Als das Ziel ein menschlicher Sozialismus ohne Gängelei war

Bad Langensalza  30 Jahre Wende: Eine Gesprächsrunde erinnert an das größte Friedensgebet von Bad Langensalza am 2. November 1989 in der Bergkirche.

Hannes Sterzing, der damals Jugendwart der evangelischen Kirche war, und Künstlerin Elisabeth Weidemann waren am 2. November 1989 beim Friedensgebet in der Bad Langensalzaer Bergkirche dabei. 

Hannes Sterzing, der damals Jugendwart der evangelischen Kirche war, und Künstlerin Elisabeth Weidemann waren am 2. November 1989 beim Friedensgebet in der Bad Langensalzaer Bergkirche dabei. 

Foto: Claudia Bachmann

2000 Menschen waren am 2. November 1989 in und vor der Bergkirche in Bad Langensalza zusammengekommen. Sie wollten ihren Protest gegen die Zustände in der DDR ausdrücken. Das Friedensgebet eine Woche vor dem Fall der Mauer stand an diesem Freitagabend im Friederikenschlösschen im Mittelpunkt einer Gesprächsrunde.

Mit Rolf Matthäs, dem späteren Bürgermeister, Hannes Sterzing, der damals Jugendwart der evangelischen Kirche war, und Künstlerin Elisabeth Weidemann waren drei Protagonisten von damals dabei. „Wir hatten einerseits nicht mit so vielen Gästen gerechnet, andererseits aber auch Sorge: Was passiert, wenn es so viele Menschen werden, dass sie nicht alle in die Kirche passen“, erinnert Sterzing. Natürlich sei da immer auch die Angst gewesen, dass die Stimmung kippt. „Horch und Guck (die Staatssicherheit / Anmerkung der Redaktion) waren doch immer dabei. Zu Beginn der Veranstaltung kam auch eine Frau mit vielen Kindern, die sollte die Veranstaltung stören“, weiß Elisabeth Weidemann.

Was Weidemann zum größten Friedensgebet in Bad Langensalza 1989 sagte, daran könne sie sich mittlerweile nicht mehr erinnern. Was sie aber in Erinnerung behielt: „Im Schutz der Kirche war die Angst, die wir vorher hatten, nicht mehr da. Wir waren überzeugt von dem, was wir taten.“ Und das war, so Matthäs, der Erhalt des Sozialismus ohne Gängelung. Der Ingenieur hatte als Katholik in der DDR zahlreiche Repressalien zu erdulden. So wurde die Tochter, weil sie die Jugendweihe verweigerte, nicht zum Studium zugelassen. Weidemann nennt es: „Wir wollten einen Sozialismus mit einem menschlicheren Gesicht. Dass nachher alle nach dem Geld rannten, konnten wir dann nicht mehr ändern.“

Gehofft auf den Schutz in der Kirche

Matthäs wurde wie Sterzing Teil der demokratischen Basisgruppe. Der damalige Jugendwart erinnert sich: „Die Leute haben mich auf der Straße angesprochen, ob denn die Kirche nicht den Leuten, die über Veränderung reden wollten, einen Raum bieten könne.“

Weidemann hatte über die in Berlin am Prenzlauer Berg lebende Tochter erfahren: Es tut sich etwas. Beide Frauen gingen zusammen in die Gethsemane-Kirche, jene Berliner Kirche, die mit ihren Mahnwachen und Friedensgebeten für die friedliche Revolution steht.

Sterzing habe sein Haus in Altengottern zur Verfügung gestellt, später Klaus Borck, der zwischen 1994 und 1999 für die SPD im Landtag saß, auch sein Haus für Treffen geöffnet. Später dann habe man sich im Keller der Jungen Gemeinde der evangelischen Kirche getroffen. „Wir hatten keine andere Möglichkeit, als die Leute zu informieren. Wir hatten auf die Massen gehofft, darauf, dass sie uns Schutz bieten.“

Das System war am Ende, jeder spürte es

Der Veränderungswille sei quer durch die gesamte Bevölkerung gegangen. „Das hat uns Mut gegeben. Das System war am Ende, alle wollten es ändern“, erinnert sich Matthäs. „Wir hatten einen groben Plan von dem, was wir an dem 2. November sagen wollten. Die Staatsmacht hat immer weniger versucht, sich zu rechtfertigen, je mehr öffentlich wurde.“

Das Friedensgebet in der Bergkirche blieb das größte im Wendejahr. Das darauf folgende in der Marktkirche sah viel weniger Menschen. Als die Mauer gefallen war, seien „vielleicht noch zehn Prozent derer, die zum Friedensgebet gekommen waren, an den Dingen interessiert gewesen“, meint Sterzing.

Die Schlussgedanken wurden nachdenklich. „Demokratie erfordert Schulung, wir müssen es lernen, wieder demokratiefähig zu sein“, meint der Alt-Bürgermeister. Weidemann hält es für „gefährlich in unserem Land angesichts des Rechtsrucks“.

Die Gesprächsrunde war Teil der Reihe „Die friedliche Revolution 1989 – Erinnern und Gedenken in Bad Langensalza“. Die wird von der Stadt sowie der evangelischen und der katholischen Kirche organisiert. Der Abend wurde moderiert von den Bad Langensalzaern Steffen Schmidt und Gunther Wurschi.

Weitere Veranstaltungen: 1. November, 19 Uhr, Bibliothek: Satirischer Abend „Deutschland ein Winter-märchen“; 9. November, 17 Uhr, Marktkirche: Andacht zu Ereignissen am 9. November 1918, 1938, 1989; 15. November, 19.30 Uhr, Gottesackerkirche: Konzert mit Barbara Thalheim

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