Thuringia Bulls-Kapitän Bienek: Mit der Kraft von Matteo

Jakob Maschke
| Lesedauer: 5 Minuten

Elxleben.  André Bienek, Kapitän der Elxlebener Rollstuhlbasketballer, zwischen Vaterfreuden, Bundesliga-Titelkampf, Corona-Impfung und Paralympics.

Verbissen um die Meisterschaft: André Bienek will mit seinen Thuringia Bulls den Titel verteidigen und am Samstag den Finaleinzug perfekt machen.

Verbissen um die Meisterschaft: André Bienek will mit seinen Thuringia Bulls den Titel verteidigen und am Samstag den Finaleinzug perfekt machen.

Foto: Sascha Fromm

Zur Erleichterung des Vaters ist Matteo ein genügsames Baby. „Würde man ihn nicht zum Füttern wecken, würde er wahrscheinlich durchschlafen“, sagt André Bienek lachend. Am 28. März hat der Sohn des Kapitäns der RSB Thuringia Bulls und seiner Marie, die er durch ihre Tätigkeit als Physiotherapeutin des Teams kennengelernt und letzten Oktober geheiratet hat, das Licht der Welt erblickt. Und gönnt dem Papa, gerade jetzt, im Endspurt um die deutsche Meisterschaft im Rollstuhlbasketball, den notwendigen Erholungsschlaf.

Teil eins der Mission Titelverteidigung ist den Elxlebenern geglückt: Sie gewannen das erste Playoff-Halbfinalspiel am vergangenen Samstag bei den Baskets Rahden mit 62:49. Mit einem André Bienek, der nach eigener Aussage trotz Corona im Moment sein „ganzes Glück kaum fassen“ kann und in Rahden auf dem Feld verspürt hat. So warf er gleich den ersten Wurf des Spiels von der Dreierlinie butterweich in den Korb und war am Ende einer von gleich vier Bulls-Spielern, die zweistellig punkteten.

Das ist für ihn auch der Schlüssel zum Erfolg: „Wir müssen die Verantwortung auf mehrere Schultern verteilen“, stellt er klar, dass man sich offensiv nicht nur auf die beiden Spitzenspieler Alex Halouski und Vahid Azad verlassen dürfe. Gerade Jens Albrecht, Ian Pierson und er müssten aggressiv spielen und Gefahr ausstrahlen. Umso mehr, da vor der Saison mit Matt Scott und Jake Williams zwei andere Weltklassespieler das Team verlassen haben. „Ich bin kein Matt und kein Jake, aber wenn wir als Einheit auftreten und variabel spielen, sind wir schwer zu schlagen“, sagt Bienek, der mit einer Spina bifida (Fehlbildung der Wirbelsäule) zur Welt kam und von klein auf auf den Rollstuhl angewiesen ist.

Beim siebten Verein hat Bienek nicht nur sein sportliches Glück gefunden

Da das im ersten Spiel gut gelang, ist er optimistisch, dass seine Elxlebener auch das zweite Spiel gegen Rahden am Samstag (18 Uhr, kostenlos auf live.thbulls.com) für sich entscheiden und ins Finale einziehen.

Dort wartet höchstwahrscheinlich Lahn-Dill, das Team, das Angang März die drei Jahre und 75 Spiele währende Siegesserie der Bulls beendet hatte. „Da haben wir viele Sachen nicht gut gemacht. Aber daran arbeiten wir hart und werden sie dann besser machen“, meint der 34-Jährige kämpferisch. Überrascht ist er, wie gut die Teams durch die Bundesliga-Saison gekommen sind. Es gab nur wenige Corona-Fälle, keine schweren Verläufe, der Spielplan konnte gut durchgezogen werden. „Am Anfang herrschte viel Unsicherheit, aber wir waren alle sehr vorsichtig“, so Bienek, der bei den Bulls, seinem bereits siebten Verein, heimisch geworden ist. Der gebürtige Castrop-Rauxeler ist schon seit 2014 hier, ist angestellt beim Verein Reha-Sport-Bildung und treibt die Inklusionsarbeit mit verschiedenen Projekten, etwa einer Schultour und einer Inklusionswerkstatt, gemeinsam mit anderen Spielern aktiv voran.

Doch das muss jetzt alles ruhen. Das Fit-In, der Hauptsitz von Reha-Sport-Bildung, hat seit Monaten geschlossen. Auch Bienek sorgt sich um seine berufliche Existenz – „wie so viele andere Leute“ –, verbreitet aber Optimismus: „Ich spreche selbst viel mit Schulen, Sponsoren und Projektträgern. Alle geben uns positive Signale, dass es nach der langen Pause weitergeht.“

„Abwarten, ob und wie Olympia und Paralympics zustande kommen“

In puncto Paralympics – er ist seit vielen Jahren Nationalspieler und war schon bei diversen internationalen Meisterschaften für Deutschland am Ball – äußert sich Bienek vorsichtig: „Das ist noch sehr weit weg, wir müssen abwarten, ob und wie Olympia und Paralympics zustande kommen. Klar werde ich alles dafür tun, es ins Team zu schaffen und dann in Tokio abzuliefern.“

Die diesbezüglich aufgekommene Debatte, ob olympische und paralympische Sportler bei der Impfung priorisiert werden sollten, verfolgt er mit gemischten Gefühlen. „Wenn genug Impfdosen für alle, die geimpft werden müssen und wollen, da sind, ist das in Ordnung. Ich werde mich, wenn es möglich ist, auf jeden Fall impfen lassen. Aber ich bin grundsätzlich froh, dass ich das nicht für andere Menschen entscheiden muss“, erklärt er.

Und falls es doch nicht klappen sollte mit seinen vierten Paralympics, hat er ja daheim seine kleine Familie, die ihn so manche Sorge vergessen lässt. „Der Fokus hat sich verändert“, sagt er. „Jetzt dreht sich nicht mehr alles um den Ball, sondern um meinen kleinen Matteo.“