Eisenacher Theater erweckt Gliederpuppen zum Leben

Eisenach  Sonntags-Matinee im Landestheater Eisenach zum Ballettabend mit Werken von Igor Strawinsky und Maurice Ravel. Premiere am 19.Oktober

Gliederpuppen werden im Eisenacher Theater zum Leben erweckt (großes Foto). Kleines

Gliederpuppen werden im Eisenacher Theater zum Leben erweckt (großes Foto). Kleines

Foto: Stefanie Krauß

Dass die Sonntags-Matinee so viele Gäste ins Landestheater gezogen hatte, erklärte sich Theaterchef Andris Plucis mit der Popularität beider dort vorgestellten Stücke. „Petruschka“ entstand nach dem überragenden Bühnenerfolg von Igor Strawinskys Ballett „Der Feuervogel“ und im Zuge seiner Arbeit am 1913 uraufgeführten, damals jedoch wenig beliebten Werk „Le sacre du printemps“, das heute als eines der musikalischen Schlüsselwerke des 20. Jahrhunderts gilt.

In dieser Schaffensphase habe er, so Strawinskys Erinnerung, die „hartnäckige Vorstellung einer Gliederpuppe“ gehabt, „die plötzlich Leben gewinnt und durch das teuflische Arpeggio ihrer Sprünge die Geduld des Orchesters so sehr erschöpft, dass es sie mit Fanfaren bedroht. Daraus entwickelt sich ein schrecklicher Wirrwarr, der auf seinem Höhepunkt mit dem schmerzlich-klagenden Zusammenbruch des armen Hampelmannes endet.“

Üppig, lustvoll und etwas verrückt

Zunächst gedacht als Konzert für Klavier und Orchester folgte der Komponist der Anregung von Sergej Djagilew, dem Begründer und Impressario des Ballets Russes, und schrieb den Stoff zum Ballett um.

Titelheld Petruschka, Clownsfigur zwischen „himmelhoch jauchzend“ und „zu Tode betrübt“, verliebt sich in die himmlisch schöne, doch dümmliche Ballerina. Die wiederum weist den unbeholfenen, hässlichen Liebhaber ab und gibt dem „Mohren“ den Vorzug, beeindruckend reich, aber bösartig; um rassistischen Anwandlungen aus dem Weg zu gehen, macht ihn Plucis kurzerhand zum „Herrn Mohr“. Im Verlauf des Stückes verlieren die Marionetten immer mehr das statisch Puppenhafte, nehmen bis zu Petruschkas Ermordung durch Mohr und dem Erscheinen seines Geistes immer deutlicher menschliche Züge an.

Neben Choreograph und Ballettchef Andris Plucis gaben auch Bühnenbildner Dirk Seesemann und Kostümbildnerin Danielle Jost Informationen zur Entstehung des Stücks und gewährten interessante Einblicke in deren Umsetzung: zu erwarten sind danach „grafische Kostüme, die gut zum Bühnenbild passen“, und für letzteres die Schablonentechnik, die mit einzelnen, aus dem Klangteppich heraus leuchtenden Motiven und Rhythmen auch Strawinsky nutzte, und eine enge Anlehnung an den russischen Expressionismus. Man wird Bezüge zu Wassily Kandinsky ausmachen, man wird Paul Klee erkennen, und in beiden Varianten Gefühle und Gemütszustände.

„Wichtig sind auch die Farben“, sagt Danielle Jost, „die beim Bolero dann eben dunkler werden, aber zur gleichen Farbfamilie gehören.“ Mit diesem Kunstgriff wird einmal mehr die artistische Verwandtschaft beider Teile des Ballettabends unterstrichen, der in der zweiten Hälfte dem „Bolero“ gehört. Hier ist es die sechs Meter lange, drehbare Wand, die das Ensemble vor eine oft atemberaubende Kulisse aus Dynamik, Licht und Schatten stellt, und die für die Tänzer eine echte Herausforderung bedeutet.

Üppigkeit, Lust und Crescendo sollen bei dieser Aufführung mitreißen. Ohne Zweifel geht diese Erwartung auf, denn wer kann sich schon der geradezu hypnotischen Sogwirkung des „Bolero“ entziehen? Nach dessen Uraufführung 1928 wurde sein Schöpfer Maurice Ravel von einem Gast angesprochen, der die 18-malige Wiederholung des Themas offenbar mitgezählt hatte. „Sie sind verrückt“, soll er zu dem Komponisten gesagt und Ravel befriedigt geantwortet haben: „Sie haben mein Stück verstanden.“ Mit „Petruschka“, das samt beider unmittelbar davor und danach entstandener Werke Strawinskys Weltruhm begründete, als auch mit dem ins Tänzerische übersetzten „Bolero“, dem „Kunstfertigsten, was die Orchestermusik des Impressionismus hervorgebracht hat“, werden Andris Plucis und seine Truppe sowie die Thüringen Philharmonie Gotha-Eisenach ihrem Publikum ein besonderes Theatererlebnis bieten.

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