Altes Villenportal wird in Mihla zu neuem Leben erweckt

Mihla.  Der Mihlaer Tischlermeister Wolfram Böhnhardt blickt auf eine lange Werkstatttradition zurück, die noch vor der Deutschen Revolution 1848/1849 beginnt.

Zahlreiche Handgriffe muss Wolfram Böhnhardt in seiner Werkstatt ausführen, damit die rund 130 Jahre alte Tür einer Stadtvilla wieder in alter Schönheit erstrahlt.

Zahlreiche Handgriffe muss Wolfram Böhnhardt in seiner Werkstatt ausführen, damit die rund 130 Jahre alte Tür einer Stadtvilla wieder in alter Schönheit erstrahlt.

Foto: Norman Meißner

Stattlich gewachsene Menschen lassen stets ihren Hals kräftig zusammenschrumpfen, wenn sie Türen moderner Bauweise blessurenfrei für ihren Kopf durchschreiten möchten. In grauer Vorzeit transportieren Menschen sogar lange Leitern in der Senkrechten durch Türen. Ein solches Türportal vertraute sein Besitzer jetzt dem Mihlaer Tischlermeister Wolfram Böhnhardt an, damit er es in seinen Ursprungszustand zurückversetzt. „Die Tür stammt aus einer Zeit, in der in Eisenach noch keine Autos gebaut wurden“, erzählt Wolfram Böhnhardt, der seit Jahren viel freie Zeit dem Verein „Automobilbau – Museum – Eisenach“ schenkt.

Das zweiflüglige, massive Eingangsportal einer Mietsetagen-Stadtvilla aus der Zeit um 1890 mit einer Höhe von 3,65 Metern bringt insgesamt rund 300 Kilogramm auf die Waage. „Das Handling gelingt hier nur mit dem Gabelstapler“, spricht der Tischler darüber, wie ihm der Transport der wuchtigen Tür in seiner Werkstatt gelingt.

Seit schätzungsweise einem halben Jahrhundert habe die Tür wohl keinen Pinselstrich mehr gesehen. Aber zuvor zeigte man beim Streichen einen umso größeren Fleiß. Schicht für Schicht alter Farbanstriche lässt Böhnhardt mit verschiedenen Handgriffen behutsam verschwinden, um möglichst viel der historischen Substanz zu erhalten.

Vergleich mit Restaurierungeines alten Autos

Dennoch fehlen viele Teile der Tür, vor allem der reichen Verzierungen; andere sind dermaßen stark verwittert und durch Gebrauch beschädigt, dass der Tischlermeister sich für originalgetreue Replikate entscheidet. Diese entstehen mit hochmodernen Holzbearbeitungsmaschinen in der Mihlaer Werkstatt, aber teils auch mit historischen Apparaturen.

Die verschlissene Hohlkehlreihung, ein beliebtes Schmuckzierelement der damaligen Zeit, fertigt Böhnhardt auf einer Fräsmaschine der Firma Alfred Oehler, Erfurt, aus dem Jahr 1942. „Mein Vater hat sie in den 1970er-Jahren von der Firma Wohnungskunst aus der Marienstraße in Eisenach gekauft“, erzählt der Erbe dieser Maschine.

Allein die Sockelfüße des Restaurierungsobjekts besitzen eine Stärke von zehn Zentimetern. Um Zugluft zu vermeiden, verbauen Türenhersteller heute gern Gummilippen. Der damalige Schreiner der historischen Villentür, die an ein Schlossportal erinnert, entscheidet sich vor 130 Jahren für eine Schrägpfalz, die ein dichtes Schließen der beiden gewaltigen Flügel mit äußerst geringer Falzluft gewährleistet.

Für den exakten Sitz der Bänder, der den problemlosen Wiedereinbau der Tür gewährleistet, fertigt sich der Mihlaer eine Schablone an, da der Blendrahmen vor Ort in der Villa verbleiben muss. Spachteln, doppelte Grundierung, eine deckende Lasur sowie die Überarbeitung der beiden schmiedeeisernen Fenstergitter durch einen Schmied aus Nazza schließen in diesen Tagen die Arbeiten an der Villentür ab.

„Es ist wie, wenn man ein Autofan ist und ein Oldtimer restauriert wird“, spricht Wolfram Böhnhardt über die letzten, arbeitsintensiven Werkstatttage.

Die stolze „Lebenszeit“ der Villentür ist im Vergleich zum Alter der Mihlaer Tischlerei beinahe noch jungfräulich. „Ich bin in sechster Generation Tischler“, sagt Wolfram Böhnhardt mit stolzerfüllter Stimme über die seit 1838 bestehende Schreinerei. Er zieht eine Schublade auf, und zum Vorschein kommt ein Werkstattbuch, das 1895 beginnt. Verzeichnet sind unter anderem Aufträge für Buchenholz-Kämme für Mühlenbesitzer Trabert oder die Spichraer Werramühle, in denen lange vor dem Ersten Weltkrieg bereits Strom produziert wird. „Mein Großvater Reinhold erzählte mir, wie das Holz für die Tischlerei oft von Wasungen auf der Werra bis Mihla geflößt wurde“, erinnert sich Wolfram Böhnhardt.

Im Jahr 1850 baut sein Urururgroßvater im Zuge der Erweiterung des sieben Jahre zuvor entstandenen Kurhauses Bad Homburg Wandvertäfelungen und Fußböden ein. Auf einer Toilette stückelt der Ahn Reste von Fußbodenleisten zusammen und bekommt dafür prompt den erhobenen Zeigefinger des Vorarbeiters zu spüren: „Auf dem Klo hat man viel Zeit, da sieht man jede Flickschusterei. Arbeiten sind nicht so gut wie nötig, sondern immer so gut wie möglich auszuführen“, gibt Wolfram Böhnhardt den Leitgedanken des damaligen Vorarbeiters wieder – eine Maxime, an die er sich bewahrt.

Mihlas Graues Schloss trägt über Generationen hinweg die geschickte Handschrift der Familie Böhnhardt. Ausgeführte Schreinerarbeiten mochte das Adelsgeschlecht Harstall oft gern mit Rohholz begleichen. Als das Schloss zur Gaststätte umgebaut wird, fertigt Wolframs Vater Ralf die Inneneinrichtung samt Theke. Im Auftrag des Konsums fertigt Wolfram später für die Gaststätte einen Stammtisch mit Intarsien sechs Mihlaer Sehenswürdigkeiten in der Tischplatte und für das Hotel in den Obergeschossen originalgetreue Replikate der Renaissancetüren.