Sprung in die Donau: Thüringer Ralf Busch lässt 1988 die DDR hinter sich

Mülverstedt  Ralf Busch hat seine Existenz in der DDR wie ein Zug im Gleis empfunden. „Ich wollte raus aus diesem Gleis“, sagt er. Heute lebt der 55-Jährige wieder in seinem Heimatort und hat mehr als 100 Länder bereist.

Ralf Busch hat inzwischen mehr als 100 Länder bereist. Er braucht die Touren, die seine Freunde extrem nennen. Bei all seinen Reisen fotografiert er viel, damit er – wie er sagt – später im Rentenalter davon zehren kann.

Ralf Busch hat inzwischen mehr als 100 Länder bereist. Er braucht die Touren, die seine Freunde extrem nennen. Bei all seinen Reisen fotografiert er viel, damit er – wie er sagt – später im Rentenalter davon zehren kann.

Foto: Sabine Spitzer

Um der Perspektivlosigkeit in der DDR zu entfliehen, springt Ralf Busch 1988 in die Donau. Im Urlaub in Rumänien schwimmt der damals 19-jährige Mülverstedter durch den Fluss nach Jugoslawien. Dort beginnt die Freiheit mit vier Wochen Knast.

Ralf Busch war die DDR zu eng geworden. Er reiste gern. Mit der Reiseanlage für den visafreien Reiseverkehr, die Privatreisen in einige Länder im sozialistischen Ausland ermöglichte, hatte er bereits den Ostblock gesehen. „Ich war überall, bis auf Kuba und Korea“, sagt er.

Mit seinem Wartburg und später dem Citroën fuhr er manchmal nach der Arbeit in die Tschechei – nur um Bier zu holen. „Ich habe das gebraucht“, erklärt der heute 55-Jährige. Denn er fühlte sich im DDR-Alltagstrott wie ein Zug im Gleis. „Ich wollte raus aus diesem Gleis“, sagt er.

Und da war dieses Gefühl, das ihm das Leben nichts mehr bieten konnte. Als gelernter Schreiner hatte er auch durch „Feierabendarbeit“ mehr Geld, als er ausgeben konnte. Zumal man nicht viel kaufen konnte. „Ich hatte nicht mal ein Viertel meines Lebens hinter mir und war eigentlich schon am Ende“, erzählt Busch.

Armes Land mit schlecht bewachter Grenze

Einen Ausreiseantrag wollte er nicht stellen. „Ich habe die Repressalien gefürchtet“, sagt er. Für ihn war daher klar: Er muss abhauen. Vor jenem Sommer 1988 hatte Ralf Busch schon zweimal versucht zu flüchten. Das erste Mal, im Urlaub 1986, wollte er sich von Ungarn nach Österreich durchschlagen. „Es gab kaum Kartenmaterial“, sagt Busch. So fuhr er mit dem Motorrad an das Grenzgebiet heran – und wurde von den Grenzkontrollen erwischt. „Ich habe erzählt, dass ich mich verfahren habe. Das haben sie mir zum Glück abgenommen“, berichtet der Mülverstedter.

Doch die Sache landete in seiner Akte. Folge: Die Reiseanlage für den visafreien Verkehr Reiseverkehr, die jährlich neu beantragt werden musste, wurde ihm verwehrt. Daher fuhr er im Urlaub 1987 in die Sowjetunion und wollte über die Ostsee nach Finnland schwimmen. „Ich habe aber gleich gesehen, dass ich das nicht schaffe“, sagt Busch.

Als er im Sommer 1988 nach Rumänien startete, hatte der Mülverstedter einen neuen Fluchtplan ausgetüftelt. „Rumänien war arm, eine gut gesicherte und gut bewachte Grenzen konnte sich das Land nicht leisten“, berichtet Ralf Busch, weshalb er sich für die Flucht nach Jugoslawien entschieden hatte, das damals zwar ein sozialistischer, aber ein blockfreier Staat war.

Eine halbe Salami und ein paar Zigaretten öffneten den Schlagbaum zur Uferstraße, die im Grenzgebiet lag. Problem waren aber die beiden Kumpel, die mitgefahren waren. „Ich wusste nicht, wie sie reagieren“, berichtet Busch.

