Krieger gewesen. Wegen der aufwendigen Bestattung vermuten die Forscher eine engen Verbindung zum Königshaus. "Er hat sicherlich an der Tafel des Königs Platz genommen", vermutet Grasselt.

Funde durch Wasser konserviert

Die Funde sind zudem durch Wassereinfluss konserviert. Die Kammer habe lange Zeit unter Wasser gestanden. Die Archäologen des Thüringer Landesamtes für Denkmalpflege rechnen daher mit Überresten von Textilien, Leder und pflanzlichen Resten im Grab. Auch das birgt noch reichlich Stoff für wissenschaftliche Sensationen.

Feiner, brauner Staub liegt über dem Grabungsgelände. Unmittelbar neben dem Grabungsfeld wühlen sich im Minutentakt schwere Lkw durch die Baustelle. Die Zeit drängt. Bis Ende September sollen die Grabungen abgeschlossen sein. Doch noch immer finden sich auf dem Gelände weitere Gräber.

Denn dieser "Herr von Boilstädt", wie ihn die Archäologen getauft haben, liegt nicht alleine hier. Rund um das Fürstengrab befindet sich ein ganzer Friedhof aus dem 6. bis 8. Jahrhundert nach Christus. Und auch diese Gräber enthalten Mitbringsel in das neue Leben.

Die Archäologen fanden Gürtel sowie Halsketten aus Steinen und Glas, Utensilien zum Spinnen und Kämmen oder Messer. Dazu Tonkrüge mit Wegzehrung für die Reise in das zweite Leben. Zu den Füßen einer Frau fand sich sogar ein Nagetier.

Was bislang nur die Experten sehen: Zur Beisetzung wurden die Grabgruben mit Holzkons-truktionen ausgebaut und sehr wahrscheinlich auch Bretter-särge verwendet. "All das weist auf eine gesellschaftliche Wertschätzung der Toten hin", sagt Grasselt.

Er und sein Team haben eine ganze Reihe von Fragen an den unbekannten Toten. Wie lebten die Thüringer, die diesem Landstrich ihren Namen gaben? Mit wem trieben sie Handel? Wie war die Gesellschaft sozial aufgebaut? Die Chancen auf Antworten stehen gut.

Zunächst aber muss der Herr samt seiner Kammer von den Grabungen geborgen werden. Weil die technischen und naturwissenschaftlichen Gegebenheiten im Landesamt für Denkmalpflege weitaus besser sind als mitten auf einer Straßenbaustelle, wird das ganze Grab in einigen Tagen im Block geborgen und per Lastwagen nach Weimar geschafft. "Dann beginnen die eigentlichen Arbeiten", sagt Grasselt. Und das könne Monate bis Jahre dauern.

Zum Denkmaltag am 8. September ist die Grabung in Sichtweite des Gothaer Krankenhauses ab 10.00 Uhr zu besichtigen

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