Eisenach: Die Zahl der vorgetäuschten Straftaten ist gering

Eisenach.  Die Schuldigen bei Sexualstraftaten zu ermitteln, ist keine leichte Aufgabe für die Polizei.

Wird ein Kind Opfer einer schweren Straftat, gibt es in der Landespolizeiinspektion Gotha ein speziell eingerichtetes Vernehmungszimmer für Kinder. Es gibt spezielle Möbel auch unter Maßgabe der Kinderschutzstiftung Hänsel und Gretel. Auch viele Dienststellen nutzen das Zimmer bei Befragungen von Minderjährigen.

Wird ein Kind Opfer einer schweren Straftat, gibt es in der Landespolizeiinspektion Gotha ein speziell eingerichtetes Vernehmungszimmer für Kinder. Es gibt spezielle Möbel auch unter Maßgabe der Kinderschutzstiftung Hänsel und Gretel. Auch viele Dienststellen nutzen das Zimmer bei Befragungen von Minderjährigen.

Foto: Katja Schmidberger

Ende Juli hatte eine 19-jährige Eisenacherin bei der Polizei ausgesagt, sie sei von vier Männern im Alter von 23 bis 36 Jahren zum Geschlechtsverkehr gezwungen worden. Die Beschuldigten aus Afghanistan kamen sofort in Untersuchungshaft. Anfang September erklärte die Staatsanwaltschaft in Meiningen plötzlich, die junge Frau hätte später ausgesagt, dass sie sich die Vergewaltigung ausgedacht hat. Die Folge: Die Haftbefehle wurden aufgehoben. Der Fall sorgte für Aufsehen, die öffentliche Empörung war groß, die Straftat und die überraschende Wendung waren Stadt-Gespräch und wurde von Rechtsextremen für Stimmungsmache genutzt.

Die Ermittlungen bei Sexualstraftaten sind alles andere als leicht, sagt die Leiterin der Kriminalinspektion Gotha, Bianka Ißleib. An der schwierigen Beweisführung, dass meist Aussage gegen Aussage stehe, es keine weiteren Zeugen gebe, keine eindeutige Spurenlage, sei oft nichts zu ändern. „Um so wichtiger ist es“, betont Jens Büchner vom zuständigen Fachkommissariat der Polizei in Gotha, „dass speziell geschulte Fachleute bei der Polizei mit viel Erfahrung an solchen Fällen arbeiten.“

Die mutmaßliche Herkunft der Täter spiele bei jeder Ermittlung der Polizei, wie auch bei der in Eisenach, keine Rolle, betont Dienststellenleiter Günther Lierhammer. „Jede Ermittlung erfolgt objektiv und neutral“, versichert der Leitende Polizeidirektor. Bianka Ißleib verweist auf die große Bandbreite bei Sexualstraftaten. Das reicht von Beleidigung auf sexueller Grundlage bis zu Prostitution und Pornografie, sexuellem Missbrauch von Kindern und Vergewaltigung. „Dann gilt es den einzelnen Vorwurf in seiner Gänze zu prüfen, von Wahrheit bis Lüge, ob die Tat vorgetäuscht oder in der Tat so gewesen ist bis hin zur Aufarbeitung der konkreten Tatbestände“, vermittelt die Kriminaloberrätin.

Erstkontakt mit Opfer ist entscheidend für weitere Ermittlungen

In Gotha gibt es ein eigenes Fachkommissariat, das der Erste Kriminalhauptkommissar Jens Büchner leitet. Er kann auf besonders geschulte Kollegen zurückgreifen, die neben ihrer kriminalpolizeilichen Ausbildung für die Bearbeitung von Sexualstraftaten speziell qualifiziert sind. „Opfern sexualisierter Gewalt ist mit einem besonderen Maß an Einfühlungsvermögen und Empathie zu begegnen“, betont er. Der Erstkontakt eines Opfers mit der Polizei sei oftmals entscheidend für die weiteren Ermittlungen. „Wir sind in diesem Stadium noch nicht bei der Frage, ob die Meldung wahr oder gelogen ist, sondern wir gehen immer erst einmal von einer wahrheitsgemäßen Aussage aus“, betont der Kommissariatsleiter.

