Mühlhäuser Räder auf Straßen und Rennbahnen einst ein Begriff

Mühlhausen  Die vor 150 Jahren gegründete Firma Claes & Flentje legte Grundstein auch für den Fahrradbau. Traditionsmarke Möve lebt neu auf.

Eine Werbekarte der 1869 gegründeten Firma Claes-Pfeil-Fahrradwerke Mühlhausen um das Jahr 1900. „1000 Arbeiter. Jahresproduction 10.000 Fahrräder“ steht auf der Karte.

Eine Werbekarte der 1869 gegründeten Firma Claes-Pfeil-Fahrradwerke Mühlhausen um das Jahr 1900. „1000 Arbeiter. Jahresproduction 10.000 Fahrräder“ steht auf der Karte.

Foto: Verlag Claes & Flentje/Sammlung Reiner Schmalzl

Als Stadt der Fahrradbauer machte sich Mühlhausen um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert weit über die Grenzen des damaligen Deutschen Reichs hinaus einen Namen. Den Grundstein dafür legten vor genau 150 Jahren die Firmengründer Ernst Bernhard Claes (1839 – 1909) und Theodor Flentje (1841 – 1890). Der Mühlhäuser Schlossergeselle und der Sohn eines Gießereihüttenmeisters aus dem heutigen Königshütte bei Wernigerode lernten sich während ihrer Wanderjahre in Paris kennen und hoben am 18. August 1869 die Mühlhäuser Näh- und Strickmaschinenfabrik aus der Taufe.

Die Claes & Flentje OHG entwickelte sich in relativ kurzer Zeit zum größten Industriebetrieb der Stadt Mühlhausen und baute Nähmaschinen für Lederbetriebe, Schuhmacher oder Sattlereien. Damit kurbelten die Pioniere des Spezialnähmaschinenbaus zugleich die damals aufstrebende Textilindustrie in Mühlhausen und im Eichsfeld an und boten auf dem Exportmarkt der englischen Konkurrenz die Stirn.

Zu den Näh-, Strick- und Werkzeugmaschinen kam dann ab 1890 als weitere Sparte der Fahrradbau hinzu, um mit anderen Firmen der Branche in Deutschland Schritt halten zu können. Unter der Marke Pfeil liefen bei Claes & Flentje zwischen 1890 und 1913 insgesamt 107.000 Fahrräder vom Band, wie aus einer Veröffentlichung in „Deutschlands Städtebau“ hervorgeht.

Die Mühlhäuser Fahrradbauer überzeugten mit einer erstaunlichen Variantenvielfalt. Produziert wurden neben den üblichen Rädern für den Alltag und den Tourenrädern unter anderem Straßenrennräder, sogenannte Racer sowie Tandems und Drei- und Viersitzer für Rennbahnen. 1928 stellte man den Fahrradbau wegen fehlender Wirtschaftlichkeit allerdings ein.

„Zu vermuten ist, dass generell der Import billigerer amerikanischer Fahrräder von niedriger Qualität in den Folgejahren viele deutsche Fahrradhersteller zur Aufgabe dieser Produktion gezwungen hat“, schätzt Burghard John (77) den damals mehr oder weniger gravierenden Einschnitt in dem Mühlhäuser Traditionsunternehmen ein. Er hatte 1955 zunächst eine Lehre als Maschinenschlosser bei der Claes & Co. KG aufgenommen und war von 1965 bis 1994 Konstrukteur bei dem späteren VEB Spezialnähmaschinenwerk beziehungsweise der Claes GmbH.

Burghard John hat jenes bedeutsame Kapitel Mühlhäuser Industriegeschichte in einer 1996 erschienenen Publikation festgehalten. Ein Jahr zuvor war für die Firma Claes das Aus nach 125 Jahren gekommen.

Neben den qualitativ hochwertigen Pfeil-Fahrrädern eroberten ab 1897 die Möve-Fahrräder der Firma Walter & Co. unter dem Slogan „Im Fluge durchs Land“ die Straßen. Für Furore sorgte 1925 der Geraer Paul Hermann Vogel, als er auf einem Möve-Fahrrad in siebeneinhalb Monaten und 46.000 Kilometern die Welt umrundete. Von 1948 bis 1961 kamen die Räder aus dem VEB Möve-Werk.

Die 2014 gegründete „Möve Bikes“ GmbH greift nun die Mühlhäuser Fahrrad-Bauer-Geschichte auf und entwickelte innerhalb kurzer Zeit den Cyfly-Antrieb als Kernelement der Möve-Fahrräder der Neuzeit. Das junge Unternehmen tritt also kräftig in die Pedale, um auch auf dem internationalen Markt Fuß zu fassen.

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