Besuch nach 60 Jahren: Fachschüler erinnern sich an Benimmregeln für die Oper

Eisenach  Elf ehemalige Absolventen der Fachschule für Landwirtschaft Eisenach suchten nach 60 Jahren ihre ehemaligen Schulgebäude auf und teilen ihre Erinnerungen.

Den ehemaligen Fachschülern (hinten) erläutert Gebäudeeigentümer und Investor Andreas Neumann (vorn), welche Hürden er bei der Sanierung des einstigen Kasernen- und Fachschulgebäudes meistern musste.

Den ehemaligen Fachschülern (hinten) erläutert Gebäudeeigentümer und Investor Andreas Neumann (vorn), welche Hürden er bei der Sanierung des einstigen Kasernen- und Fachschulgebäudes meistern musste.

Foto: Norman Meißner

„Wir waren zuletzt vor zehn Jahren hier – da sah alles ganz schlimm, ja richtig fürchterlich aus“, spricht Jürgen Bechstein über die heruntergekommenen Kasernenblocks der Wehrmacht und den Grenztruppen der DDR, die zuletzt eine neue zivile Nutzung mit dem Einzug des Jobcenters und der Arbeitsagentur erfuhren.

Er gehört zu knapp einem Dutzend Senioren aus weiten Teilen des Bundesgebietes, die gestern das vorbildlich sanierte Gebäude des Jobcenters (Ernst-Thälmann-Straße 86) genau unter die Lupe nahmen. Erinnerungen stiegen auch in Manfred Laska aus Brandenburg auf, der mit Jürgen Bechstein und den anderen Besuchern von 1955 bis 1958 in den Gebäuden die Fachschule für Landwirtschaft absolvierte. „Vor zehn Jahren haben wir den Verfall hier gesehen und alle gedacht, das wird wohl abgerissen“, erinnert sich Manfred Laska an das letzte Klassentreffen der Fachschüler in Eisenach.

Schmuck der Fachschule bleibt an Fassade erhalten

Bei dem gestrigen Treffen mit dem Geschäftsführer des Jobcenters, Roland Mahler, und dem Gebäude-Investor Andreas Neumann spricht Klaus Kirsten über seine Eisenacher Fachschulzeit der 50er Jahre von „lebensprägenden Jahren“.

Die angehenden Agrarökonomen bekamen sogar Benimmregeln für die Oper eingebläut. „Wir waren erstmals von Zuhause fort und die drei Jahre habe uns gut geformt – so eine Atmosphäre gibt es heute nicht mehr“, schwärmt Klaus Kirsten über die gute alte Zeit.

In der allerersten Woche stand gleich „Kartoffeln lesen“ auf dem Stundenplan. „Mein Antrieb für den Beruf war es, das Volk selbst zu ernähren“, unterstreicht Klaus Kirsten. Die Fachschule für Landwirtschaft war damals sehr sportinteressiert; es gab mehrere Fußballmannschaften, von denen eine 1955 DDR-Meister der Fachschule wurde. Aber auch mit Leichtathletik, Chorgesang und musizieren verbringen die damals insgesamt 600 Fachschüler ihre freie Zeit. Ferner zählten 120 Fernstudenten aus der ganzen DDR dazu. Zu diesen „Externen“ gehörte auch der Vater von Jürgen Bechstein. „Mein Vater hat in diesen Kasernen schon 1933 und 1934 gedient“, erinnert sich der ehemalige Kommilitone, „und im Krieg war er Panzerfahrer.“

Die 1952 gegründete Einrichtung schließt bereits 1961 wieder die Pforten und wird aus der Wartburgstadt in die Klassikerstadt verlegt, da die Kasernenblocks der Landwirte für Landschützer benötigt werden, die die nahe Grenze noch unüberwindbarer zu machen hatten. „Die Weimarer Schule ist nie zu dem geworden, was die Eisenacher war“, sagt Klaus Kirsten. Im heutigen Gebäude der Polizeiinspektion Eisenach residiert damals die Grenzpolizei.

Die Senioren freuen sich, dass mit der Gebäudesanierung der Jahre 2017 und 2018 viele Details von damals, wie der landwirtschaftliche Ornamentschmuck über und die Wandleuchter neben dem Eingang, erhalten blieben. „Mir war es wichtig, dass die Gebäude modern wie ein Neubau sind, aber gleichzeitig der originale Charakter erhalten bleibt“, erzählt Investor Andreas Neumann. Eine Dreifach-Sonnenschutz-Verglasung zerstört nicht das Fassadenbild durch Sonnenschutz-Jalousien.

Mit strahlenden Gesichtern quittieren die ehemaligen Fachschüler, dass ihre aus Anlass des 150. Todestages von Friedrich Schiller am 5. November 1955 gepflanzte Schiller-Eiche noch immer prächtig gedeiht. „Wir haben zur Pflanzung ,Freude schöner Götterfunken‘ gesungen – einstudiert haben wir es mit Rudolf Töpfer, der der Fachschule den kulturellen Stempel aufdrückte“, erinnert sich Jürgen Bechstein.

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