Jobabbau und Kurzarbeit in Westthüringen

Eisenach.  Gewerkschafter und Betriebsräte haben in Eisenach mit SPD-Politikern diskutiert, wie der Abbau von Jobs in der Autoindustrie gestoppt werden kann.

Matthias Hey (links), Vorsitzender der SPD-Landtagsfraktion, Uwe Laubach, erster Bevollmächtigter der IG Metall Eisenach-Gotha und Wirtschaftsminister Wolfgang Tiefensee diskutieren.

Matthias Hey (links), Vorsitzender der SPD-Landtagsfraktion, Uwe Laubach, erster Bevollmächtigter der IG Metall Eisenach-Gotha und Wirtschaftsminister Wolfgang Tiefensee diskutieren.

Foto: Birgit Schellbach

Mitec in Eisenach und JD Norman auf dem Kindel sind geschlossen. Bei Plastic Omnium in Großenlupnitz läuft die Produktion stufenweise bis Frühjahr 2021 aus. Kaum eine Region ist so vom Strukturwandel in der Automobil- und Zulieferindustrie betroffen wie Westthüringen.

Uwe Laubach, erster Bevollmächtigter der IG Metall Eisenach-Gotha, nennt die Zahl von 3000 Stammarbeitsplätzen, die in den vergangenen dreieinhalb Jahren abgebaut worden sind. Dazu würden noch einmal 600 bis 700 Jobs von Leiharbeitern kommen.

Der Gewerkschafter widerspricht mit diesen Zahlen dem Thüringer Wirtschaftsminister. Wolfgang Tiefensee (SPD) erwähnt 2000 Arbeitsplätze, die in Unternehmen wegfallen, die sich mit Antrieben beschäftigen. Während 3000 neue Jobs in den Branchen Interieur, Exterieur oder IT/Elektronik entstehen würden.

Laubach und Tiefensee eint wiederum die Suche nach Lösungen. Das wird am Freitag bei einer Gesprächsrunde im Goldenen Löwen deutlich, zu der die SPD-Landtagsfraktion eingeladen hat. Betriebsräte von Unternehmen wie Opel, Benteler und Kohl Automotive aus Eisenach, AE Groupe Gerstungen, Schmitz Cargobull Gotha oder Hako Waltershausen (vormals Multicar) sind gekommen.

Der Vorsitzende der SPD-Landtagsfraktion, Matthias Hey, äußert, von einigen widergespiegelt bekommen zu haben, dass die AfD eher da gewesen sei. „Deren Vertreter haben sich vor dem Werk fotografieren lassen und sind wieder weg. Da komme ich lieber später, rede mit den Menschen, weil ich helfen will“, so Hey.

Die SPD-Landtagsfraktion hat Vorschläge erarbeitet, um die Automobilindustrie beim Übergang vom Verbrennungsmotor zu Antriebssystemen wie Hybrid, Elektro, Wasserstoff oder Brennstoffzelle zu unterstützen. Tiefensee und Hey hören, was die Betriebsräte und Gewerkschafter davon halten.

Beispiel: neue Fördermöglichkeiten. Wenn ein Unternehmen dank staatlicher Hilfen moderne Maschinen kauft, diese aber im Werk in Polen aufstellt, muss nach Ansicht der Arbeitnehmervertretungen bei den Förderkriterien nachgeschärft und besser kontrolliert werden.

Beispiel: Gründung einer Transformationsagentur. Die macht aus Sicht von Uwe Laubach nur Sinn, wenn sie vor Ort aktiv ist: „Wir wünschen uns Transformationslotsen, die den Betriebsräten in den Unternehmen professionelle Hilfe geben.“ Nicht selten mache man die Erfahrung, dass Geschäftsführer „lern- und beratungsresistent“ sind. Deshalb warnt der Gewerkschafter auch davor, in den Vordergrund zu stellen, dass der Verbrennungsmotor noch zehn und mehr Jahre gebraucht werde. Auf solchen Aussage würden sich Manager ausruhen, „bis das Kind fast oder schon im Brunnen liegt“.

Beispiel: Transformationskurzarbeitergeld, um die Zeit für Weiterbildungen und Qualifizierungen zu nutzen. Laut der Betriebsräte dient die Kurzarbeit hauptsächlich dazu, Auftragsflauten zu überbrücken. Aus den Geschäftsführungen höre man das Argument, dass Beschäftigte nicht an längerfristigen Lehrgängen teilnehmen können für den Fall, die Auftragsbücher füllen sich wieder. Tiefensee erwähnt flexible Lösungen wie Web-Seminare. Er bringt die Duale Hochschule in Eisenach ins Gespräch, die ihr Profil mittels berufsbegleitender Bildungsangebote schärfen könnte.

Das Ansinnen unterstützt Eisenachs Oberbürgermeisterin Katja Wolf (Linke) ausdrücklich. Ihr bereitet große Sorge, dass in Eisenach 54 Prozent der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten in Kurzarbeit sind. Bundesweit sei das ein Spitzenwert. Kurzarbeit betreffe nicht nur die Industrie, sondern auch Gastronomie, Handel und andere Dienstleister. „Wir müssen die Kaufkraft in der Region halten“, betont der SPD-Kreisvorsitzende Michael Klostermann. Beide nehmen den Eindruck aus der Veranstaltung mit, dass ihre Sorgen ernst genommen werden. „Wir sind hoch alarmiert“, bestätigt Hey.