„Wir legen großen Wert darauf, dass eine tiefgründige Vernehmung, die sehr ins Detail gehen muss, um eine möglichst gerichtsfeste Beweisführung zu haben, sensibel geführt werden muss“, erklärt er und hebt hervor, wie wichtig diese spezialisierte Ausbildung sei. So gibt es Beamte, die im Bereich Videovernehmung von Kindern besonders geschult ist, ebenso Kollegen, die auf die Datenauswertung von Kinderpornografie spezialisiert sind. Hinzu kommen regionale Beweissicherungseinheiten, also Beamte, die im speziellen Handy- und Mediadateien auswerten. „Es gibt heutzutage keine Straftat mehr, wo nicht irgendein Datenträger eine Rolle spielt“, berichtet Jens Büchner.

80 Prozent aller Sexualstraftaten passieren im Familien- und Bekanntenkreis. Schon häufig hat der Erste Kriminalhauptkommissar erlebt, dass Familien hinterher zerbrochen oder zutiefst zerstritten sind, wenn ein Verwandter des sexuellen Missbrauchs beschuldigt wird.

Die Arbeit der Ermittler variiert, je nachdem wie eine Sexualstraftat angezeigt wird. In Eisenach war die vermeintliche Juli-Tat gerade erst passiert, was eine zügige und aufwendige Tatortarbeit nach sich gezogen hat. Hinzugezogen werden Ärzte, Kriminaltechniker und oft auch Rechtsmediziner. Es gibt aber auch das Phänomen, dass sich Opfer erst nach Jahren zur Anzeige entschließen. Das passiere laut Ißleib öfter, wenn größere Missbrauchsfälle öffentlich werden. „Manchmal sind es auch Angehörige oder die gute Freundin, der man sich nach Jahren öffnet.“

Wichtig ist die Vernetzung mit Opferorganisationen

Bei Taten, die länger zurückliegen, ist die Ermittlungsarbeit wieder anders. Oft fehlen objektive Beweise. Hier spielen andere Fragen eine Rolle: Gibt es Zeugen vom Hörensagen? Hat das Opfer Freunden oder Familienangehörigen oder Hilfsorganisationen offenbart? Hinzu kommt: Die Täter sind gut strukturiert und verfügen über ein hohes Manipulationsvermögen. „Oft stehen Opfer auch in Abhängigkeitsverhältnissen zu ihren Peinigern“, berichtet Bianka Ißleib. „Sexualstraftaten gehören zu den ermittlungsintensivsten Straftaten“, sagt Büchner. Er hält eine Verschärfung von Strafrahmen bei Sexualstraftaten, wie aktuell wieder politisch gefordert wird, nicht für die wichtigste Option. Als Ermittler würde er sich wünschen, dass die Polizei den Verfolgungsdruck in dem Bereich durch zusätzliches qualifiziertes Personal erhöhen könnte.

Wichtig, betonen die Kriminalisten im Gespräch, ist die Vernetzung mit Opferorganisationen, aber auch anderen Behörden und Betreuungsorganisationen. „Dadurch erhellen wir das Dunkelfeld“, sagt die Chefermittlerin. Gerade mit Blick auf den Fall in Eisenach will Bianka Ißleib betont wissen, dass die Polizei jeden für glaubwürdig hält. Die Zahl der vorgetäuschten Geschichten sei sehr gering.

Die Staatsanwaltschaft in Meiningen hat das Eisenacher Verfahren wegen des Vorwurfs der gemeinschaftlichen Vergewaltigung anders als vermeldet noch nicht abgeschlossen, erklärte deren Sprecher Jochen Grundler. Zugleich wurde ein Ermittlungsverfahren gegen die Frau und eine weitere Person eröffnet, um zu klären, inwieweit die Vergewaltigung wissentlich vorgetäuscht wurde. Geklärt werden muss auch, ob sie wegen Freiheitsberaubung zur Rechenschaft gezogen werden kann.

Rund um die Uhr gibt es eine kostenlose und anonyme Beratung in vielen Sprachen beim Hilfetelefon Gewalt gegen Frauen unter Telefon: 0800/0116 016, bei sexuellem Missbrauch lautet die Telefonnummer: 0800/2255 530. Hinweise sind auch bei der Polizei in Eisenach unter Telefon: 03691/261124 möglich.