In letzter Minute von Ostpreußen ins Eichsfeld

Kirchohmfeld.  Vor 75 Jahren fand eine Familie aus Ostpreußen eine neue Heimat in Kirchohmfeld und entkam so den Schrecken des Krieges.

Erika Burghardt und ihr Neffe Manfred Stolze sehen sich ein paar der wenigen Erinnerungsfotos aus ihrer ostpreußischen Heimat an. Die Familie hat 1945 im Eichsfeld, in Kirchohmfeld, eine neue Heimat gefunden.

Erika Burghardt und ihr Neffe Manfred Stolze sehen sich ein paar der wenigen Erinnerungsfotos aus ihrer ostpreußischen Heimat an. Die Familie hat 1945 im Eichsfeld, in Kirchohmfeld, eine neue Heimat gefunden.

Foto: Reiner Schmalzl

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Als ab Mitte Januar 1945 in ihrer ostpreußischen Heimat eine der blutigsten und längsten Schlachten des zu Ende gehenden Zweiten Weltkrieges entbrannt war, begann für Erna Stolze in Kirchohmfeld das große Bangen um ihre Familie und ihren Mann Richard.

Der damals 25-jährigen Frau aus dem früheren Heiligenbeil, dem heutigen Mamonowo im russischen Oblast Kaliningrad (Königsberg), waren durch einen glücklichen Umstand die schlimmsten Schrecken des Krieges erspart geblieben. Denn sie hatte es im Sommer 1944 mit ihrem damals eineinhalb Jahre alten Sohn Manfred zunächst nur für einen zweiwöchigen Erholungsaufenthalt ins Eichsfeld gezogen. Aus Kirchohmfeld stammte nämlich ihr Mann, der als Soldat im Fliegerhorst Heiligenbeil war. Dort hatte sich das Paar verliebt und im März 1942 geheiratet.

Weil ab Herbst 1944 die Lage in der 1000 Kilometer entfernten Provinz Ostpreußen nach und nach dramatischer wurde, blieben Erna Stolze und ihr Sohnemann im sicheren Eichsfeld. Und Oma Juliane und Opa Hermann hatten ihren Enkel Manfred noch für längere Zeit um sich herum.

Doch die junge Mutter sorgte sich um ihre Schwestern und Eltern, die sich in dem harten Winter mit Hunderttausenden Menschen auf die Flucht begeben hatten. „Wir mussten im Februar 1945 raus“, erinnerte sich die heute 86-jährige Erika Burghardt als jüngere Schwester von Erna Stolze. Erika Burghardt war damals gerade elf Jahre alt und weiß noch ganz genau, wie schrecklich alles gewesen war. Ihr Familienvater habe zuvor große Pläne gehabt und wollte ursprünglich in Danzig bauen. Der Krieg hat jedoch alle Träume der Familie Klein mit ihren sechs Töchtern und dem Sohn Erich zerstört. Als 18-jähriger Soldat blieb dieser im Krieg vermisst.

Erika Burghardt hat noch immer die Worte ihrer Mutter Anna während der Flucht in den Ohren, als sie sagte: „Wenn wir uns verlieren und uns nicht wiedersehen, dann sehen wir uns bei Erna im Eichsfeld.“ So ist es zum Glück dann auch gekommen. Denn die Mutter und ihre vier Töchter mit zwei Mädchen im Alter von zwei und knapp vier Jahren waren zunächst mit einem Schiff über die Ostsee und dann 14 Tage lang im Zug unterwegs. „Wir hatten ja einen Anhaltspunkt und das Ziel Kirchohmfeld im Eichsfeld“, ist die 86-Jährige auch nach 75 Jahren noch immer erleichtert. Dadurch seien ihnen etwa Flüchtlingslager erspart geblieben. Und man sei dem Krieg in letzter Minute entkommen.

Mit den Folgen des Krieges und den neuen Grenzen war die alte Heimat Ostpreußen für die Familie Geschichte. Im Jahr 1946 kehrte Richard Stolze aus der Kriegsgefangenschaft zurück. Als ein Jahr später Tochter Sigried zur Welt kam, reiften die Pläne für ein eigenes Haus in Kirchohmfeld. Dies haben Richard und Erna Stolze dann von 1954 bis 1957 gebaut, und auch ihr Sohn Manfred hat als Schüler und späterer Schlossermeister ordentlich mit zugepackt. Während er im Jahr 2006 erstmals in seinen Geburtsort Heiligenbeil kam, war es seiner Mutter nicht noch einmal vergönnt gewesen. Wie sehr sie ihre frühere Heimat geliebt und später im Eichsfeld neue Wurzeln geschlagen hatte, daran erinnerte ihre Familie im Vorjahr mit einer großen Dankanzeige in dieser Zeitung. Und zwar genau an jenem Tag, an dem Erna Stolze ihren 100. Geburtstag gehabt hätte.

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