Zorn über Presseberichte führte zu eigener Zeitung in Apolda

Apolda.  Bei der Druckerei Kühn in Apolda wurde Anfang 1990 die „Apoldaer Information“ gedruckt, um die Reformbewegung zu unterstützen.

Haben einen wichtigen Beitrag zum Gelingen der Wende in Apolda geleistet: Hermann, Karla und Dietmar Rau (von links) von der Druckerei Kühn.

Haben einen wichtigen Beitrag zum Gelingen der Wende in Apolda geleistet: Hermann, Karla und Dietmar Rau (von links) von der Druckerei Kühn.

Foto: Martin Kappel

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Während 1989 die ersten Demonstrationen Regime-Gegner in helle Aufregung versetzten, bildete die systemtreue Tageszeitung „Das Volk“ die Geschehnisse nicht ab. Karla Rau erinnert sich heute noch daran, wie es war, als Bürger ihr Leben oder zumindest ihre physische wie psychische Unversehrtheit aufs Spiel setzten und gleichzeitig in der Apoldaer Lokalausgabe als Tagesnachricht verkauft wurde, dass Unbekannte auf dem Hauptfriedhof alte Autoreifen verbrannt hätten. „Es gab einen Zorn der Leute über diese Berichterstattung, über die fehlende Thematisierung dessen, was das Volk wirklich bewegt“, so die gelernte Schriftsetzerin.

Als der Mauerfall den Ruf nach Reformen in der DDR immer lauter werden ließ und sich ein Runder Tisch auch in Apolda konstituiert hatte, verhalf Karla Rau mit ihrer gesamten Familie der Bewegung dazu, eine eigene Zeitung herauszugeben. Als Inhaber der Druckerei Kühn stellte die Familie damals etwa 5000 Exemplare der ersten „Apoldaer Information“ her und verteilte diese am 19. Januar 1990 in der Stadt. Die Redaktion des Druckerzeugnisses traf sich damals übrigens in der Bachstraße.

Noch keine Zeitung, aber auf dem Weg zum unabhängigen Apoldaer Wochenblatt

Mit den Inhalten dieser und der neun weiteren Ausgaben der „Apoldaer Information“ sowie ihren Autoren beschäftigt sich aktuell das Projekt „Demokratie einfach machen! Heute vor 30 Jahren“. Am Montag trafen sich Interessierte bereits im Rahmen des Gelben Montags im Glockenstadtmuseum und berichteten über Erfahrungen aus der Wendezeit und den Kontakt mit der neuen Zeitung, die laut Nebentitel auf dem Weg zu einem unabhängigen „Neuen Apoldaer Wochenblatt“ sei.

Dass die „Apoldaer Information“ im Impressum den Namen der Druckerei nennt, sei kein Zufall, erklärt Karla Rau: „Wir wussten, es kann so nicht weitergehen.“ Allen war auch bewusst, dass das aus damaliger Sicht illegal und gefährlich war. Denn unter dem Unrechtsregime brauchte es zwingend einer Lizenz, um eine Zeitung herauszugeben. „Es geschah auch als ein Akt der Verzweiflung“, betont die Mutter dreier Kinder.

Massaker in Peking und Kontaktaufnahme mit der Druckerei Kühn

Im Vorfeld war sie vom DDR-SPD-Politiker Kurt Weyh angesprochen wurden. „Wir brauchen eine Druckerei“, habe er damals gegenüber Karla Rau gesagt, die die Idee zu Hause und mit den Kollegen erörterte. Nach dem Tian’anmen-Massaker, der gewaltsamen Niederschlagung der Proteste durch das Regime in Peking, und der öffentlich bekannten Sympathie für die „chinesische Lösung“ durch den SED-Generalsekretär Egon Krenz wollte der Runde Tisch die Botschaft „Wir brauchen keine Gewalt!“ verbreiten lassen. „Da standen wir voll dahinter“, so Karla Rau dreißig Jahre später. Auch war man die Falschdarstellung der Ziele des Runden Tisches durch „Das Volk“ leid. Und irgendwann gab es dann kein Zurück mehr.

Auch der älteste Sohn Dietmar stand hinter dem Familienwagnis. Er hatte während seiner Ausbildung in Leipzig die Demonstrationen als Augenzeuge miterlebt. Während Vater Hermann und Sohn Dietmar Anfang 1990 nun also den Job des Druckens und Faltens übernahmen, Tochter Dagmar den des Setzens und Karla quasi als Projektmanagerin agierte, wurde auch der jüngste und da noch minderjährige Sohn Gunter am Vorhaben beteiligt. Er verteilte die „Apoldaer Information“ an der Bahnhofstraße oder brachte sie an ausgewählte Orte wie die Lutherkirche.

Wer sich am Dokumentationsvorhaben mit den „Wendezeit(ungs)zeugen“ beteiligen möchte und eigene Berichte ergänzen möchte, den laden die Projektmacher von „Wende einfach machen!“ zur Geschichtswerkstatt ein. Diese trifft sich am heutigen Mittwoch erstmalig im Glockenstadtmuseum um 16 Uhr.

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