Ralf Busch wurde als Republikflüchtling verurteilt

Zur Mittagszeit hatte er den Citroën gestoppt und eine Dosensuppe warm gemacht, die alle drei zusammen löffelten. Dann steckte Busch seine Papiere und 30 West-Mark in eine Folie, sagte, er schwimme jetzt über die Donau und sprang in den Fluss. „Wenn die Beiden zur nächsten Wache gefahren wären, hätte man mich geschnappt“, sagt Busch.

Aber die zwei Kumpel fuhren zurück nach Mülverstedt und stellten Buschs Auto auf den Parkplatz der Polizei in Bad Langensalza. Sie und seine Eltern, vor denen Busch seine Fluchtpläne ebenfalls geheimgehalten hatte, wurden tagelang verhört und das Haus in Mülverstedt wurde durchsucht. Ralf Busch wurde als Republikflüchtling verurteilt. Und die Mutter, die auf der Gemeinde als Sekretärin arbeite, verlor ihre Arbeit.

Ralf Busch indes hatte das jugoslawische Ufer nach zweieinhalb Stunden erreicht. Er, der Unsportliche, der immer nur eine Drei in Sport auf dem Zeugnis hatte, weil er Rettungsschwimmer war, lag erschöpft auf den Steinen. Es war später Nachmittag, als er wieder Kraft hatte, aufzustehen. Er trampte in den nächsten Ort. Als ein Gewitter kam, suchte er Unterschlupf in einem Bushäuschen. Und jedes Mal, wenn ein Auto vorbeikam, hielt er den Daumen in den Wind, wie er sagt.

Das erste Auto, das hielt, war ein Polizeiwagen. Eine Nacht wurde er in die Ausnüchterungszelle gesperrt. Am Morgen bekam er einen Dolmetscher und ein Gerichtsverfahren, bei dem er zu 30 Tagen Knast wegen illegaler Einreise verurteilt wurde. Der Dolmetscher hatte ihm eingebleut, dass er frei komme, wenn er sich an die Spielregeln halte. Die ersten drei Tage war Busch in Einzelhaft, dann kam er in die Massenzelle.

Busch musste im Knast arbeiten, zuletzt im örtlichen Baumarkt. „Ich hätte locker Richtung Österreich fahren können“, erzählt Busch. Aber dann wäre das abends im Gefängnis bemerkt worden. Wenn die Wärter Busch gekriegt hätten, hätte man ihn wieder in die DDR geschickt. Deshalb hielt er durch – und wurde nach 30 Tagen an die Vereinten Nationen, die Uno, überstellt.

Die Zeit im Aufnahmelager war eine Tortur

In Belgrad legte er seine DDR-Staatsbürgerschaft ab und meldete sich bei der deutschen Botschaft. Nur vier Tage später saß er im Zug Richtung Bundesrepublik Deutschland. Das Geld, das man ihm gegeben hatte, reichte nur für ein Ticket bis Frankfurt. Dort half ihm die Bahnhofsmission, die ihm einen Schaffner organisierte, der ihn kostenlos nach Gießen mitnahm.

Die Zeit im Aufnahmelager war eine Tortur. Kriminelle klauten Busch sogar den Schlafanzug, den er vom kirchlichen Hilfswerk bekommen hatte. Er wollte dort weg, deshalb nahm er Kontakt zur Tante in Hessen auf, die er eigentlich nicht behelligen wollte.

So kam er nach Hessen. „Ich war nur zwölf Tage arbeitslos gemeldet“, sagt Busch. Denn er fand schnell einen Job. Erst in einer Fensterbaufirma, dann bei einem Reifenbauer und zuletzt in einem Sägewerk, wo er mehr als 30 Jahre arbeitete.

Nach der Wende kam er oft nach Mülverstedt. Seit dem Tod des Vaters vor 13 Jahren pendelte er regelmäßig.

Jetzt – 30 Jahre nach der Wende – ist Busch wieder in Mülverstedt. „Ich bin hier zu Hause“, sagt er. Der Freundeskreis blieb erhalten. Und jedes Jahr im Urlaub bricht er aus, verlässt das Gleis. Mehr als 100 Länder hat er inzwischen schon bereist.

Zu den Kommentaren
Im Moment können keine Kommentare gesichtet werden. Da wir für Leserkommentare in unserem Internetauftritt juristisch verantwortlich sind und eine Moderation nur während unserer Dienstzeiten gewährleisten können, ist die Kommentarfunktion wochentags von 22:00 bis 08:00 Uhr und am Wochenende von 20:00 bis 10:00 Uhr ausgeschaltet.