Die Zauberinnen

Heilige Elisabeth öffnet überraschende Horizonte

Stefanie Krauß
| Lesedauer: 3 Minuten
Zauberin Stefanie Krauß aus Eisenach schreibt gemeinsam mit ihrer Schwester Susanne und ihrer Freundin Carolinde Müller Wolf den Blog "Die Zauberinnen von Ost". Angelehnt an den Blog erscheint wöchentlich eine Kolumne in dieser Zeitung.

Zauberin Stefanie Krauß aus Eisenach schreibt gemeinsam mit ihrer Schwester Susanne und ihrer Freundin Carolinde Müller Wolf den Blog "Die Zauberinnen von Ost". Angelehnt an den Blog erscheint wöchentlich eine Kolumne in dieser Zeitung.

Foto: Stefanie Krauß

Fromm, hilfsbereit, selbstlos aufopfernd, kurz: ein Muster an Menschlichkeit. Wie aber war sie wohl wirklich? Bis heute scheint Elisabeth von Thüringen, die auf Geld und Krone pfiff, ja die sogar ihre Kinder weggab, recht rätselhaft.

Denen, die sich mit ihr befassen, alle Legenden kennen, die man um sie wob – und natürlich uns Eisenachern, die wir umzingelt sind von Elisabeth-Erinnerung.

„Sichtweisen“ heißt eine zum 800. Hochzeitsjubiläum des Landgrafenpaares 2021 angelaufene Ausstellungsreihe des Thüringer Museums in der Predigerkirche. Derzeit zeigt sie mit „Elisabeth & a város“ die künstlerische Interpretation von Carolin Müller-Wolf: das vor lichtem Himmelsblau in Szene gesetzte Antlitz einer jungen Frau, hellhäutig mit geröteten Wangen, keck frisiert, goldene Ohrgehänge.

Ihre Betrachter schaut sie aus dunklen Augen eindringend freundlich an, das Porträt strahlt Heiterkeit aus. „Wahrscheinlich“, so mutmaßte die Malerin, „brachte Elisabeth Farbe, Freude und Fröhlichkeit in so manches Haus.“

Folglich entstand als Teil II ihres Werks eine Stadt mit leuchtend bunten Fassaden. Solch ungetrübte Sicht auf die Heilige ist legitim, denn tatsächlich soll die gebürtige Ungarin ziemlich temperamentvoll, lebenslustig und fröhlich gewesen sein. Doch ihr Wesen hatte auch andere Facetten. Dominierend waren wohl Elisabeths Frömmigkeit und der darin wurzelnde Wille, ganz nach dem Vorbild Christi zu leben, um zum Seelenheil zu gelangen. Weil uns diese Art von Glauben völlig fremd ist, rücken wir lieber geläufige Tugenden wie Güte, Nächstenliebe und Selbstlosigkeit in den Vordergrund.

Im Jubiläumsjahr 2007 antwortete ein ausgewiesener Elisabeth-Experte auf meine Frage, mit wem aus neuerer Zeit die Heilige ihrem Wesen nach am ehesten vergleichbar wäre, dass er da die RAF-Terroristin Gudrun Ensslin vor Augen habe.

Privilegierte begibt sich in die elendsten Niederungen

Auweia, dachte ich zunächst. Andererseits – aus ihrer religiösen Sozialisation heraus sind beide zu Grenzgängerinnen geworden.

Auch Elisabeth provozierte ihre Umgebung, rüttelte an bestehenden Machtstrukturen, brach gesellschaftliche Tabus, hat nicht nur Standesgenossen brüskiert, wenn es um Gottes Gerechtigkeit ging. Die fundamentalistische, durchaus auch radikale Rebellin, die in Elisabeth gesteckt hat, wird gern überblendet, weil sie so gar nicht passen will ins liebliche Rosenwunder der Heiligen. Schon zu ihrer Zeit wurde die Außenseiterin von den wenigsten verstanden. Eine mit Reichtum und Macht Privilegierte, die sich freiwillig und freigiebig in des Lebens elendste Niederungen begibt?

Die landgräfliche Familie fürchtete um Hab und Gut, hat sie an Elisabeths Verstand gezweifelt und war vermutlich froh, als sie früh starb.

Heiliggesprochen ist die unliebsame Verblichene dann allerdings zum willkommenen dynastischen Aushängeschild geworden. „Wer bin ich, und wenn ja, wie viele?“, denke ich á la Richard David Precht, als ich vor Müller-Wolfs Bild-Duett stehe, das ja auch vom gewohnten Pfad abweicht. Was weiß man eigentlich genau über jene, die die Menschheit auf den Sockel gehoben oder heiliggesprochen hat, was kehrt man unter den Tisch?

Nehmen wir die uns dargebotenen „Sichtweisen“ zu Elisabeth einfach auf, dankbar für die davon ausgehenden Denkanstöße – sie könnten neue, überraschende Horizonte öffnen.

Sindy Hermann, Carolinde Müller-Wolf sowie Stefanie und Susanne Krauß schreiben eine wöchentliche Zeitungskolumne, angelehnt an ihren Blog „Die Zauberer von Ost“.