Exportschlager Stein macht Eisenach nicht steinreich

Norman Meißner über besonderes heißen Coup während des Kalten Krieges

Norman Meißner

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Foto: MGT

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Die Sehnsucht nach dem Westen ergriff die Eisenacher während der 28 Jahre währenden Ära der Demarkationslinie besonders stark, da der Westen nur ein Steinwurf entfernt, aber dennoch für die Werktätigen des Volkes unerreichbar weit weg war. Mit der Ratifikation des Partnerschaftsvertrages mit Marburg am 10. Juni 1988 keimt bei vielen Eisenachern Hoffnung, doch vor dem Renteneintritt einmal in die Partnerstadt reisen zu dürfen. Weit gefehlt! Nur die allertreuesten und mehrfach überprüften SED- und FDJ-Funktionäre dürfen zum Gegenbesuch an die Lahn. Marburgs damaliges Stadtoberhaupt Hanno Drechsler nutzte seinen Eisenach -Besuch, um einen Deal klar zu machen. Er brauchte Steine. Eisenach verkaufte Pflastersteine aus Mansfelder Schlacke, mit denen ein Teil der Fußgängerzone in Marburgs Oberstadt das historische Antlitz zurückerhielt. Die Marburger lachten, schließlich konnten sie fortan auf dem Sozialismus herumtrampeln. Die Wartburgstädter hatten ein lachendes und ein weinendes Auge. So mancher Kapitalist rutschte in der bergigen Oberstadt bei Regen auf diesen Katzenköpfen aus. Schnell macht in Eisenach der Spruch „Ach wär‘ ich nur ein Pflasterstein, da könnt‘ ich jetzt in Marburg sein“ die Runde. Mit den für Devisen ins nichtsozialistische Wirtschaftsgebiet exportieren Steine ist Eisenach nie steinreich geworden.

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